Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Eigentlich wollte ich dazu ja gar nichts auf meinem Blog schreiben.

Nicht wollen, das kam so ein bisschen auch von nicht können. Jedenfalls konnte ich in den letzten 2,5 Tagen wahrlich nichts dahingehend zu Papier bringen. Und nun gibt es auch noch Anlässe zum Aufregen. Wie schrecklich im Allgemeinen und respektlos den Opfern gegenüber mir das erscheint, spielt dabei sicherlich eine große Rolle.

Zunächt einmal: Am Wochenende habe ich mich gefragt, was ich dazu hätte sagen sollen. Es kam mir so vor, als würde ja schon überall alles gesagt werden, was gesagt werden muss. Nous sommes unis, je suis Paris, ja, das alles, sicherlich. (Pray for Paris vielleicht nicht, denn damit kann ich persönlich nicht viel anfangen.) Auch, wenn mein eigenes Profil aus Respekt vor den anderen Nationen, die ähnlich Schreckliches durchmachen, nicht in den Farben der Tricolore erscheint, hat es mich unfassbar bewegt, wie die Welt plötzlich blau-weiß-rot wurde – auch die Wahrzeichen unserer nicht allzu großen Stadt. Aber all das bloggen und so stehen lassen? Naja, danach war mir ehrlich gesagt nicht zumute.

Zur Vorbemerkung:
Ich ordne die Geschehnisse sowie die Gedanken/Emotionen dazu hier chronologisch an. Hinaus will ich letztlich vor allem auf das, was unter „Sonntagabend“ und „Montag“ fällt. Aber nachdem ich einmal angefangen hatte, konnte ich mich auch nicht zurückhalten, auch den Rest meines Wochenendes etwas zu beschreiben…

Freitag, Samstag.
Meine Familie und ich sind mit Frankreich auf sehr unterschiedliche und äußerst intensive Arten und Weisen verbunden. Das und der Umstand, dass es uns so sehr in der Nähe, in einer so ähnlichen Kultur zu unserer eigenen getroffen hat, sind vermutlich die Gründe, weshalb es uns gewissermaßen „mehr“ mitnimmt als die Anschläge im Libanon oder die Lage in Syrien, so furchtbar das auch klingen mag. Das bedeutet nicht, dass ich das Leid dieser Menschen als geringer einstufe, es bedeutet lediglich, dass mich der Anschlag in Frankreich gewissermaßen persönlich(er) getroffen hat. 

In meiner Reaktion befand ich mich nicht nur Freitagnacht konstant im Live-Ticker mit meiner inzwischen besten Freundin in Frankreich, sondern war auch das restliche Wochenende über wie in Trance nicht vom Computer wegzubewegen. Dabei wollte ich es gar nicht mehr sehen, ich wollte auch nichts mehr davon hören. Ich habe zeitweise versucht, sämtliche sozialen Netzwerke auszuschalten und die Nachrichten-Updates zu ignorieren, es aber nie für wirklich länger als 1-2 Stunden geschafft. Ich war auch nicht fähig, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. Stattdessen befand ich mich im Dauer-Kontakt mit meinen französischen Freunden. (Zwei von ihnen stammen aus Paris – sie und ihre Familien sind unversehrt geblieben und mit einem Schock davongekommen.)

Das ging so weit, dass ich mich Samstagabend 5 Stunden lang in einem Skype-Gespräch mit der Lieblingsfranzösin befand. „You know, it all came to me in waves just before we started skyping, I cried for 10 minutes and then reminded myself that I couldn’t cry on skype, because then I wouldn’t be able to talk properly and that would be bullshit“, sagt sie. „It’s really crazy here. And I’m a bit afraid that the candle I put outside might start a fire, you know, everything’s wooden around here…“ 

Wir sprechen über alles und nichts, über Terror und Angst, über die Rückkehr zur Normalität. Über Essen, Kommilitonen, Serien. Darüber, wie verrückt diese Welt ist. Und darüber, dass wir eigentlich Wäsche waschen müssten. 

Es ist irgendwie seltsam, aber es hilft, da zu sein, zumindest virtuell. Ganz ehrlich: Gäbe es das Internet nicht, ich wäre vermutlich durchgedreht, weil ich absolut keinerlei Beistand hätte leisten können. Meinem Schwager geht das ähnlich: Auch er hat stundenlang mit der Familie im Nachbarland gesprochen. Wir sind alle geschockt, fassungslos, verletzt. Reaktionen, die nur menschlich sind, und die vermutlich die meisten hier eingeholt haben.


 

Sonntagabend beginne ich dann, meine Gedanken wenigstens ein paar Zentimeter von den Geschehnissen weg- und zur Schule hinzuleiten. Ich frage mich, wie die Lehrer es wohl handhaben werden, mit den Schülern darüber zu sprechen; einen Beitrag leisten, den Schlag, den Europa getroffen hat, zu verarbeiten. Mit sorgenvollem Blick auf die rechten Tendenzen in Deutschland und ganz Europa denke ich vor allem auch darüber nach, wie wichtig es ist, den Kindern begreiflich zu machen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Muslimen und Islamisten. Und zwischen Flüchtlingen und Terroristen. Einen gewaltigen. Gigantischen. Ein Ihr dürft die Menschen verdammt noch mal nicht in diese Kategorien stecken!. Hierzu habe ich zu viele hässliche Kommentare gelesen und grausame Äußerungen gehört. In den Köpfen einiger Erwachsener scheinen diese Unterschiede nicht klar zu sein. Und wenn wir nicht wollen, dass unsere Gesellschaft sich in diese Richtung entwickelt – und das wollen wir ganz sicher nicht! -, dann müssen wir bei den Kindern ansetzen.
Aber allen voran sollte Raum gegeben werden, um die Kinder sprechen zu lassen. Über ihre Gefühle, über ihre Ängste. Über das, was sie nun beschäftigt. Und hierbei finde ich – aber das ist wohl lediglich meine persönliche Auffassung – dass das Fach keine Rolle spielt. Diese Art von Ereignisverarbeitung gehört für mich zum Lehrerjob einfach dazu. Wenn unsere Welt in eine Art Ausnahmezustand gerät, dann können wir nicht morgens mit Geometrie weitermachen, als wäre nichts gewesen, und keine Striche für nicht geschriebene Erörterungen von Freitag auf Montag verteilen. Wenn man schon nicht unbedingt darüber sprechen will, dann sollte man doch zumindest die Gelegenheit bieten. Das Fach gerät hierfür völlig in den Hintergrund. Da gibt es kein Verstecken hinter „die Kollegen aus Politik/Religion/Klassenleiter werden das schon richten“. Und nein, das muss nicht von 8-16 Uhr in jeder Schulstunde durchexorziert werden. Aber irgendwann im Laufe des Tages sollte es doch schon geschehen, wenn nicht gar zum Schulbeginn, denn es sind nun mal die ersten Schulstunden nach den Ereignissen.

Ich denke an die Klassenstufe, die ich montags in den ersten beiden Stunden sehe: eine Achte. Das heißt, die Kinder sind etwa 13-14 Jahre alt, sie wurden etwa 2001/2002 geboren.
Ich für meinen Teil, ich bin alt genug, um 9/11 nicht nur aus Geschichtsbüchern zu kennen. Ich erinnere mich noch gut an die Aufarbeitungsarbeit, die damals in meiner Schule betrieben wurde, inklusive Schweigeminute auf dem Schulhof. Einige von uns haben damals die Angespanntheit in der Atmosphäre nicht verstanden, und konnten überhaupt nicht nachvollziehen, wieso ein paar Lehrer(innen) weinten. Auch darüber muss man reden.
Ich bin außerdem jung genug, dass die beiden großen Amokläufe Deutschlands während meiner Schulzeit stattfanden. Hier verläuft es irgendwie ähnlich – Fassungslosigkeit, Trauer, aber auch Angst, dass es einen selbst treffen kann. Auch all das wurde an meiner damaligen Schule thematisiert, und ich war froh darüber. Kleider machen Leute, Prozentrechnung und die Organe des Menschen konnten dafür auch bis zum nächsten Tag warten – es gab an diesen Tagen Wichtigeres mit der Unterrichtszeit anzufangen. 


 

Montag.

Auf der Fahrt zur Schule höre ich im Radio, dass die europaweite Gedenkminute um 12 Uhr stattfinden wird. Ich schlucke kurz und gehe fest davon aus, dass das in den Schultag heute auf jeden Fall integriert wird.

Zum Scherzen ist mir irgendwie nicht zumute. Generell geht es mir nicht sonderlich gut, und ich tue mir schwer mit diesem „Normalitäts“kram. Ja, ich weiß, dass das wichtig ist, und ja, ich weiß, dass wir dahin zurückmüssen. Ist klar. Geht nur nicht so schnell. Ein bisschen bin ich selbst überrascht ob meiner starken Reaktion, schließlich ist das „der dritte Tag danach“. Als ich ins Lehrerzimmer komme, sind aber alle anderen mit ihren Gemütern ganz dieselben, die sich freitags lachend ins Wochenende verabschiedet haben. Es wird darüber geredet, wie nervig die Unterrichtsvorbereitung dieses Wochenende wieder war, dass die Korrekturen nicht ganz geschafft wurden, und dass man Freitagabend ja den neuen Bond Film gesehen habe.
Ich halte einfach nur meine Klappe.

Ein nicht sonderlich sympathischer Zeitgenosse, der allerdings mir sehr sympathische Fächer unterrichtet, betritt den Raum. Ein Kollege schaut auf und fragt: „Na, Manfred. Du als Romanistik-Liebhaber, der du ja selbst jahrelang in Frankreich gelebt hast, und Politikwissenschaftler… was sagst du dazu?“ Ich horche auf. Ich finde die Formulierung etwas seltsam, die Frage an sich auch, aber es ist das erste, das ich an diesem Montag zu den Vorfällen vernehme.
Manfred schnaubt nur. „Hab’s ja gleich gesagt“, beginnt er. „Hab’s ja eigentlich die ganze Zeit schon gesagt. Überrascht mich ü-ber-haupt nicht. Ich wusste, dass das so kommt. Damit war zu rechnen und damit muss man jetzt eben auch leben.“ Die Kälte und Empathielosigkeit in seiner Stimme bringt mich ehrlich zum Zittern. Ich muss den Raum verlassen, um keine emotionale Szene hinzulegen. 

Vor der Englischstunde in meiner Achten frage ich die betroffene Lehrkraft kurz: „Ähm, wie ist das jetzt, haben Sie jetzt eigentlich vor, normalen Unterricht zu machen, oder …“, setze ich an, und bekomme direkt ein leicht verwirrtes, aber fröhliches: „Ja na klar, wieso denn auch nicht?!“ zur Antwort. Ähm, ja, wieso denn auch nicht. „Naja, ich dachte eben, dass Sie vielleicht was sagen würden wegen der Anschläge… oder die Kinder vielleicht Redebedarf hätten oder so…?“ – „Achsooo, das. Nö, also eigentlich nicht. Außer die kommen jetzt damit an. Sonst aber nicht.“ Überraschenderweise (irony off) kommen die Schüler in den 3 Sekunden nach dem üblichen „good morning“ Gesinge nicht damit an, denn viel wichtiger ist es für die Lehrkraft zu erfahren, wer seine Ausgabe von Uncle Tom’s Cabin zuhause vergessen hat. Es folgt… eine Doppelstunde zu ebenjener Lektüre. Sonst nichts.

So geht es auch in den nächsten Stunden weiter. Ich bin inzwischen ziemlich aufgewühlt, denn ich finde diesen Umgang schlicht und ergreifend unerträglich. Ja, vielleicht haben die Schüler ja auch so gar keinen Redebedarf. Das glaube ich zwar nicht ganz (jedenfalls nicht für jede Klassenstufe), aber selbst wenn es so wäre – dann hätte man zumindest mal das Angebot machen können. Und über diesen etwaigen Redebedarf hinaus hätte ich es eben auch wirklich wichtig gefunden, klaren Abstand von neo-braunem Müll zu nehmen und das auch so klar zu machen. Aber nee, is‘ nicht.

Zurück im Lehrerzimmer streiten sich zwei Kollegen lauthals über die Kopierer. Mir wird schlecht.
Als ich kurze Zeit später mit 2 Mitpraktikantinnen alleine im Lehrerzimmer bin und diese über belanglose Dinge plaudern, fragt mich eine der beiden plötzlich, ob eigentlich alles in Ordnung sei, weil ich so still wäre. Ich weiß nicht, wieso diese simple Frage letztlich der Auslöser ist – aber nach drei Tagen bricht der Damm endlich, leider nur ungünstigerweise in der Schule und nicht zuhause, naja. Ich muss ein paar Tränen vergießen, erklären, wie sehr mich der Schock ob Familie und Freunde in und um Paris mitgenommen hat, und dass ich so gerne da wäre, um eben, naja, da zu sein. Oder zumindest gern etwas täte, irgendetwas, und vor allen Dingen: Wie schrecklich ich es finde, dass heute so getan wird, als sei nichts passiert. Dass einfach zurück zum Alltag übergegangen wird, kommentarlos.
Ich fange mich aber auch schnell wieder. Es überrascht mich nur selbst, dass es mich ausgerechnet hier, in dieser Situation, übermannt hat.

Eine Kollegin sagt um etwa Viertel vor 12: „Denken Sie auch an die Schweigeminute um 12, ja. Die machen alle Klassen. Aber der Schulleiter sagt das bestimmt auch kurz vorher noch mal durch.“
Seit 9 Uhr etwa findet sich diese Ankündigung auch auf dem Vertretungsplan – neben den französischen Farben. Eine Durchsage kommt allerdings nicht.
Ich habe in dieser Stunde frei, und weil ich lieber allein sein möchte, verlasse ich das Schulgebäude rechtzeitig und verbringe ein paar ruhige Minuten auf dem Schulhof. Als ich zurückkomme, erzählen mir die anderen: „Also, hier im Lehrerzimmer war denen das ja scheißegal. Wir haben zwar die Schweigeminute gemacht, aber Manfred und Sabine, die haben einfach weitergearbeitet als sei nichts, und im Nebenraum wurde gequatscht und gelacht.“ Ich könnte ob dieser Respektlosigkeit und Heuchlerei, denn so empfinde ich das, wenn man Schülern etwas vorbetet, das man hinter geschlossenen Türen selbst nicht befolgt, direkt wieder in Tränen ausbrechen, halte mich aber dieses Mal zurück. Im Laufe des Tages erzählen noch mehr entrüstete Kollegen, dass sie während ihrer Schweigeminute vom Lärm in den benachbarten Klassensälen gestört worden seien.  […]


 

Das berühmte Sprichwort habe ich im Titel dieses Beitrages bewusst umgekehrt. Schweigen, den Opfern Respekt zollen und Anteilnahme zeigen, das ist unsagbar wichtig. Aber auch das Reden und Verarbeiten, vor allem aber auch die Aufklärung sind zentral. Ansonsten landen wir irgendwann noch in einer Gesellschaft, in der ich für meinen Teil nicht leben möchte.
Und ja, man muss zurück zum Alltag, keine Frage. Zurück zu Geometrie, den Organen des menschlichen Körpers und Uncle Tom’s Cabin. Auch zurück zu Beschwerden über Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen, Kinobesuchen und Diskussionen über Belanglosigkeiten. Aber ein paar Momente des Innehaltens, gefolgt von ein paar (wenigen) Stunden des Redens, der Aufarbeitung und der Klarstellung einiger zentraler Aspekte, die sollten vor der Rückkehr in diesen Alltag ihren Platz finden.

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10 Gedanken zu „Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

  1. pimalrquadrat

    Ach Tina, das ist echt heftig. Klar, das Leben muss weitergehen. Aber wo wenn nicht in der Schule ist der Ort, um darüber zu reden, die Jugendlichen mitzunehmen und ihnen Raum zu bieten, ihren Gedanken, vielleicht auch Sorgen und Ängsten Luft zu verschaffen? Oder eben kruden (Eltern-)Ansichten Paroli zu bieten?

    Ganz ehrlich, auch wenn Lehrer auch nur Menschen sind, hier hab ich höhere Ansprüche an sie als nur billige, kalte Kommentare und Gleichgültigkeit.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Geht mir genau so. Für mich gehört es zu den Pflichten und zur Verantwortung eines Lehrers dazu, genau diesen Raum zu geben – und ja, genau solche Dinge anzusprechen und klarzustellen. Menschlichkeit, ein offenes Ohr, moralische Bildung – das sind Dinge, die hier im Vordergrund stehen. Nicht das Vermitteln von Fachwissen, das kann danach wieder kommen.
      Aber mit dieser Meinung steht man wohl leider gar nicht mit der Mehrheit da…

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Mein alter Franzlehrer meinte immer: „Die Mehrheit entscheidet, aber die Intelligenz ist bei wenigen“. So hart es klingt, aber das trifft es doch in dieser Situation, auch wenn es da eher richtung emotionale Intelligenz geht. Bzw. vielleicht sind auch andere Lehrer davon betroffen, aber kompensieren das mit übermäßig „normalem“ Verhalten?

      2. tinatainmentia Autor

        Weiß nicht. Ein paar wenige gab es schon, die da auch mit den Schülern gesprochen haben. Aber es war eben deutlich die Minderheit. Und „von oben“ kam dahingehend – anders als bei Lilo – auch absolut gar nichts. Nichts von wegen „geben Sie den Schülern da Raum nach der Schweigeminute“ o.Ä.

      3. pimalrquadrat

        Sind dann eben die guten Lehrer. Vor denen hab ich großen Respekt, weil sie auch menschlich fähig sind.
        Leider kann nicht jede Schule so eine Leitug wie die Hennersche Schule haben, obwohl es in dieser Hinsicht ganz sicher wünschenswert wäre.

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