Schlagwort-Archive: Kinder

Von Integration II

Vor einem halben Jahr schrieb ich schon mal von unseren Flüchtlingskindern. Ich muss sagen, dass sie mit die angenehmsten Schüler sind, die mir an der Tinalise-Schule unterkommen. Sie begegnen mir (bzw. den Lehrkräften generell) mit Respekt, sie hören auf das, was man ihnen sagt, sind stets freundlich und bedanken sich sogar für den Unterricht. Ich habe keinerlei negativen Erfahrungen mit ihnen gemacht, und das meine ich ganz ehrlich. Ich mag die Kinder unheimlich gerne.

Deshalb ist es für mich kein Problem, in einer Stunde doppelte Aufsicht zu führen. Die Lehrerin, die am Nachmittag die ganzen Kids aus den unterschiedlichen Klassenstufen zusammenpfercht, um Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, hat ein Gespräch mit dem Schulleiter, und da ich meine Sechser im Klassensaal nebenan hüte, bekomme ich die Aufsichtspflicht übertragen. Mit manchen Klassen an dieser Schule wäre es der blanke Horror (ausnahmsweise mal keine Übertreibung), denn die verhalten sich schon schwierig, wenn eine Lehrkraft im Raum ist. Sowohl mit den Sechsern als auch mit der Flüchtlingsklasse ist das aber kein Thema. 

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Von Liebesbriefen

Also, langsam beginne ich, mich alt zu fühlen, wenn ich sage: Zu unserer Zeit war das irgendwie noch alles anders. In der sechsten Klasse fanden wir Jungs eklig, was auf Gegenseitigkeit beruhte, und es war schon eine Zumutung, neben einem Exemplar des anderen Geschlechts sitzen zu müssen.

Heute schreiben die Sechstklässler Liebesbriefchen. Und auch hier hat sich etwas Entscheidendes geändert: Während sowas bei uns – wenn überhaupt – klammheimlich geschah, wird das heute aus unerfindlichen Gründen vor der gesamten Klasse demonstriert. Warum? 

Erstens hätte ich mich – obgleich ich gestehen muss, niemals einen Willst du mit mir gehen? Brief geschrieben zu haben (hab‘ ich da was verpasst?) – in Grund und Boden geschämt, wenn das irgendwer mitbekommen hätte. Zweitens kann man dadurch als Lehrperson nicht mal so tun, als hätte man es nicht mitbekommen (Mensch!), weil sich die ganze Klasse darauf stürzt, wenn Vanessa demonstrativ zu Tom läuft und ihm feierlich den Brief überreicht. Nochmal: Warum?

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Endstation Irrenhaus

Hausaufgabenstunde. Ich betrete den Raum und kann mich gerade noch wegducken, um einem fliegenden Kugelschreiber auszuweichen, der mich sonst fast am Kopf getroffen hätte. Dilara fängt an zu quieken: „Oha soooooooorryy Frau Studi, war voll keine Absicht, ich hab‘ net gewusst, dass Sie gleich reinkommen! Ich wollt Mülleimer treffeeeen!“ 

Gut. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich das Mülleimerspiel hasse? Nein? Dann sei dies hiermit nachgeholt. Das normale Programm abspulend („Tarkan, setz dich hin – nein Johannes, du kannst jetzt nichts essen – Luca, hör auf, mit deinem Geodreieck auf Latife zu zielen – Emanuel, das kannst du Ali immer noch in der Pause erzählen – Kemal, wie wär’s eigentlich, wenn du mal deine Sachen auspacken und anfangen würdest? […]“), bekommen wir irgendwie die ersten Minuten rum. 

Mikael steht plötzlich auf, läuft zur Tafel. „Äh, was hast du vor?“ Große Kinderaugen gucken mich an. „Ähhh, keine Ahnung! Wollt irgendwie… an Tafel malen oder so!“ – „?!? Nee, jetzt wird nichts an die Tafel gemalt. Setz dich wieder auf deinen Platz!“ Mikael schlurft beleidigt von dannen.

Zwischen Joshua und Dilara entbrennt die übliche Dauerschleifendiskussion. „Alda, du bist so dumm ey, guck dich doch mal aaaan!“ – „Heheheehhe nein ich bin mal gaaaar net dumm hihihihi hallo guck dich doch mal du Opfaaa, wenn einer dumm is, dann ja wohl duhu!“ – „Ohhhhne Witz, allein wie du lachst ey! Du bist so dumm!“ – „Ü-BER-HAUPT net, was laaaaabasch‘ du? Du bis‘ dumm! Du bis‘ viel dummer als ich!“ – „Dümmer“, seufze ich leise vor mich hin, stehe auf und versuche irgendwie, das Ganze zu unterbinden. Während ich mich um die beiden „dumm“ und „dummer“ kümmere, fängt Alwin an zu singen. Ich, gereizt: „Alwin! Hör auf zu singen!“ – „Abba wiesooooo, Frau Studi?!“ – „Weil’s nervt!“ – „Abba ich kann mich so viiiiiiel besser konzentrieren! Gucken Sie, ich hab‘ schon drei Sätze mehr geschrieben, seit ich singe! Krass, gell?“ Weiterlesen

Shorty: Früh übt sich…

Kurz nach Schulschluss bei den Fünfern.

Max: „Frau Studiiiiiiiii! Haben Sie sich schon gefragt, warum der Johannes und die Lea sich so gut verstehen? Jaaa, ham Sie bestimmt, oder?!?!?“

Äh, also… eigentlich nicht.

Johannes: „Oh näääää, Max! Nicht verraten ey! Nääää!“

Lea grinst.

„Neeeheeee!“

Meine Güte. Nicht schon wieder ein Fünftklässlerpärchen. Was zur Hölle ist los mit den Kiddies?!

„Der Johannes und die Lea! Diiiie siiiiind nämlich … ZUSAMMÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄN!“

Na hallelujah. Also doch. Und diese Kinder sind… 2003 geboren. Ich wiederhole: Hallelujah!

„Maaaaan, Max eyyyyy! Komm Lea, wir gehen jetzt!“

Lea: „Johannes, du darfst mir meine Schulbücher zu meinem Spind tragen.“
Johannes
bewegt sich keinen Zentimeter.
Leas Miene verdunkelt sich. „Das war Ironie und bedeutet: Du musst mir meine Schulbücher zum Spind tragen.“

 

„Sie waren doch auch mal jung!“

Wow. Und ich wollte schon Wetten darauf abschließen, wann man diesen Satz zum ersten Mal zu hören bekommt. Ich schätzte so auf irgendwann im Referendariat, wenn die Schüler einen auf mindestens 30 und damit für ihre Begriffe uralt schätzen. Tjaha. Dem war dann wohl nicht so. Sie waren doch auch mal jung. Wahrscheinlich sollte ich an dieser Stelle auch besser nicht verraten, dass ich letztens den mentales Alter Test gemacht habe und der mir bescheinigte, mein Kopf sei meinem Körper altersmäßig 15 Jahre voraus. Hmz.

Wie auch schon bei Frau Butterbrot angeklungen, ist der Fußballstickeralbenwahn nicht mehr zu stoppen. Die Unter- und Mittelstufe ist voll damit. So weit das Auge reicht: Ein Meer aus Panini-Heftchen. Und sofern man nicht schon komplett taub abgehärtet ist, hat man auch ein chronisches Pfeifen Klatschen im Ohr. Nein, das ist kein Tinnitus. Das ist das Klatschspiel der Kids, bei dem der gewinnt, dessen Spielersticker am Ende auf dem des anderen liegt.

Neulich in der 10. Stunde bei den Fünftklässlern. Es war Hausaufgabenstunde, aber die Kids hatten irgendwie schon alle Hausaufgaben erledigt. SämtlicheTests und Klassenarbeiten wurden auch unlängst geschrieben, sodass man sie ohnehin nur halbherzig auffordern konnte, doch irgendwelche Vokabeln zu wiederholen oder so. Was kam also auf? Langeweile. Und was kommt mit der Langeweile? Die Fußballsticker auf den Tisch!

Naja, gut. Mir war’s dann auch egal, so 20 Minuten vor Schulschluss. Sollten die halt spielen. Kinder, die grade keine Sticker hatten, spielten das dämliche Klatschspiel übrigens trotzdem. Mit Papierschnipseln. Ähä.
Franjo hatte sein Panini-Heft selbstredend dabei, Florian ebenso. Es wurde über den beiden Heften gehangen und getuschelt und getauscht und ge-was-weiß-ich-noch-was-t. Plötzlich stand Max vor mir. Weiterlesen

So ein Sonntag, der ist lustig…

Letzten Sonntag beschlossen der Freund und ich, ältere Leute zu ärgern.

Ja, ok, halt – ganz genau so war das nicht.

Eigentlich hatten wir das nämlich nicht einfach so aus Langeweile beschlossen, weil wir ja eigentlich ganz friedliche und respektvolle junge Menschen sind (jaha, ehrlich jetzt! *Unschuldsblick aufsetz*).
Besagte Herrschaften hatten es mit ihrer Dreistigkeit aber einfach verdient. Jawoll. 

Ich schreite dann mal zur Erläuterung, damit jetzt nicht alle Welt denkt, wir seien irgendwelche unerzogenen Assis…:

Ob des schönen Wetters beschlossen der Freund und ich, einen Spaziergang zu machen. Und weil wir die Schwester und den Schwager auf diese Weise noch ein bisschen entlasten konnten, wurden die beiden Neffen direkt miteingepackt. Es ging selbstverständlich – wie könnte es anders sein – zum Spielplatz, um sich anschließend in einer Eisdiele zu erholen (spielen ist ja auch anstrengend! ;)). 

Wir spielten also so fröhlich vor uns hin, bis sich irgendwann dann doch das fortschreitende Alter die mangelnde Kondition bemerkbar machte und wir das mit dem Spielen dann doch eher den Kindern überließen, um uns zur bitter nötigen Verschnaufpause auf eine Bank fallen zu lassen. 

Alles hätte so schön sein können, und so idyllisch – bis plötzlich:
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