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Reform der Reform zur Prä-Reformzeit

Neulich habe ich mich über diesen Beitrag amüsiert. Baden-Württemberg möchte also zurück zu den Leistungsfächern, was ich wirklich nur begrüßen kann – dieser seltsame Mischmasch von vierstündigen Kursen, die irgendwo zwischen dem, was ich als Grundkurs und dem, was ich als Leistungskurs verstehe, schweben, ergibt für mich wirklich nicht viel Sinn.
Amüsant fand ich, dass ich aus einem Bundesland komme, in dem es drei „Intensivkurse“ à fünf Wochenstunden gibt, was an meiner baden-württembergischen Uni immer eher belächelt wurde, obwohl ich das System wirklich sinnvoll finde (…und mich dieses System, mal ganz am Rande, hervorragend auf das Studium vorbereitet hat!). Und siehe da, plötzlich gilt das als „neues Konzept“, nun denn. 

Ich bin gespannt auf Ende Juni, da soll der Vorschlag angeblich stehen. Nach all den Reformen klingt das doch ein bisschen nach back to the roots – die CDU BaWü spricht wieder von Leistungsfächern; an einer Schule, die sowohl G8 als auch G9 anbietet, gab es neulich ~180 Anmeldungen für G9 und noch ganze fünf für G8. Vielleicht kommt hier auch irgendwann der Vorschlag um G8 1/2 auf und alle sind ganz aus dem Häuschen? 😉

Es bleibt spannend. 

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Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…

Die Zwölfer diskutieren über Vorurteile, ethnische Vielfalt und Flüchtlinge.

Sven: „Und dann heißt es ja auch immer, dass Deutsche viel zu direkt wären und immer ihre Meinung raushauen müssen und so. Ich glaub‘, das ist voll übertrieben so. Soooo schlimm sind wir ja auch nicht!“ 

Lisa: „Über die Flüchtlinge haben ganz viele Leute ganz schlimme Vorurteile, also, dass die zum Beispiel alle deutschen Frauen vergewaltigen und so. Ich hab‘ da letztens so ’ne Diskussion auf Facebook gelesen, die war richtig schockierend. Da hat dann eine vom Planck-Gymnasium in [Nachbarort] geschrieben, dass sie sich jetzt nicht mehr trauen würde, mit ihrem Hund Gassi zu gehen, weil…“

Sven: „Ahh das hab ich auch gelesen, weil die Alte denkt, dass die Flüchtlinge sie dann direkt vergewaltigen und ihren Hund umbringen würden! Nee ey, nur weil so ’ne komische Rassistenbraut da meint Äh sorry, ich bin zu dumm, ähhhh zu ängstlich, um das Haus zu verlassen, haben die Leute jetzt wieder Vorurteile…“ 

Marion: „Ich will jetzt gar nicht auf die Flüchtlinge eingehen, ich glaube, da sind wir uns alle einig, dass das fremdenfeindlicher Blödsinn ist, der da verzapft wird. Aber das mit den Deutschen und der Direktheit stimmt ja schon.“

Sven: „Gar nicht! Mit Direktsein hat das gar nichts zu tun! Aber dass die nur  unreflektierten Schwachsinn labern und andere Leute mit ihrer Dummheit anstecken, wird man ja wohl noch sagen dürfen…“



Das ist ein total toller, aufgeschlossener und toleranter Kurs, dessen Teilnehmer das Herz am rechten Fleck haben. Aber wie man auf die Idee kommen könnte, dass wir (auch Sven 😉 ) direkt sein könnten, hm, das weiß ich auch nicht so genau… 😉

Shorty: Giannis Vorlieben

Ja, auch Gianni gibt es noch! Mein Oberstufen-Nachhilfeschüler, der sich mit der deutschen (und öfter mal auch mit der englischen) Sprache ziemlich schwer tut…

Letztens sollte er einen Text über Integration – in dem Fall seine eigene – auf Englisch verfassen. Seine „Contra“-Aspekte fand ich zwar nicht so richtig contra (mal ehrlich, wer zieht deutsches Essen italienischem vor?! Hö?!), aber gut.

Gianni murmelt beim Schreiben vor sich her: „…but I really love Italian kitchen.“

„Italian cuisine“, korrigiere ich etwas abwesend. Ich schaue mir gerade an, was er bisher so in Deutsch gemacht hat. Gianni nickt und schreibt weiter.

Als ich später über den Text drüberlese, mache ich drei Kreuze, denn sonst hätte die Lehrerin sich sicherlich über diese kleine Zweideutigkeit gewundert. 

„I feel integrated in most aspects of life“, schreibt Gianni, but I really love Italian cousine.“

Fäkalwörter klassenarbeitstauglich gemacht… Oder so.

Nachhilfeunterricht mit motivierten Schülern ist etwas ganz, ganz Tolles.

So frustrierend meine meisten Berührungen mit Nachhilfe in den letzten Jahren auch mitunter waren (ob der nicht vorhandenen Motivation, Mühen und Ansätzen jeglichen Verständnisses der Ex-Schüler), so sehr ziehen einen Schüler wie Gianni wieder nach oben.

Gianni ist Italiener und lebt, obwohl er ursprünglich in Deutschland geboren ist und ein paar Jahre hier gelebt hat, erst seit knapp drei Monaten wieder in der Republik. Die letzten zehn Jahre hat er in Italien bei seinen Großeltern verbracht. Er besucht nun die 11. Klasse eines Gymnasiums und hat größte Ambitionen, trotz etwaiger Sprachprobleme ein gutes Abitur abzulegen.

Seit ein paar Wochen gebe ich Gianni auf Nachfrage einer befreundeten Lehrerin hin Nachhilfe für seinen Grundkurs Deutsch. Das Thema der unlängst geschriebenen Kursarbeit lautete „Barocklyrik“ (Ich, innerlich: „Juhuuuu! Lyrik! *auf und ab hüpf* Wenigstens was G’scheits!“ [Wie sich wohl unschwer erahnen lässt, gehöre ich zu dieser selten vorkommenden Spezies unter den Germanisten, die Lyrik toll findet. Ansonsten haben das meine Mitschüler gehasst, die meisten Lehrer auch, die Kommilitonen sowieso und letztens ließ auch die Literaturwissenschaftsdozentin ein „Oh Leute, wir müssen da noch das Gedicht zu Beginn der Novelle besprechen. … Ich weiiiß ja, ich mag Gedichte ja auch nicht…“ verlauten. Tja, ich schon. Muhaha.]). Gianni hingegen war – Überraschung – weniger begeistert.

Man entschließt sich also dazu, zur Vorbereitung zunächst auf wichtige rhetorische Mittel und die äußere Form von Sonetten einzugehen, um im Anschluss einige sehr bekannte und wichtige Gedichte gemeinsam durchzugehen.

Ich also [in etwas begeisterterem Tonfall]: „Druck mal hier Dings, Menschliches Elende aus, und dann noch Tränen in schwerer Krankheit und für die folgenden Sitzungen noch x, y und z.“
Gianni [weitaus weniger begeistert]: „Mhmmmm. *grummel* Ich find’s ja gut, dass wir einige durchgehen wollen, aber wieso ausgerechnet die?“ Ich [optimistischst]: „Weil das so die bekanntesten sind und ich gaaaaaanz dolle sicher bin, dass eines davon in eurer Kursarbeit drankommt, sofern ihr es nicht im Unterricht noch behandelt. Also, ich kann’s nun nicht beschwören, aber ich hoffe es sehr. Und ’ne reelle Chance haben wir auch, das Kursarbeitssonett vorher zu erwischen.“ Gianni [nun etwas angetaner]: „Klingt gut. Los geht’s.“
Na also. Geht doch, mit der Begeisterung. 😉

Bei Besprechung des dritten Sonetts hat Gianni den Bogen, wie man so eine Gedichtinterpretation angeht, langsam raus. Begeistert erzählt er mir zunächst etwas von Alexandriner, Quartetten und Terzetten, Antithesen, Metaphern etc. Allerdings hat er im Wortschatz aufgrund seiner kurzen Aufenthaltszeit in Deutschland noch einige Lücken aufzuweisen, was besonders bei lyrischer Sprache (wie man sich ja denken kann), schwierig ist… Und eben generell bei Begriffen, die einem nicht alltäglich unterkommen.

Gianni stolpert wieder mal über ein Wort, das ihm nicht vertraut ist. Er schweigt. Ich: „Hm? Was ist, fehlt dir ein Wort?“ – „Ja. Ich weiß nicht… ich weiß nicht, was heißt.“ Er tippt auf das Blatt. Das Wort, das ihm fehlt, ist Kot. Hmz. Juhu. Gianni: „Was heißt?“
Ich überlege kurz, ob es irgendein nettes Wort dafür gibt, das er kennen könnte… komme dann kurzerhand zu dem Schluss, ihm einfach das zu nennen, was er mit Sicherheit versteht: „Nujoar. Also, hm… Eigentlich bedeutet es Scheiße.“ (Anmerkung: Gianni ist 17 Jahre alt. Da kann man sowas ja schon mal sagen, ohne sich selbst dafür tadeln zu müssen, jetzt sowas gesagt zu haben. :D) Gianni lacht. „Achsoooo. Wieso steht das da nicht gleich?“

In dem Moment schießt mir etwas durch den Kopf. „Gianni“, sage ich, „du kannst dann aber nicht ‚Scheiße‘ in die Kursarbeit schreiben, wenn du etwas über diesen Vers schreiben willst. Das würde man dir als Ausdrucksfehler anstreichen… nicht gut. Nicht kursarbeitstauglich.“ Gianni sieht mich an, überlegt. „Mh, okay. Dann nicht. Was soll ich denn sonst schreiben?“ – Ich: „Mh, naja. Am einfachsten ist es, du zitierst den Vers einfach. Oder du schreibst Fäkalien, oder Ausscheidungen oder so. Irgendwas möglichst Neutrales.“ Gianni nickt, schreibt sich die genannten Begriffe neben den Text.

Diese Nachhilfestunde spielte sich vor ca. einer Woche ab. Gestern wurde die Kursarbeit geschrieben. Tschakkalakka an dieser Stelle: Tränen in schwerer Krankheit kam tatsächlich dran.

Gianni berichtet mir begeistert, dass er ganz viel gewusst habe und sich an ganz vieles von dem, was wir zu dem Gedicht gesagt hatten, erinnert habe. Voller Enthusiasmus zählt er mir auf, welche Stilmittel er wie gedeutet hat und wie er versucht hat, das alles möglichst gut auszudrücken. Dann sagt er: „Ja, und dann war da doch dieses Kot-Wort [klingt ein bisschen wie Code-Wort :D], ne? Und Tina, ich wusste ja, du hast gesagt, ich muss da gucken, dass ich neutrales Wort finde. Hab‘ dann auch versucht, mich zu erinnern, was du gesagt hast dafür, ne? Naja. Wusst ich nicht mehr so ganz. Aber ich hab dann ein gutes Wort gefunden.“
Ich: „Oh, und, was hast du hingeschrieben?“

Gianni guckt mich stolz an und sagt: „‚Scheiße‘ soll man ja net schreiben, gell… Also hab‘ ich hingeschrieben: ‚Ausscheißungen‘.“