Von Berufsvorstellungen.

Ich wundere mich seit geraumer Zeit immer öfter darüber, was Kinder für Berufsvorstellungen haben, und wo diese eigentlich herkommen. Und was das über unsere Gesellschaft und ihr Bild von einigen bodenständigen (Ausbildungs-)Berufen aussagt.
Klar, im Kindergarten oder vielleicht noch in der Grundschule ist es gängig, dass man Astronaut oder Pilot oder sonst was Seltenes, enorm Anspruchsvolles, werden möchte, weil das eben cool ist. Aber dann?

Meine Sechstklässler beschweren sich heute, dass Berichteschreiben total unnötig sei, weil das sowieso kein Mensch brauche. Ich gebe zu bedenken, dass sie es in den kommenden Schuljahren beispielsweise für ihre Praktika, später aber auch in einigen Berufen brauchen könnten.

„Ähhhhm nee, Frau Studi“, widerspricht Anna da. „Wir sind doch schließlich auf dem Gymnasium!“

„… na und?“, erwidere ich, und frage sie, was das denn damit zu tun habe. „Na, is‘ doch logisch. Wir sind auf dem Gymnasium, wir machen dann andere Berufe.“ Aha, denke ich. Ich führe Journalisten und das Paradebeispiel Polizisten an. „Ja eeeeeeben, Frau Studi, ich sag‘ doch: Wir sind auf dem Gymnasium! Als ob wir dann Journalisten oder Polizisten oder sowas werden! Das sollen Leute ohne Abitur machen!“Mert und Alessya nicken ernergisch. 

Ich kann fast nicht glauben, was Anna da von sich gibt. Erstens: Was bitte ist verkehrt an Berufen wie Journalist oder Polizist? Zweitens: Woher kommt dieses scharfe Urteil? Was ist da im Elternhaus los? Drittens: Anna (und auch ihre nickenden Mitschüler) selbst sind auch noch meilenweit vom Abitur entfernt, nur mal so am Rande. Viertens: Auch für diese Berufe wird mitunter Abitur verlangt.

Das ist die eine Seite, bei der ich mich frage, wie die Kinder zu so einer Sichtweise kommen. Was wird zuhause denn vermittelt? Dass nur Abitur und Studium einen guten, angesehenen Beruf hervorbringen können? Dass alles andere nicht erstrebenswert ist?

Aber Anna ist in der sechsten Klasse, und ich hoffe, dass ihr Weltbild sich noch etwas wandeln wird. Dann gibt es da aber noch meine Haupt- und Realschüler, die inzwischen in Klasse 8 gar nicht mehr so weit vom Schulabschluss und der Berufswahl entfernt sind. Auch hier höre ich nur: Lehrer, Anwalt, Architekt, Lebensmittelchemiker, Arzt („so Chirurg oder wie das heißt“). Ausbildungsberufe haben kein Prestige. Da wird bei jedem Vorschlag nur die Nase gerümpft. Manchmal inklusive: „Aber da verdient man doch voll nicht gut, nee!“ Für sich genommen schon schlimm genug, aber dazu kommt, dass diese Kinder eben wirklich weit von ihren Berufsvorstellungen entfernt sind. Zwischendurch fragt Nurgül mich, ob Abitur schwerer sei als Gymnasium. Ich erkläre, dass das Gymnasium die Schulform und das Abitur der dazugehörige Abschluss ist. „Maaan, achso. Dann doch nicht so Arzt. Dann werd ich halt Managerin von einer Firma!“

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10 Gedanken zu „Von Berufsvorstellungen.

    1. tinatainmentia Autor

      Ich glaube schon, weiß es aber nicht genau, da ich mit den Haupt- und Realschülern nur in der Nachhilfe zusammentreffe. Am Gymnasium gibt es das auf jeden Fall, aber ich glaube auch nur in den Klassenstufen 8 und 11 oder so.

      Antwort
    2. ninaxy3

      Aber schon in der 5. Klasse Berufsvorbereitung? Als ich in der 5 war hab ich an alles andere gedacht, außer daran was ich in was weiß ich wievielen Jahren mal wirklich machen will..

      Antwort
      1. tinatainmentia Autor

        Achso, bei Herrn Hauptschulblues: Naja, du musst den Kindern ja nicht einreden, dass sie sich schnellstmöglich entscheiden sollen. Aber es geht auch darum, „normale“ Berufe vorzustellen, weil sie oftmals auch bis kurz vor dem Abschluss nicht wissen, dass es noch mehr gibt außer Anwalt, Arzt und dergleichen, was viel Prestige bringt und eben in TV-Serien vordergründig dargestellt wird. Schaden kann es nicht.

      2. ninaxy3

        Ja gut das stimmt natürlich auch wieder 😀 Wir hatten neben den obligatorischen Berufsfindungsprogrammen auch noch das Angebot, dass an einem Tag Eltern ihre Berufe vorgestellt haben und man dann eine große Auswahl an Vorträgen verschiedener Berufe hatte ^^

  1. Lehrercafe

    Ich sehe es wie Hauptschulblues. Berufsvorbereitung könnte hilfreich sein. Meine Kinder, beide Gymnasium haben übrigens welchen. In Klasse 9, 10 und 12. In 12 dann natürlich eher auf Studiengänge ausgerichtet.
    I

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ja, wie gesagt, bei uns gibt es das am Gymnasium auch, ich glaube in Klasse 9 und 11, und in Klasse 8 und 10 gibt es Praktika. Wie es aber bei unseren Haupt- und Realschülern aussieht, die ich in der Nachhilfe betreue, weiß ich gar nicht so genau. Ich kann mir aber irgendwie nicht vorstellen, dass es sowas an den Schulen gar nicht gibt…

      Antwort
      1. tinatainmentia Autor

        Ist ja furchtbar! Ich halte diese Berufsberatung für sehr wichtig, gerade, um die Schüler auch auf die Vielfalt der Ausbildungsberufe aufmerksam zu machen.

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