Von Gruppenreferaten.

Ach, ich weiß nicht, wieso das so ist, aber es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass das Leid von Gruppenreferaten kein Ende nimmt, und es nie auch einfach mal problemlos ablaufen kann. 

Ich bin vermutlich auch einfach nicht für Gruppenarbeiten gemacht. Meistens sind meine Ansprüche an die Note höher; wenn meine Mitreferenten schon die Einstellung haben, dass „alles easy ist, weil die Dozentin schon eher gute Noten vergibt, also so 2,3 oder so“, kriege ich die Krise. Im Fall der Sprachwissenschaft ist in der Regel auch mein Fachinteresse ein viel größeres („äääähm wie jetzt, du hast dir einfach mal das Lehrbuch gekauft? Und was meinst du damit, du hast auch die Studie gelesen?! Oh mein Goooott, voll Streber, chill doch mal!“), damit einhergehend ist – Obacht, ein Anflug von Arroganz könnte spürbar werden – meine Fachkompetenz in der Regel auch einfach etwas besser ausgeprägt. All diese Faktoren führen dazu, dass ich gerne das „Alphatier“ bin, das schon eine Vorstellung davon hat, wie es laufen sollte. Naja. Und ja: An der Uni ist das alles mindestens genau so schlimm wie in der Schule!

Es stand also zu meinem Leidwesen mal wieder eine Gruppenarbeit an der Tagesordnung, noch dazu in meinem Lieblingsseminar (also in irgendwas mit Linguistik! ;)). Wir mussten eine Studie zu unserem Thema recherchieren, aufbereiten, dem Kurs präsentieren und bestenfalls noch eine Art „Mini-Abklatsch“ der Studie so modifizieren, dass wir diese mit dem Kurs durchführen konnten.

Von meinen lieben Referatspartnern kam erst mal: nichts. Is klaa. „Äh, also ich hab jetzt keine Zeit, nach ’ner Studie zu suchen!“„Nee, und wo kriegt man sowas überhaupt her?“ Ja, gute Frage. Dass es diverse Datenbanken hierfür gibt und man dank Uni-ID hierzu auch den Zugang hat, könnte man spätestens im Hauptstudium schon mal mitbekommen haben. Aber nee.

Also recherchiere ich diverse Studien und lese ein paar von ihnen quer. Ich finde eine geeignete, die aber ziemlich komplex ist. Naja. Die anderen finden ja schließlich… nichts. Also: „Such einfach eine raus, die machen wir dann halt!“ Gesagt, getan. 

Die Studie beschäftigt sich mit einem komplexen grammatikalischen Phänomen, das sich in  seiner Realisierung in zwei Sprachfamilien unterscheidet. Ich: „Wir müssen eben schauen, dass die Basis gut gelegt wird. Wir müssen das Phänomen ganz eindeutig erklären und den Unterschied zwischen den Sprachfamilien deutlich machen, sonst können die uns nicht folgen.“ A. reist den Part an sich. „Kein Probleeheeeem!“ Hmz. Ich bin kritisch, denn man muss das schon wirklich gut erklären, damit der Kurs es versteht. Man sollte dafür wirklich Ahnung von Syntax haben. Und davon, wie diese lustigen Syntax-Hierarchie-Bäumchen aufgebaut und gezeichnet werden. Ich hätte das ja lieber selbst übernommen, aber gut. Ich sage: „Am besten ist, du malst einfach kurz die Struktur auf, dann wird das ziemlich deutlich. Ist einfacher, als das ohne Schaubild erklären zu wollen.“ – „Ähh meinst du diese.. Baum…dinger? – „… ja, weißt du, wie das geht?“ – „Ähh hallo, klahaaaar!“ […]

A. möchte übrigens auch unbedingt die Präsentation erstellen, weil sie das so voll gerne macht und so voll gut kann und so. Wir werden es bereuen, denn so „voll gut kann“ resultiert in dem, weshalb ich 90% aller Powerpoint-Präsentationen hasse. Überladen, übertrieben bunt, übertrieben „hihihi“. Ich verdrehe nur die Augen, viel zu retten ist da nicht. Wenigstens die Rechtschreibfehler konnte ich ausbügeln. 

„Ich hab‘ noch voooooll die gute Idee, wollen wir nicht Sühüßigkeiten an den Kurs verteilen? So als Goodie?“ Ähm… WTF?! F. und ich sind schockiert. „Bloß nicht?!“, stoßen wir beide hervor. Wir sind doch nicht im Kindergarten hier. A. ist beleidigt. 

Ein paar Tage später, in der Präsentation. A. erklärt die Grammatik… absolut unverständlich und teilweise fehlerhaft. Ich bekomme einen halben Herzinfarkt, kann aber schlecht meine eigene Gruppe unterbrechen und sagen, dass das Mist ist. Da es sich aber nur um ein „Detail“ handelt (stört mich trotzdem!), scheint es sonst kaum wer zu bemerken, auch die Dozentin nicht, da sie sich in der Sprachfamilie nicht so gut auskennt. Struktur-Skizzen finden sich natürlich auch nicht. Der Kurs ist sichtlich irritiert. Dann folgt das, was mir fast wirklich einen Herzinfarkt eingebrockt hätte. A.: „Wisst ihr, was [Fachbegriff] ist?“ Kurs guckt ratlos, ein paar schütteln den Kopf. F. und ich denken, sie wird es jetzt wenigstens erklären …wenn sie schon keine Struktur-Skizze angefertigt hat, die den Fall problemlos erläutert hätte. Weit gefehlt. A. lacht kurz auf: „Hihi, nicht so schlihimm!“ und macht unbeirrt weiter. Ganz offensichtlich weiß sie selbst nicht, was das eigentlich ist. Oh my.

Da die gesamte Studie auf dem Unterschied zwischen den beiden Sprachfamilien basiert, was A. jetzt irgendwie nicht besonders klar rübergebracht hat, versteht der Kurs auch den Rest nicht besonders gut. Als F. bei der Auswertung der Statistik in ratlose Gesichter schaut, springe ich doch ein und erkläre schnell, was A. hätte erklären sollen was der eigentlich basale Unterschied ist. Danach geht es einigermaßen. 

Als die Misere vorbei ist, bin ich innerlich außer mir und sehe meine gute Note schon dahinschwinden. Die Dozentin fand es aber scheinbar gar nicht mal so schlimm, immerhin. „Ihr hattet eine wirklich komplexe Studie und dafür habt ihr das richtig gut gemacht“, naja. Man hätte das auch richtig viel besser machen können. Aber was soll’s.

Bevor der Saal sich leert, winkt A. noch mit einer Packung Süßigkeiten. „Wir haben noch ein Goodie für aaaallleeeee!“, quietscht sie, und bevor ich meinen Kopf gegen die Wand schlage, verlasse ich lieber das Gebäude… 

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14 Gedanken zu „Von Gruppenreferaten.

  1. pimalrquadrat

    Großer Scott…. Grauenhaft. Absolut grauenhaft. Und sowas wird dann auf die Schüler losgelassen? *wo sind die drei Äffchen?*

    Ok, gut, die Goodies, also, Süßkram geht zwar immer, aber wo simma denn, Kindagartn? XD

    Was den Anspruch betrifft, neulich in der Nachhilfe, Lehramtler unter sich, also, genauer: Germanisten unter sich. Es fallen von meiner Seite die Worte „betörend“ und „Sirene“, was mit einem überraschten, beinahe schon empörten „Was hast du den für Wörter drauf? Voll krass!“ quittiert wird.*rolleye*

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Das haben F. und ich uns auch gefragt. Mehrfach. *Äffchen* Vor allem hat sie bei der Präsentation noch 1-2 Knaller mehr gebracht, die ich aus Anonymitätsgründen aber lieber nicht noch skizziere…

      Nä, wir fanden das ganz schlimm. Erstens: Richtig, hallo?! Das ist ’ne Uni? Zweitens: Das sieht nach Bestechung aus. Drittens: … but why?!

      x’D Also echt, du und dein antiquiertes, nahezu obsoletes Vokabular. Halte dich doch bitte mal zurück! :mrgreen:

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Eigentlich hätte man da Mäuschen spielen müssen, bei so nem Vortrag. XD
        Bestechung? Also, hör mal, solange es unter der Bagatellgrenze bleibt, zählt das nicht! Gewön es dir einfach an, alles unter X € darfst du annehmen. :mrgreen:

        Achja, ich bin ja eben alt. XD
        Aber klar, es ist kein Wunder, wenn da die Generation Whatsapp und co. auf die Generation Handylos trifft. XD
        Ne, natürlich, es gibt solche und solche.

    2. Herr Quer

      Universitäre Gruppenarbeiten sind wirklich das Grauen. Bei meinem letzten bestand meine Partnerin auf eine bestimmte Bezeichnungsweise für Gedächtnisbereiche und liess sich auch nicht dadurch irritieren, das ich ca. 10 Quellen hatte, die das anders sahen. Ihre einzige Quelle war ein Buch was die Dozentin zu einem anderen Aspekt empfohlen hatte. Sie wurde sehr pampig als ich das nachdrücklich als falsch bezeichnete. Ergebnis: Sie hats im Referat so gemacht wie sie wollte, die Dozentin hat es in der ganzen Folgeveranstaltung so gemacht wie ich meinte. Kommentar der Dozentin zu ihrer Quelle: „Naja, das Buch ist halt nur zu diesem einen Aspekt brauchbar, der Rest zum Gedächtnis ist veraltet. Die Kommilitonen redet seitdem nicht mehr mit mir.

      Gruppenarbeiten sind echt furchtbar.

      Antwort
      1. tinatainmentia Autor

        😀 Oh je… sowas ist einfach furchtbar. Und ich verstehe auch nicht, wieso die Leute da so uneinsichtig sind, wenn entweder die Quellen deutlich stichhaltiger sind oder man einfach definitiv mehr Fachwissen drauf hat. Dann sollen die eben der Kompetenz der anderen Person einfach mal vertrauen.
        Ja, ich hatte auch schon öfter mal den berühmten Griff ins Klo bei Gruppenarbeiten. Irgendwann mache ich das Leid mit den Kommilitonen doch noch zu einer eigenen Kolumne…

      2. pimalrquadrat

        Auh weh. Schlimm, sowas. Und natürlich, ein Abrücken von der eigenen, widerlegten Meinung, das ist unmöglich. Schlimm.
        Aber gut, immerhin hat deine Dozentin da auch ein ordentliches Feedback gegeben, das hat bei Tina ja noch gefehlt.

  2. lottaimref

    So fruchtbar das alles klingt: ich habe gerade herzlich gelacht.
    Und kann beide Seiten gut nachvollziehen. Linguistik war offen gestanden nie meines, aber ich verstehe auch deinen Standpunkt. Denn was ich nie leiden konnte, waren Leute, die nicht einsehen, dass sie etwas eben NICHT können. Oder zumindest, dass es andere möglicherweise BESSER können.
    Aber du hast es überlebt! Hoffentlich musst du nicht mehr allzu viele Gruppenarbeiten abliefern!

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ja, es ist auch okay, wenn man es nicht mag. Aber dann muss man eben nicht gerade den „wichtigsten“ Teil, der die Grundlagen legen soll, an sich reißen, und sich total kompetent aufspielen *Augenverdreh*. Die Frage ist immer noch, wie genau sich das auf die Note auswirken wird, die Dozentin rückt damit nämlich nicht so recht raus. Vermutlich werde ich das erst nach meiner Prüfung erfahren… und ich bin eben schon so ambitioniert, in Linguistik die 1 haben zu wollen. :/
      Ja, mal sehen, viele Scheine habe ich auch nicht mehr offen. Mindestens zwei Gruppenreferate kommen aber noch ganz sicher, weil die Module das irgendwie voraussetzen… :/

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  3. Hauptschulblues

    Die zu bearbeitende Studie klingt sehr interessant.
    Um welche Sprachfamilien handelt es sich?
    Ansonsten tun Sie mir einfach leid: Eine Perle vor die StudentInnen.

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    1. tinatainmentia Autor

      Romanische vs. germanische Sprachen, also sehr klassisch. 😉 Die Dozentin selbst kommt ursprünglich aber aus einer ganz anderen Ecke, also hat auch eine Muttersprache aus einer ganz anderen Sprachfamilie.
      Danke, ich tat mir auch leid… 😀 😉

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  4. rotezora.

    Generative Transformationsgrammatik, so mit Strukturbäumen? Hab ich vor über vierzig Jahren mal gemacht… Übrigens: Die Formulierung „…bin ich innerlich außer mir…“ ist ein wahres sprachliches Kleinod (was ist das jetzt wieder für ein Wort aus der Mottenkiste!) und hat mir Spaß gemacht.

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  5. frllehrerin

    Deswegen mache ich sowas immer mit Freunden zusammen. Da traut man sich auch mal, jemandem die Meinung zu sagen, wenn der nichts liefert. Aber meistens klappt es auch so. 🙂

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    1. tinatainmentia Autor

      Naja, aber man hat ja nicht jedes Seminar mit Freunden zusammen… ich war mit einer befreundet, und wir wollten eigentlich auch zu 2., aber dann haben sich die anderen beiden einfach noch dazugetragen in die Liste. Ist aber glimpflich ausgegangen, habe die Dozentin gefragt, ob es eine Gruppennote gibt, und sie ist davon abgekommen, weil sie gesehen hat, wie unterschiedlich wir waren. Und sie hat auch Andeutungen gemacht, dass sie sich so ihren Teil gedacht hat… 😉

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