Schlagwort-Archive: Hausaufgabenhilfe

Von Berufsvorstellungen.

Ich wundere mich seit geraumer Zeit immer öfter darüber, was Kinder für Berufsvorstellungen haben, und wo diese eigentlich herkommen. Und was das über unsere Gesellschaft und ihr Bild von einigen bodenständigen (Ausbildungs-)Berufen aussagt.
Klar, im Kindergarten oder vielleicht noch in der Grundschule ist es gängig, dass man Astronaut oder Pilot oder sonst was Seltenes, enorm Anspruchsvolles, werden möchte, weil das eben cool ist. Aber dann?

Meine Sechstklässler beschweren sich heute, dass Berichteschreiben total unnötig sei, weil das sowieso kein Mensch brauche. Ich gebe zu bedenken, dass sie es in den kommenden Schuljahren beispielsweise für ihre Praktika, später aber auch in einigen Berufen brauchen könnten.

„Ähhhhm nee, Frau Studi“, widerspricht Anna da. „Wir sind doch schließlich auf dem Gymnasium!“

Weiterlesen

Advertisements

Vokabellernmethoden…

Achja. Reizenderweise hat mich die Chefin überredet, trotz Praxissemester doch noch im Nachhilfe-Institut auszuhelfen. Und ich habe mich erweichen lassen – warum nochmal?! Achja, weil ich solche Äußerungen, die mich den letzten Nerv kosten, total vermisst habe.

Achte Klasse, Hauptschule, Englisch. Schülerin soll Vokabeln lernen. Tina sagt: „Aber auch die Sätze!“ Schülerin murrt. Schülerin sagt, dass sie nie die Sätze lernen muss. Reicht ja auch, wenn man völlig zusammenhangslos einzelne Wörter um sich werfen, diese aber nicht in einen Kontext einbinden kann. Und sowieso kommen in den blöden Sätzen eh immer 90% Wörter vor, die ja eben nicht gerade in den aktuellen Vokabeln sind. Woher soll man die denn dann bitteschön wissen!?

Die Schülerin lernt – mit Widerwllen – die Vokabeln. Die Sätze nicht.
Ich frage die Vokabeln ab, die Schülerin soll sie aber immer erst nennen, und dann noch aufschreiben. „Hä wie jetzt, aufschreiben?! Wieso AUFSCHREIBEN, vallah? Voll unfaiiir!“ – „Aber du musst die Vokabeln doch auch schreiben können. Was bringt dir das denn sonst im Test oder in der Arbeit, wenn du nur weißt, wie man sie ausspricht?!“ – „Schreibung is‘ meinem Lehrer eh voll egal! Der’s froh, wenn irgendjemand irgendwas weiß, was die richtige Vokabel is, so!“ […]
Weiterlesen

Shorty: Kaugummiverbot in England.

„Boah Tina, wie krass bist du, gehstu einfach nach England oder was?“

„… äh, ja, also nach Großbritannien. [Der Einfachheit halber oft England, passt schon.] Wieso findest du das so ‚krass‘, Tayfun?“ [Anm: Tayfun findet eigentlich generell alles immer ‚krass‘.]

„Ja weil, da darf man doch kein Kaugummi kauen! Is‘ da doch voll krass illegal, weischd? Find ich voll krass, da würd ich net hingehen.“

„…in England ist Kaugummikauen illegal? Ähm… Ich glaube nicht.“

„Dooooch, stand so in ein Text in Englisch letztens, schwör. Also vielleicht nicht in England-England, aber in ein Staat von England!“

„In einem Staat von England? Hä?“ Mein Gehirn rattert. Staat? Verwechselt er da grade was mit den USA, oder meint er einfach irgendein Mitglied aus dem Vereinigten Königreich? Aber da gibt’s doch auch kein Kaugummiverbot. Ich stehe auf dem Schlauch.

„Guck mal nach, in welchem Staat ‚von England‘ das sein soll, bitte.“

„Da, hier! Sin-ga-por-e [e beim Lesen bitte mitsprechen]!“

„Achsoooo, in Singapur. Ja, das ist Teil des Commonwealth, stimmt. Aber das liegt nicht in England.“

„Schwör? Lehrerin hat gesagt, ist Teil von England. Dann liegt Singapore auch in England!“

Was passiert, wenn…

…man Hausaufgabenhilfe-Kinder nicht jede Sekunde der Hausaufgabenhilfe lang beobachten kann/über ihre Aufgaben drüberschauen kann und sowas sehr Pädagogisches von sich geben kann wie etwa: „Neeee, Lia, das steht so aber nicht im Text… Lies das noch mal nach! Ja doch, das steht da! Guck mal, so in deeeeem Bereich des Textes…“ oder wahlweise auch: „Lies dir die Frage noch mal genau durch!“

Bildschirmfoto 2014-11-24 um 22.03.55

[vermutlich ist ein Klick auf’s Bild notwendig… immer diese kleinen Screenshot-Ausschnitte!]

Wie schreibe ich eine Bildergeschichte?

Hach, Nachhilfe ist doch immer wieder was Schönes.

Esras Mutter kommt zu Beginn des heutigen Arbeitstages auf mich zu. „Esra muss heute Bildergeschichte üben. Hat auch Mathe auf, aber ist egal. Bildergeschichte ist wichtig, weil bald Arbeit. Weiß ich nicht, wie ich ihm erklären soll. Hab ich Lehrerin gefragt, aber der konnte mir das auch nicht sagen. Machen Bildergeschichte mit Esra, ja? Mathe muss nix machen heute.“ Öhm, na schön. (Ich hätte vielleicht mal mit einer Art von Anrede, z.B. „hallo“ angefangen, und dann irgendwann auch mal Luft geholt, aber gut.) „Esra hat dazu auch so Mappe von Lehrerin bekommen, wo steht so Schritte wie die machen Bildergeschichte. Aber hat in Schule vergessen.“ [Anm: Wie immer. Esra vergisst prinzipiell immer alle wichtigen Materialien in der Schule. Insbesondere dann, wenn eine Klassenarbeit ansteht.]

Glücklicherweise findet sich eine Klassenkameradin, die die Liste mit den Schritten dabei hat. An dieser Stelle eine Bitte an die liebe Grundschullehrerin: Sie haben das sicherlich wirklich gut gemeint mit ihrer Liste, aber bitte nummerieren Sie solche Listen, die allgemeine Hinweise enthalten, nie wieder. Ich verbrachte geschlagene 20 Minuten damit, Esra und ihrer Klassenkameradin zu erklären, dass man nicht die Reihenfolge der Liste einhalten muss, wenn diese in etwa so aussieht:
Weiterlesen

Shorty: Erforderliche Kompetenzen? Hellsehertum!

Neulich in der Hausaufgabenhilfe:

Fatma: „Aaahhh, wir schreiben übermorgen eine Deutscharbeit! Wir müssen Deutsch üben.“

Ich: „Okay. Worum geht’s in der Arbeit denn?“

„Keine Ahnung.“

„Öh, okay, aber ein Diktat ist’s nicht?“

„Nein.“

„Und was habt ihr so in letzter Zeit in Deutsch gemacht?“

„Weiß nicht.“

„Hast du denn dein Deutschheft dabei?“

„Nein.“

„…aber dein Deutschbuch?“

„Nein.“

„Und du hast wirklich keine Ahnung, worum es in der Arbeit gehen wird. Aber du schreibst übermorgen?“

„Ja.“

„Ja, toll, und was sollen wir dann jetzt üben?“

„Na, Deutsch!“

Logo. Was frag ich auch so blöd.

Francesco, mein Held… oder so

In der Hausaufgabenhilfe, in der ich arbeite, befinden sich fast ausschließlich Schüler, die darum bemüht sind, ihren Hauptschulabschluss zu bekommen. Naja. In einigen Fällen sind wohl eher die Eltern darum bemüht, dass ihre Kinder den Hauptschulabschluss bekommen. Seufz.

Ali, Francesco, Giuseppe und Fatih bilden eine Vierergruppe. Die Jungs sind schon seit vielen Jahren in der Hausaufgabenhilfe und inzwischen alle sogar dabei, ihre mittlere Reife zu absolvieren. Sie strengen sich auch alle vier wirklich an und ich arbeite sehr, sehr gern mit ihnen. Alles liebe Kerle, die inzwischen begriffen haben, dass sie das alles nur für sich und für niemanden sonst auf der Welt machen.

Francesco ist der Beste unter den vier Jungs (oder allgemein unter allen Kids, die ich dort betreue). Er gibt sich unglaublich viel Mühe, macht seine Hausaufgaben von sich aus und ohne zu murren, fragt ständig dies und jenes nach und gibt stets sein Bestes. Kurzum: Er ist richtig motiviert, einen guten Abschluss hinzulegen. Und das liegt daran, dass Francesco Pläne hat. Er hat sich die letzen Jahre durch’s Schulsystem gekämpft, über die Hauptschule auf die Realschule, und jetzt plant er den Übergang ans Gymnasium. Ich hab‘ den Kleinen Großen richtig ins Herz geschlossen und unterstütze ihn und versuche ihm zu helfen, wo ich kann.

So kommt er beispielsweise immer zu mir, wenn er irgendwas für Englisch oder Deutsch gemacht hat, sodass ich es korrigieren kann oder, im Falle der Textproduktion, ihm Rückmeldung dazu gebe, wie gelungen ich seinen Text finde und was er besser machen könnte. Außerdem kam er letztens ganz schüchtern mit seinem Anmeldebogen für’s Gymnasium zu mir. Weiterlesen