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Shorty: Webkamm.

„Frau Studi, was ist ein Webkamm?“, fragt Michael. 

„Öhm, ein was?“

„Webkamm! Das steht hier. Und ich muss ein Attribut dazu finden, aber das kann ich ja nicht, wenn ich nicht weiß, was das ist. Also webt man jetzt damit oder kämmt man damit?“

„Ähm, ich schätze mal, man webt?! Aber… lass mal sehen, was da im ganzen Satz steht…“ (Wieso zur Hölle sollten Sechstklässler zu so einem Wort ein Attribut finden!?)

Ich stehe auf, aber noch bevor ich Michael erreiche, lacht Sven, der neben ihm sitzt, laut auf. „Du bist so ein Idiot!“, ruft er. „Frau Studi, Sie können sich auch wieder hinsetzen. Da steht nicht Webkamm, da steht Webcam.

Von Integration. (Noch mal, weil es so schön ist.)

Im Schulalltag geht mir nach wie vor das Herz auf, wenn ich beobachte, wie unsere Schüler die Flüchtlingskinder integriert haben. Dass sie überhaupt Flüchtlingskinder sind, wird jetzt kaum mehr erwähnt – sie sind ja inzwischen seit mindestens einem halben Jahr, meist sogar ein paar Monate länger als das Mitglieder der Klassengemeinschaft, und wenn man 11 oder 12 Jahre alt ist, ist ein halbes Jahr gefühlt schon immer.

Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht davon, wie schnell Kinder Sprachen aufsaugen – obwohl sie alle schon ‚zu alt‘ dafür sind, dass sie Deutsch noch als weitere Muttersprache hätten erlernen können, ist das Tempo dank der Immersion unfassbar hoch. Junis spricht fließend und nahezu akzentfrei: „Deutsch ist gar nicht so schwer, Frau Studi, aber in Französisch bin ich schlecht, also ist Französisch schwerer.“ Das liegt daran, dass du den ganzen Tag mit Deutsch umgeben bist und Französisch nur über Instruktion im Schulunterricht lernst, denke ich, aber ich erfreue mich einfach daran, dass ihm Deutsch leichtfällt und lache. 

Tarek spricht auch ein ziemlich gutes Deutsch, aber er fragt noch häufig nach Vokabeln. Allerdings nicht bei der Lehrkraft, sondern bei seinen Mitschülern. „Was bedeutet umziehen? Ich kenne nur anziehen  und ausziehen, fragt er während seiner Deutsch-Hausaufgaben. Sahin lässt daraufhin seinen Stift fallen und demonstriert, wie er seine eigene Jacke aus- und die Jacke von Moritz anzieht. „Siehst du, wenn du etwas aus- und etwas anderes anziehst, dann ist das umziehen.“ – „Umziehen kann aber auch die Wohnung meinen“, wirft Manuela ein. „Wenn du zum Beispiel aus deiner Wohnung in [Stadtteil A] ausziehst und in einer Wohnung in [Stadtteil B] einziehst, dann wohnst du in [Stadtteil B]. Und dann bist du umgezogen.“ Sahin nickt eifrig: „Hast du noch andere Fragen?“ 
Im Laufe der Stunde werden noch die Bedeutungen von einschüchtern, futtern und erwidern erklärt, wobei die Erklärungs- und Demonstrationsversuche der Schüler teilweise ziemlich amüsant ausfallen. „Einschüchtern ist, wenn man jemanden einschüchtert“, sagt Tom. „Ganz toll, Tom, jetzt weiß er bestiiiimmt, was es ist“, sagt Danielle und sucht selbst nach einer Erklärung. „Äh Frau Studi, das ist jetzt aber wirklich gar nicht so einfach zu erklären!“

Solche Stunden, in denen die Schüler sich wie selbstverständlich gegenseitig helfen – und ganz nebenbei auch noch Wortschatzarbeit leisten, und zwar alle miteinander – sind wirklich ein Geschenk. 

Von Berufsvorstellungen.

Ich wundere mich seit geraumer Zeit immer öfter darüber, was Kinder für Berufsvorstellungen haben, und wo diese eigentlich herkommen. Und was das über unsere Gesellschaft und ihr Bild von einigen bodenständigen (Ausbildungs-)Berufen aussagt.
Klar, im Kindergarten oder vielleicht noch in der Grundschule ist es gängig, dass man Astronaut oder Pilot oder sonst was Seltenes, enorm Anspruchsvolles, werden möchte, weil das eben cool ist. Aber dann?

Meine Sechstklässler beschweren sich heute, dass Berichteschreiben total unnötig sei, weil das sowieso kein Mensch brauche. Ich gebe zu bedenken, dass sie es in den kommenden Schuljahren beispielsweise für ihre Praktika, später aber auch in einigen Berufen brauchen könnten.

„Ähhhhm nee, Frau Studi“, widerspricht Anna da. „Wir sind doch schließlich auf dem Gymnasium!“

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Von Integration II

Vor einem halben Jahr schrieb ich schon mal von unseren Flüchtlingskindern. Ich muss sagen, dass sie mit die angenehmsten Schüler sind, die mir an der Tinalise-Schule unterkommen. Sie begegnen mir (bzw. den Lehrkräften generell) mit Respekt, sie hören auf das, was man ihnen sagt, sind stets freundlich und bedanken sich sogar für den Unterricht. Ich habe keinerlei negativen Erfahrungen mit ihnen gemacht, und das meine ich ganz ehrlich. Ich mag die Kinder unheimlich gerne.

Deshalb ist es für mich kein Problem, in einer Stunde doppelte Aufsicht zu führen. Die Lehrerin, die am Nachmittag die ganzen Kids aus den unterschiedlichen Klassenstufen zusammenpfercht, um Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, hat ein Gespräch mit dem Schulleiter, und da ich meine Sechser im Klassensaal nebenan hüte, bekomme ich die Aufsichtspflicht übertragen. Mit manchen Klassen an dieser Schule wäre es der blanke Horror (ausnahmsweise mal keine Übertreibung), denn die verhalten sich schon schwierig, wenn eine Lehrkraft im Raum ist. Sowohl mit den Sechsern als auch mit der Flüchtlingsklasse ist das aber kein Thema. 

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Von Liebesbriefen

Also, langsam beginne ich, mich alt zu fühlen, wenn ich sage: Zu unserer Zeit war das irgendwie noch alles anders. In der sechsten Klasse fanden wir Jungs eklig, was auf Gegenseitigkeit beruhte, und es war schon eine Zumutung, neben einem Exemplar des anderen Geschlechts sitzen zu müssen.

Heute schreiben die Sechstklässler Liebesbriefchen. Und auch hier hat sich etwas Entscheidendes geändert: Während sowas bei uns – wenn überhaupt – klammheimlich geschah, wird das heute aus unerfindlichen Gründen vor der gesamten Klasse demonstriert. Warum? 

Erstens hätte ich mich – obgleich ich gestehen muss, niemals einen Willst du mit mir gehen? Brief geschrieben zu haben (hab‘ ich da was verpasst?) – in Grund und Boden geschämt, wenn das irgendwer mitbekommen hätte. Zweitens kann man dadurch als Lehrperson nicht mal so tun, als hätte man es nicht mitbekommen (Mensch!), weil sich die ganze Klasse darauf stürzt, wenn Vanessa demonstrativ zu Tom läuft und ihm feierlich den Brief überreicht. Nochmal: Warum?

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Von Integration.

Seit wenigen Tagen haben wir jetzt auch Flüchtlingskinder an unserem Gymnasium. Zwei bis fünf pro Klasse in den Stufen 5 bis 10.

Die Deutschkenntnisse sind sehr unterschiedlich – meist gar nicht vorhanden, manchmal rudimentär. Mit Englisch sieht es schon besser aus, in den meisten Fällen jedenfalls. Einige können sich zumindest verständigen, andere haben ein weit höheres Niveau als die deutschen Schüler. Wenn alle Stricke reißen, können einige unserer Kids immerhin Türkisch – oder eben Arabisch. 

Glücklicherweise ist unser Gymnasium an Pluralismus, was Sprachen und Kulturen angeht, kaum zu überbieten. Fast in jeder Klasse haben wir mindestens ein deutsches Kind mit Arabisch als weiterer Muttersprache, mindestens ein Drittel pro Klasse ist türkisch-stämmig. 

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Shorty: Voll krass deprimierend.

Ich bin immer schockiert, was mit meinen kleinen 6ern passiert ist. Mit den putzigen kleinen Kindern, die zwar schon ein freches Mundwerk hatten, aber ja immer noch irgendwo süß waren.
Sie sind jetzt plötzlich (also gefühlt über Nacht!) in der 8. und die Pubertät hat voll zugeschlagen. Die Stimmen der Jungs sind um einiges tiefer, die Mädchen viel bunter geschminkt, und allgemein ist das einfach seltsam, dass die Kinder plötzlich keine richtigen Kinder mehr sind.

Dazu passt auch das hier:

„Salvatore, du sollst doch deine Hausaufgaben machen und nicht Hangman spielen… gegen dich selbst?! Warum überhaupt? Das ist doch total sinnlos und macht überhaupt keinen Spaß.“

„Ja, egal, weil ich eh alles alleine machen muss. *schmoll*“

„…wie zum Beispiel deine Hausaufgaben!“

„Nee ey echt nicht, ich hab‘ dafür jetzt am Wochenende eh uuuuunendlich viel Zeit. Und ich brauch‘ die Hausaufgaben für dieses Wochenende, ehrlich jetzt! Sonst dreh ich ja durch. Das wird voll krass deprimierend, wissen Sie.“

„…?“

„Ja wissen Sie, es ist doch halt Valentinstag. Und da bin ich halt ganz alleine… ich hab‘ halt kein Mädchen, und ich bin ja sogar schon 14 1/2! Voll krass deprimierend…“