Von Integration II

Vor einem halben Jahr schrieb ich schon mal von unseren Flüchtlingskindern. Ich muss sagen, dass sie mit die angenehmsten Schüler sind, die mir an der Tinalise-Schule unterkommen. Sie begegnen mir (bzw. den Lehrkräften generell) mit Respekt, sie hören auf das, was man ihnen sagt, sind stets freundlich und bedanken sich sogar für den Unterricht. Ich habe keinerlei negativen Erfahrungen mit ihnen gemacht, und das meine ich ganz ehrlich. Ich mag die Kinder unheimlich gerne.

Deshalb ist es für mich kein Problem, in einer Stunde doppelte Aufsicht zu führen. Die Lehrerin, die am Nachmittag die ganzen Kids aus den unterschiedlichen Klassenstufen zusammenpfercht, um Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, hat ein Gespräch mit dem Schulleiter, und da ich meine Sechser im Klassensaal nebenan hüte, bekomme ich die Aufsichtspflicht übertragen. Mit manchen Klassen an dieser Schule wäre es der blanke Horror (ausnahmsweise mal keine Übertreibung), denn die verhalten sich schon schwierig, wenn eine Lehrkraft im Raum ist. Sowohl mit den Sechsern als auch mit der Flüchtlingsklasse ist das aber kein Thema. 

Ich schlendere also zwischen den Räumen hin und her, deren Türen beide offen bleiben. Das ist auch für mich eine willkommene Abwechslung, denn den Sechstklässlern 90 Minuten lang beim Erledigen ihrer Aufgaben zuzusehen und allenfalls alle paar Minuten mal zu ermahnen, kann unfassbar langweilig und vor allen Dingen auch langwierig sein.

Alle haben sie gute Laune, unsere Sonderklasse, denn „wenn Lehrerin nicht da, ist wie Pause, Frau Studi!“ In den letzten 6 Monaten hat sich unglaublich viel getan, sie sprechen jetzt alle wirklich gut Deutsch und verstehen auch fast alles. Sie nehmen inzwischen auch am regulären Fachunterricht teil und bekommen Noten, das war im letzten Schuljahr noch anders. Besonders Arif plappert ohne Punkt und Komma. Er ist ein kleiner Frechdachs, aber wirklich auf die liebenswürdige Art.


Ich schlendere weiter hin und her und bleibe immer für 2-3 Minuten in einem Klassensaal. Irgendwie vergeht die Zeit durch das Rumlaufen schneller. „Bonjour, Madame! Ça va bien?“ ruft Arif mir beim nächsten Mal entgegen. „Ich lern auch Französisch jetzt, Frau Studi, is aber einfacher als Deutsch. Findest du auch?“ Frau Studi findet, dass Frau Studi das schlecht beurteilen kann, weil ja eins davon Frau Studis Muttersprache ist. 


„Sie kooooommt wieder!“ – „Boah Frau Studi, hab dich vermisst, du warst fünf Minuten bei andere Klasse! Voll lange!“, grinst Abdul mich an. Ibu konjugiert laut acheter„Guck Frau Studi, Arif voll so Angeber. Ich lern Französisch auch!“ 
Vielleicht klingt es für manche Leute albern, aber schon ein paar wenige Momente mit diesen Kindern machen mich glücklich. Ich will nicht wissen, was sie alles Schreckliches schon erleben mussten in ihrem jungen Leben. Oder wie genau das mit der Flucht war, also wie sie nach Deutschland gekommen sind. Aber jetzt sind sie hier, lachen und spielen, reißen Witze und lernen Vokabeln. Irgendwie reicht das schon, um mir den Tag zu versüßen.


„Wir haben da so ein Frage.“ – „Ja. Frau Studi, wie alt bist du?“ – „…weil du bist voll klein für Lehrerin!“ Arif grinst schon wieder und hat ein freches Funkeln in den Augen. Man kann mich Vieles nennen, aber klein gehört nicht dazu, er meint also wohl ‚jung‘. „Frau Studi is bestimmt so 20. Oder 22. Oder…“ – „18! … Bloß Spaß Frau Studi, meine Schwester ist 18 und so klein bist du nicht!“ – „Bestimmt 30!“ Frau Studi ist nichts davon, aber ans lustige Alter-Raten der Schüler gewöhnt. (Die Sechser erwähnen dann immer noch, welcher Kollege ihnen alles schon sein Alter verraten hat, und dass das DAS Argument ist, warum ich das auch tun sollte.)


Die Stunde neigt sich dem Ende zu. Hoffentlich taucht auch die Deutschlehrerin bald wieder auf, denn ich muss dann in ein anderes Stockwerk und zur Not einen anderen Kollegen suchen, der die Aufsicht der Flüchtlingsklasse mitübernimmt.
„Frau Studi, langsam wird langweilig. Alle Aufgaben fertig! Frau K. nicht da!“ Hm. „Psssst,  nicht jammern!“, weist Arif die anderen an, und zu mir sagt er: „Guck Frau Studi, die sind alle so, wie sagt ihr Deutschen, Streber. Können sich nicht mal freuen, dass die Lehrerin eine Stunde weg ist. Und wir haben so viele Stunden!“ – „Wie viele Stunden habt ihr denn jetzt immer Deutsch?“, frage ich. „VIIIIIER! Vier! Hintereinander! Je-den Tag! Und weißt du was, Frau Studi?“ – „Nein. Was denn?“ – „Ich finde das total scheiße.“ Ich muss unvermittelt lachen. Arif spricht inzwischen wirklich das beste Deutsch der Klasse, obwohl er vor 6 Monaten nichts weiter als „Ich bin Arif“ sagen konnte. Und mit diesem Satz – und dieser Meinung zu 4 Stunden Deutsch am Stück 😉 – ist er wohl wirklich bestens in der Schülerwelt integriert. Als ich lache, breitet sich ein ganz breites Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Aber sagen Sie das nicht zu Frau K., die ist nämlich auch voll lieb und gibt sich immer voll so Mühe mit uns!“


Frau K. ist inzwischen – kurz vor Stundenende – wieder da. Ich sage: „Ach, dann ist ja alles klar. Tschüß!“ Aus der ganzen Klasse, die insgesamt aus 12 Kindern besteht (und eigentlich nur für Deutsch eine Klasse bildet, denn sonst sind sie auf die unterschiedlichen Jahrgänge aufgeteilt), schallt mir ein lautes „TSCHÜÜÜÜÜÜÜÜÜSS, Frau Studiiiiiiii“ entgegen. Und Arif ruft hinterher: „Salut, Frau Studi, à plus!“

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3 Gedanken zu „Von Integration II

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