Von Integration.

Seit wenigen Tagen haben wir jetzt auch Flüchtlingskinder an unserem Gymnasium. Zwei bis fünf pro Klasse in den Stufen 5 bis 10.

Die Deutschkenntnisse sind sehr unterschiedlich – meist gar nicht vorhanden, manchmal rudimentär. Mit Englisch sieht es schon besser aus, in den meisten Fällen jedenfalls. Einige können sich zumindest verständigen, andere haben ein weit höheres Niveau als die deutschen Schüler. Wenn alle Stricke reißen, können einige unserer Kids immerhin Türkisch – oder eben Arabisch. 

Glücklicherweise ist unser Gymnasium an Pluralismus, was Sprachen und Kulturen angeht, kaum zu überbieten. Fast in jeder Klasse haben wir mindestens ein deutsches Kind mit Arabisch als weiterer Muttersprache, mindestens ein Drittel pro Klasse ist türkisch-stämmig. 

So kommt es, dass unseren Kids mächtig die Brust schwillt, wenn sie jetzt als Dolmetscher für die Lehrer gefragt sind. Sie erklären halb auf Türkisch, halb auf Arabisch, teils auf Deutsch und Englisch… es ist wirklich toll mitanzusehen, wie die neuen Schüler aufgenommen werden. 

Als ich in eine Siebte komme, die ich sonst nicht habe, kommt Tom gleich auf mich zugerannt. „Frau Studi, kann ich gleich mit dem Ali und dem Ahmet rüber an einen Gruppentisch gehen? Die haben noch Aufgaben aus ihrem Deutschkurs und ich helfe denen dann immer.“ Tom ist einer der wenigen Schüler, die tatsächlich nur Deutsch als Muttersprache haben. Ja, das ist an unserem Gymnasium mittlerweile eher die Minderheit. Er ist ein guter Schüler, und ich bin richtig positiv von ihm überrascht: Er zeigte sich in den letzten Jahren immer als ein bisschen verwöhnt und arrogant. Die Eltern, beide Akademiker, arbeiten von morgens bis abends und kaufen dem Kind alles, was das Herz begehrt – als Kompensation dafür, dass sie nie zuhause sind. Entsprechend tat er mir zwar immer leid, aber er benahm sich auch immer wie das Paradebeispiel eines übermäßig verwöhnten Einzelkindes aus gut betuchtem Elternhaus.
Und jetzt engagiert er sich bei der Integration der neuen Schüler. Hilft ihnen, weil er selbst einer der wenigen ist, die die deutsche Grammatik auch auf der Metaebene durchdringen. Ich freue mich. „Sprichst du eigentlich Deutsch mit ihnen?“, frage ich, denn ich kenne die Neuankömmlinge noch gar nicht. „Mal so, mal so. Ein bisschen Deutsch und ein bisschen Englisch. So einen Mix halt, aber das geht schon.“ Die Siebtklässler, die ihre Englischkenntnisse zur Verständigung nutzen. Absolut schön zu sehen.
„Okay, let’s go, and don’t forget your books!“, ruft Tom den anderen beiden zu. Sie schauen mich etwas schüchtern an. „It’s fine, you can go with him“, sage ich. Ihre Gesichter hellen sich auf. Sie schnappen sich ihre Bücher, verlassen den Raum, und sagen „dankeschön“, als sie am Pult vorbeikommen. 

Es gibt aber auch ganz wenige Ausnahmen, mit denen wir leider kaum bis gar nicht kommunizieren können.
So bleibt ein neues Mädchen allein an einer Bank sitzen. Und tut nichts. Sie starrt einfach nur geradeaus. Ich wende mich ihr zu, frage sie, ob sie Deutsch spricht. Sie schüttelt heftig den Kopf. Englisch? Auch nicht. „Persisch, Persisch“ wiederholt sie dann mehrfach ganz leise. Hm, das ist schwierig. Persisch spricht in der Klasse niemand. Wir können mit Türkisch und Arabisch dienen, mit Italienisch, Serbisch, Chinesisch, Russisch, Afrikaans. Schulenglisch und Schulfranzösisch. Aber Persisch, nein, das haben wir nicht im Angebot. Ich bin ratlos. Bleibt nur zu hoffen, dass auch sie schnell genug ein bisschen Deutsch aufschnappen wird, um sich zumindest mit den Mitschülern unterhalten zu können.
Am Integrationswillen der Klasse scheitert es jedenfalls nicht. 

Dimitri sagt: „Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Studi. Ich konnte vor 2 Jahren auch nur Russisch, wissen Sie noch? Und gucken Sie mal, wie gut ich jetzt Deutsch spreche. Und viel, ne?“ – „Ja, allerdings, inzwischen sprichst du sogar viel zu viel!“, sage ich augenzwinkernd. Er ist einer der besten Schüler der Klasse – aber eine Labertasche. Dimitri grinst und wendet sich wieder seinem Nachbarn zu, mit dem er tatsächlich viel zu viel quatscht. In fließendem Deutsch.

„Wie viele seid ihr jetzt eigentlich in der Klasse?“, frage ich zwischendurch, weil da im letzten Schuljahr irgendwie noch deutlich mehr Schüler waren. „Nur noch 22, aber 3 sind heute ja krank, deshalb sind wir so wenige!“, antwortet Samira. „22 mit oder ohne die neuen Kinder?“ – „Ja, mit natürlich. Die gehören doch jetzt zu unserer Klasse dazu.“  

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19 Gedanken zu „Von Integration.

  1. schnipseltippse

    Von der Flüchtlingshilfe München gibt es zum gratis Download ein Heftchen in Farsi (Persisch) und vielen anderen Sprachen mit den Basics. Ich habe das für meine Leute im Deutschkurs ausgedruckt und es wird rege genutzt. Vlt könnte sich ja ein Kind, das in deinem Fach „voraus“ ist, in der Zeit, wo die anderen etwas arbeiten, mit dem scheuen Mädchen zusammen setzen und darin etwas üben. Einfach, um das Eis zu brechen…

    Antwort
  2. klassenzimmergeschichten

    Ich finde das ist ein ganz tolles Beispiel und ganz wichtig zu sehen, dass die Schüler so motiviert sind zu helfen. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich dankbar dafür bin, dass ich an meiner (Privat-)Schule nicht mit Flüchtlingskindern konfrontiert bin, weil ich nicht weiß, ob ich die zusätzliche Verantwortung, die mit dem Unterrichten von traumatisierten Kindern einhergeht, tragen kann. Ich bin selbst so sensibel und leide oft so mit den Kindern mit…und wenn dann noch die sprachlichen Hürden hinzukommen…obwohl ich sogar Deutsch als Zweitsprache unterrichten kann. Hut ab an alle Kollegen, die hier vor einer riesigen Aufgabe stehen und diese Aufgabe meistern 😀

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Absolut!
      Ich habe gehört, dass die Kinder, die zu uns gekommen sind, angeblich nicht so traumatisiert seien wie so manch andere. Ich weiß es aber nicht, kann es mir schwer vorstellen, schließlich hinterlässt das Spuren, wenn man seine Heimat so weit, auf so einer anstrengenden Reise und aus so furchtbaren Gründen zurücklassen muss. Reingucken kann man in die kleinen Seelen eben auch nicht. Aber ich hoffe, dass die Kollegen mit dieser Einschätzung ein bisschen richtig liegen.

      Den DaF/DaZ-Schein will ich später auch unbedingt machen! Hast du den übers Goethe-Institut erworben (das ist wohl die gängige Methode hier, kostet aber auch ganz schön) oder hast du das auf einem anderen Weg gemacht? Ich weiß auch, dass es DaF als eigenen Studiengang gibt, aber das ist schon ziemlich happig zusätzlich.

      Antwort
      1. tinatainmentia Autor

        Achso, okay. Das gibt es hier leider nicht, man kann nur berufsbegleitend über das Goethe-Institut einen Schein machen, der kostet aber wohl um die 1500 Euro oder so. 😦

  3. Hauptschulblues

    Ja, über Kinder läuft die Integration prima.
    Einer der schwierigsaten Schüler meiner alten Schule wächst momentan über sich hinaus. Es gibt zwei Flüchtlingsklassen und er kann Farsi (was selten ist, s.o.).

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Oh, das ist schön zu hören! 🙂 Ja, ich glaube, das gibt den Kids auch eine ganz andere Perspektive. Also, auch denen, die bei uns eher als schwierig oder so galten – sie bekommen jetzt durch bspw. ihre Sprachkenntnisse eine ganz wichtige Funktion, und da wird man nicht selten überrascht, was da Tolles draus erwachsen kann.

      Antwort
  4. pimalrquadrat

    Eine sehr schöne Geschichte, die zeigt, wie Integration gut funktionieren kann. Gerade bei jüngeren Kindern geht das noch gut.

    Wollen wir hoffen, dass dies auch mit den restlichen Millionen klappen wird.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ja, obwohl die Siebtklässler jetzt nicht mal unbedingt die „jüngeren“ Kinder mehr sind.
      Ich glaube, unsere Schule gibt durch die Vielfalt an Nationalitäten, Kulturen, Sprachen und Religionen einfach eine wirklich gute Umgebung für die Kinder ab. In etwa die Hälfte der Schüler trägt Namen, die den Flüchtlingen nicht als absolut fremd erscheinen. Und Pluralismus ist eben Alltag, sprich: Es wird ihnen viel weniger mit Vorurteilen und Ablehnung begegnet, als ich mir das jetzt beispielsweise im gut betuchten Viertel in Städten wie München oder Heidelberg vorstellen kann, wo der Migrationsanteil der Schüler generell viel geringer ist. Aber vielleicht habe auch ich da einfach nur Vorurteile. 😛

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Klar, das hilft sicherlich. Wobei es unter Umständen auch anders gehen kann, wenn aufgrund ungünstiger Zusammensetzung die Notwendigkeit, Deutsch zu sprechen, entfällt. Noch trifft das auf Gymnasien nicht zu, aber in ein paar Jahren, wer weiß… Ich bin da aber wohl (zu) pessimistisch. 😉
        Zu unserem Lebensabend können wir die heutige Zeit ja noch einmal besprechen, wie wärs? 😛

        Aber bei euch kommt es immerhin zu einem guten Austausch, das ist etwas Positives. 🙂

      2. tinatainmentia Autor

        Ja, mal sehen, wie es weitergehen wird. Heute hat es mir auf jeden Fall erst einmal das Herz erwärmt.

        (P.S.: Die Flüchtlingshilfe München, die die Schnipseltippse oben dankenswerterweise empfohlen hat, hat auch so ein Heftchen für die Basics mit Illustrationen für Französisch! Also halt für französischsprachige Flüchtlinge. 😉 Das habe ich direkt genutzt und einem gewissen Nicht-Flüchtling weitergeleitet… :mrgreen: )

  5. Tina

    Liebe Tina,

    es ist schön, so einen positiven Beitrag aus der Praxis zu lesen! Und diejenigen, die gerne Deutsch unterrichten würden, möchte ich ermutigen. Ich unterrichte es selbst (wenn auch in England) bei einer kleinen privaten Sprachschule ohne eine Qualifikation in Deutsch als Fremdsprache – allerdings habe ich Sprach- und Literaturwissenschaft studiert und habe früher auch schon mal private Sprach-Nachhilfe gegeben. Ich würde mich im Einzelfall bei den Einrichtungen erkundigen, was sie voraussetzen, es scheint nicht überall gleich zu sein.

    Schöne Grüße
    von Tina

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Das stimmt, aber das Zertifikat für DaF, um es auch bspw. als Gymnasiallehrer am deutschen Gymnasium unterrichten zu können, das kostet in meinem Bundesland ganz schön viel. :/ PaD im Ausland zu machen, ist natürlich immer eine Option 😉 Aber ich möchte nicht hauptberuflich DaF unterrichten, ich hätte nur eben auch kein Problem damit, Kurse darin zu geben, wenn ich die Qualifikation hätte. In erster Linie verfolge ich aber das „ganz normale“ Gymnasiallehrer-Ziel. 😉
      Danke für deinen Kommentar!

      Antwort
  6. bettyliest

    Danke für diesen aufbauenden Beitrag. Zumindest hier bei uns in Aachen ist diese Klassenzusammensetzung bei Gymnasien auch nicht untypisch. Das lässt hoffen, dass zumindest ein Teil der Flüchtlingskinder einen guten Start bekommt.

    Antwort
  7. Pingback: Von Integration II | tinatainmentia

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