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Reform der Reform zur Prä-Reformzeit

Neulich habe ich mich über diesen Beitrag amüsiert. Baden-Württemberg möchte also zurück zu den Leistungsfächern, was ich wirklich nur begrüßen kann – dieser seltsame Mischmasch von vierstündigen Kursen, die irgendwo zwischen dem, was ich als Grundkurs und dem, was ich als Leistungskurs verstehe, schweben, ergibt für mich wirklich nicht viel Sinn.
Amüsant fand ich, dass ich aus einem Bundesland komme, in dem es drei „Intensivkurse“ à fünf Wochenstunden gibt, was an meiner baden-württembergischen Uni immer eher belächelt wurde, obwohl ich das System wirklich sinnvoll finde (…und mich dieses System, mal ganz am Rande, hervorragend auf das Studium vorbereitet hat!). Und siehe da, plötzlich gilt das als „neues Konzept“, nun denn. 

Ich bin gespannt auf Ende Juni, da soll der Vorschlag angeblich stehen. Nach all den Reformen klingt das doch ein bisschen nach back to the roots – die CDU BaWü spricht wieder von Leistungsfächern; an einer Schule, die sowohl G8 als auch G9 anbietet, gab es neulich ~180 Anmeldungen für G9 und noch ganze fünf für G8. Vielleicht kommt hier auch irgendwann der Vorschlag um G8 1/2 auf und alle sind ganz aus dem Häuschen? 😉

Es bleibt spannend. 

Shorty: Webkamm.

„Frau Studi, was ist ein Webkamm?“, fragt Michael. 

„Öhm, ein was?“

„Webkamm! Das steht hier. Und ich muss ein Attribut dazu finden, aber das kann ich ja nicht, wenn ich nicht weiß, was das ist. Also webt man jetzt damit oder kämmt man damit?“

„Ähm, ich schätze mal, man webt?! Aber… lass mal sehen, was da im ganzen Satz steht…“ (Wieso zur Hölle sollten Sechstklässler zu so einem Wort ein Attribut finden!?)

Ich stehe auf, aber noch bevor ich Michael erreiche, lacht Sven, der neben ihm sitzt, laut auf. „Du bist so ein Idiot!“, ruft er. „Frau Studi, Sie können sich auch wieder hinsetzen. Da steht nicht Webkamm, da steht Webcam.

Von Integration. (Noch mal, weil es so schön ist.)

Im Schulalltag geht mir nach wie vor das Herz auf, wenn ich beobachte, wie unsere Schüler die Flüchtlingskinder integriert haben. Dass sie überhaupt Flüchtlingskinder sind, wird jetzt kaum mehr erwähnt – sie sind ja inzwischen seit mindestens einem halben Jahr, meist sogar ein paar Monate länger als das Mitglieder der Klassengemeinschaft, und wenn man 11 oder 12 Jahre alt ist, ist ein halbes Jahr gefühlt schon immer.

Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht davon, wie schnell Kinder Sprachen aufsaugen – obwohl sie alle schon ‚zu alt‘ dafür sind, dass sie Deutsch noch als weitere Muttersprache hätten erlernen können, ist das Tempo dank der Immersion unfassbar hoch. Junis spricht fließend und nahezu akzentfrei: „Deutsch ist gar nicht so schwer, Frau Studi, aber in Französisch bin ich schlecht, also ist Französisch schwerer.“ Das liegt daran, dass du den ganzen Tag mit Deutsch umgeben bist und Französisch nur über Instruktion im Schulunterricht lernst, denke ich, aber ich erfreue mich einfach daran, dass ihm Deutsch leichtfällt und lache. 

Tarek spricht auch ein ziemlich gutes Deutsch, aber er fragt noch häufig nach Vokabeln. Allerdings nicht bei der Lehrkraft, sondern bei seinen Mitschülern. „Was bedeutet umziehen? Ich kenne nur anziehen  und ausziehen, fragt er während seiner Deutsch-Hausaufgaben. Sahin lässt daraufhin seinen Stift fallen und demonstriert, wie er seine eigene Jacke aus- und die Jacke von Moritz anzieht. „Siehst du, wenn du etwas aus- und etwas anderes anziehst, dann ist das umziehen.“ – „Umziehen kann aber auch die Wohnung meinen“, wirft Manuela ein. „Wenn du zum Beispiel aus deiner Wohnung in [Stadtteil A] ausziehst und in einer Wohnung in [Stadtteil B] einziehst, dann wohnst du in [Stadtteil B]. Und dann bist du umgezogen.“ Sahin nickt eifrig: „Hast du noch andere Fragen?“ 
Im Laufe der Stunde werden noch die Bedeutungen von einschüchtern, futtern und erwidern erklärt, wobei die Erklärungs- und Demonstrationsversuche der Schüler teilweise ziemlich amüsant ausfallen. „Einschüchtern ist, wenn man jemanden einschüchtert“, sagt Tom. „Ganz toll, Tom, jetzt weiß er bestiiiimmt, was es ist“, sagt Danielle und sucht selbst nach einer Erklärung. „Äh Frau Studi, das ist jetzt aber wirklich gar nicht so einfach zu erklären!“

Solche Stunden, in denen die Schüler sich wie selbstverständlich gegenseitig helfen – und ganz nebenbei auch noch Wortschatzarbeit leisten, und zwar alle miteinander – sind wirklich ein Geschenk. 

Von Grübeleien.

Lange ist’s her, dass ich einen richtigen Beitrag geschrieben habe, ich weiß. Das letzte Fachsemester (oh Schreck!) war in vollem Gange, dazu kommt zweimal die Woche die (unverändert chaotische) Arbeit an der Schule, und das, was das Leben eben sonst noch so mit sich bringt – Sport, soziale Kontakte, Netflix 😉 und Co. Aber jetzt gibt es mal wieder einen richtigen Anlass für einen Beitrag, denn ich bin ins Grübeln gekommen.

Es handelt sich um ein Grübeln, das ziemlich große Konsequenzen nach sich ziehen würde – es geht darum, wie mein weiterer Lebensweg aussehen wird. Bis vor kurzem war ich ziemlich sicher, dass ich mich nächstes Jahr von der Uni verabschieden und kurz darauf dem höllischen Ref widmen würde (nein, ich habe hierbei keinerlei Illusionen, dass das Ref „gar nicht so schlimm“ sein könnte). Das war der Plan. Eigentlich. 

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Ein Gespräch über Schulsysteme.

Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem meiner Dozenten über das deutsche Bildungssystem. Er, der selbst nicht unser System durchlaufen hat, sondern selbst in einem anderen europäischen Land aufgewachsen ist, ist ein starker Kritiker. 

Ich muss ehrlich sagen, dass ich finde, dass jedes System Vor- und Nachteile hat, und ich das deutsche System trotz offensichtlich existenter Mängel nicht für so furchtbar schlecht halte. Ich finde nicht, dass jeder Schüler denselben Bildungsabschluss, sprich Abitur, denn darauf würde es hinauslaufen, haben muss. Ich glaube nicht, dass jeder Abi und Studium braucht, und im Gegenzug denke ich, dass es viele angesehene Ausbildungsberufe gibt, was in anderen Ländern oftmals nicht der Fall ist. Wenn jeder erst mal aus Prinzip aufs College/in die Uni müsste, um gesellschaftlich zumindest halbwegs anerkannt zu werden, fände ich das gar nicht toll.
Dazu gebe ich offen zu: Ich persönlich hatte keine wirklichen Probleme mit unserem System, auch nicht mit dem, was von mir am Gymnasium gefordert wurde. Das heißt nicht, dass ich ein Universalgenie bin, aber dass ich alles machbar fand, um in jeder Klassenstufe jedes Fach zumindest zu bestehen (wenn auch nicht unbedingt glanzvoll – an dieser Stelle Grüße an meinen Physiklehrer und an das Mathe-Abitur). 

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Von Berufsvorstellungen.

Ich wundere mich seit geraumer Zeit immer öfter darüber, was Kinder für Berufsvorstellungen haben, und wo diese eigentlich herkommen. Und was das über unsere Gesellschaft und ihr Bild von einigen bodenständigen (Ausbildungs-)Berufen aussagt.
Klar, im Kindergarten oder vielleicht noch in der Grundschule ist es gängig, dass man Astronaut oder Pilot oder sonst was Seltenes, enorm Anspruchsvolles, werden möchte, weil das eben cool ist. Aber dann?

Meine Sechstklässler beschweren sich heute, dass Berichteschreiben total unnötig sei, weil das sowieso kein Mensch brauche. Ich gebe zu bedenken, dass sie es in den kommenden Schuljahren beispielsweise für ihre Praktika, später aber auch in einigen Berufen brauchen könnten.

„Ähhhhm nee, Frau Studi“, widerspricht Anna da. „Wir sind doch schließlich auf dem Gymnasium!“

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