Von Liebesbriefen

Also, langsam beginne ich, mich alt zu fühlen, wenn ich sage: Zu unserer Zeit war das irgendwie noch alles anders. In der sechsten Klasse fanden wir Jungs eklig, was auf Gegenseitigkeit beruhte, und es war schon eine Zumutung, neben einem Exemplar des anderen Geschlechts sitzen zu müssen.

Heute schreiben die Sechstklässler Liebesbriefchen. Und auch hier hat sich etwas Entscheidendes geändert: Während sowas bei uns – wenn überhaupt – klammheimlich geschah, wird das heute aus unerfindlichen Gründen vor der gesamten Klasse demonstriert. Warum? 

Erstens hätte ich mich – obgleich ich gestehen muss, niemals einen Willst du mit mir gehen? Brief geschrieben zu haben (hab‘ ich da was verpasst?) – in Grund und Boden geschämt, wenn das irgendwer mitbekommen hätte. Zweitens kann man dadurch als Lehrperson nicht mal so tun, als hätte man es nicht mitbekommen (Mensch!), weil sich die ganze Klasse darauf stürzt, wenn Vanessa demonstrativ zu Tom läuft und ihm feierlich den Brief überreicht. Nochmal: Warum?

Die Situation ist immerhin kein normaler Fachunterricht, und es ist nicht ungewöhnlich, dass die Schüler sich öfter mal umsetzen oder durch den Klassensaal laufen. Das Konzept ist, dass sie ihre Hausaufgaben gemeinsam erledigen können, sich gegenseitig Dinge erklären (und dafür eben auch öfter mal den Platz wechseln) und gemeinsam üben können, dazu gehört beispielsweise auch, sich in kleinen Grüppchen gegenseitig Vokabeln abzufragen. 

Es ist also an sich nicht sonderlich auffällig, dass Vanessa zu Tom läuft, aber was in diesem Brief steht, den sie da demonstrativ überreicht, kann sich natürlich trotzdem jeder denken. Einige Leute luken über Toms Schulter, um mitzulesen. Tom setzt ein Kreuzchen. Dann stellt sich heraus, dass Vanessa die Frage aller Fragen auf Englisch gestellt hat. Warum? frage ich mich zum dritten Mal, abgesehen davon, dass Do you want to go with me? extrem seltsam klingt.
Tom, der „Player“ der Klasse, nimmt dies als Ausrede: „Ich hab zwar ‚yes‘ gesagt, aber ich kann doch kein Englisch! Ich hab‘ das nicht verstanden!“, was selbstredend Blödsinn ist, den Mädels aber scheinbar nicht auffällt.

Carla springt theatralisch durch den Raum: „Du brichst ihr das Herz, weil du kein Englisch kannst, das bricht ihr das Herz!“ Verständlich. Mir bricht das auch immer das Herz, wenn Kommilitonen kein Englisch können. Aber das ist ein anderes Thema. 

Nadja schreibt noch einen weiteren Brief an Tom, den ich jetzt ebenfalls (in nicht ganz so korrekter Orthographie) vor mir liegen habe:

Tom, wir wissen alle, dass du echt zu dumm bist für Englisch. Aber verdammt, wenn Vanessa dir einen supersüßen Brief schreibt und dir eine Frage stellt, die dann eben auf Englisch ist, dann strengst du dich verdammt noch mal an, das zu verstehen! Das ist schließlich nicht irgendeine unnötige Klassenarbeit, sondern das echte Leben!

Ja, echt mal. „Nichts verstehen“, das kannst du dir doch für die Klassenarbeiten aufsparen, Tom!
Carla hat sich auch 50 Minuten später noch nicht beruhigt. Mit einem „Tom bricht immer alle Mädchenherzen, Vanessa war jetzt schon die fünfte! Erst gestern in Mathe hat er Silvie das Herz gebrochen!“ verschwindet sie in den Feierabend.
Und wir fanden Jungs in der sechsten Klasse noch eklig. 

 

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5 Gedanken zu „Von Liebesbriefen

  1. Hauptschulblues

    Ich bin ja nun schon recht alt. Bei uns war auch alles immer heimlich, dem besten Freund wurde vielleicht erzählt.
    Aber nicht in der 6. Klasse, sondern in der 10. und aufwärts.
    Dass heute alles so öffentlich abläuft, hangt von unserem gesellschaftlichen Gebaren, den Medien und dem Serienkonsum ab. Leider.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Da mag etwas dran sein, also vor allen Dingen an der Sache mit den Medien. Meine Generation ist ja nun nicht sonderlich weit von der jetzigen Schülergeneration entfernt, aber trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, da liegen Welten dazwischen. Das hängt sicher auch mit dieser extremen Beschleunigung (vor allem durch die Technik) zusammen, die besonders in den letzten Jahren auffällt, finde ich.

      Antwort
  2. pimalrquadrat

    Mein jüngeres Ich hätte nur zu gerne einen solchen Brief – nicht unbedingt auf Englisch, das mochte ich bis Klasse 8 so gar nicht XD – mal bekommen. 😥

    Aber ja, das gab es so bei uns nicht, und ich bin ja auch ein paar Jahre älter als du. *hust*
    Aber klar, die Zeiten ändern sich. Warum das aber in Zeiten von Whatsapp so ostentativ geschehen muss, das verstehe ich auch nicht.

    Antwort
      1. pimalrquadrat

        Du schickst mir ja keinen. 😛

        Mein jüngeres Ich bekam halt gar keinen. Mein aktuelles Ich übrigens auch nicht, von daher würde ich vermutlich erst einmal Panik schieben…. XD

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