Von (Bruchrechnen und) Elternabenden I

So ein Elternabend, der ist lustig… denn da wird einem einiges geboten, von „aah, das ist auf jeden Fall der Vater von Lucas“, über „What?! DAS ist die Mutter von Chiara? Aber… das Mädchen ist doch eigentlich voll lieb die ist ja irgendwie ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hätte“ bis hin zu „oh Gott, sicher, dass das hier der Elternabend ist?! Und wieso verhalten die sich dann trotzdem wie… naja, wie ihre Kinder halt?!“ 

Und so weiter und so fort. Und wenn man Pech hat, dann kommt nach bereits 90 minütiger Diskussion tatsächlich der Moment, in dem man sich wieder um 12 Stunden zurückversetzt fühlt und denkt, es hätte gerade zur 3. Stunde geläutet, denn…

… die arme Mathelehrerin muss ran. Chiaras Mutter möchte Bruchrechnung erklärt bekommen. Ja bitte, wirklich jetzt. Und zwar jetzt sofort. „Zeigen Se doch mal!“ Sonst kann Chiara-Mama dem armen Sechstklässlerkindlein ja nicht bei den Hausaufgaben helfen.
Natürlich kann Chiara-Mama ja aber Bruchrechnung. Keine Frage! Nur halt nicht so, wie das heutzutage so komisch gemacht wird, wegen na, also, früher war ja alles besser anders. Und wie das heute ist, versteht das ja kein Mensch! Kein Wunder, dass Chiara keine 1 mit Sternchen nach Hause bringen kann, bei diesen Eigenarten!

Die Mathelehrerin beginnt also, wahllos Brüche an die Tafel zu schreiben. „Da nehmen wir jetzt mal, na was weiß denn ich, 3/5 oder so…“ Ich muss mich beherrschen, nicht gleich genervt zu seufzen/stöhnen. Ernsthaft, Leute?! Es ist mittlerweile weit nach 20 Uhr, ich bin morgens um 7 (nein, nicht dieses nervige Lied) in der Schule gewesen, muss irgendwann noch nach Hause, Unterricht vorbereiten… und wer braucht eigentlich Mahlzeiten?!

Aber stattdessen sitzen wir hier, und kriegen Nachhilfe in Mathe. 6. Klasse. Also, eigentlich nur Chiara-Mama. Aber dann kam auch Tobias-Papa und fand das ganz spannend jetzt. Er war nämlich auch schon ganz überfordert von dieser neuen, skurrilen Schreibweise und so!

Wir lernen zum drölfzigsten Mal, wie man Brüche kürzt. Und erweitert. Und „könnten se vielleicht noch mal zurück zum Kürzen…“ und dann noch mal zurück zum Erweitern und überhaupt… ein Teufelskreis entbrennt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mein Abendessen vorbeiziehen, ebenso die Hoffnung darauf, noch an diesem Tag ins Bett zu kommen.

Tobias-Papa versteht nicht, wieso man jetzt keine fünfzehn Zwischenschritte aufschreiben soll. Früher war das doch aber so. „Is‘ doch aber auch nicht falsch, wenn man Zwischenschritte macht“, versucht die Mathelehrerin, Tobias-Papa und die andren aufgebrachten Mamas und Papas zu beruhigen. „Und mit Schmierblatt geht ja auch und so… und Nebenrechnungen… is‘ doch immer ok, dafür gibt’s doch keine Abzüge und so!“ 

Die Deutschlehrerin schaut desinteressiert aus dem Fenster, Clemens nimmt mit einem sehnsüchtigen Blick zur Kenntnis, wie im Raum gegenüber das Licht gelöscht wird.
„Ich versteh jetzt ja aber immer noch net, wieso ich da jetzt die Zahl nimmi hinschreib. Da war doch immer noch so ’ne Zahl halt.“ – „Haja, die, mit der man erweitert halt.“ – „Ja, und wo schreiben wir die jetzt hin?!“ – „Niiiiirgends! Des mache mer im Kopf, Leude!“ Leude. Ich glaube, die Mathelehrerin sieht inzwischen längst nicht mehr Chiara-Mama und Tobias-Papa, sondern Chiara und Tobias selbst vor sich. „Aber früher wurd‘ des immer noch so hingeschrieben.“ – „Ajaaaaaa, in Klasse 5, Frau Chiara-Mama, in Klasse 5! Da mache mer des! Jetz nimmer! Wir müssen auch mal ’n bissl fortschrittlicher werden, gell!“

Mit diesen Worten verstummen Chiara-Mamas und Tobias-Papas Einwände. Bestimmt sind sie jetzt beleidigt. Oder so. Aber früher war ja auch alles ganz anders…

Der Zwischenstand:
Chiara-Mama und Tobias-Papa haben ein Problem. Ihre Versetzung ist gefährdet. Zum Glück kann ja jetzt die Deutschlehrerin weiter machen, die als nächstes das schulinterne Nachhilfeinstitut vorstellen wird…

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15 Gedanken zu „Von (Bruchrechnen und) Elternabenden I

  1. schnipseltippse

    Wieso hast du nicht angeboten, einen Unterrichtsbesuch zu machen und dann dort das Thema für alle Interessierten einmal durchgehechelt? Sowas gabs bei uns echt noch nie. Und ich renne jetzt schon seit 15 Jahren zu sämtlichen Elternabenden. Ich glaube, ich wäre geplatzt.
    Mich nerven ja schon kürzere Fragen solcher Art immer zu Tode. (Vor allem, weil ich bei 80% keine Ahnung habe, wovon die Eltern reden, weil meine Kinder das meistens alleine machen und ich gar nix mitbekomme, ich böse Rabenmutter 😂)

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Na, weil es etwas doof gekommen wäre, wenn ich als Praktikantin mich da eingemischt hätte… :mrgreen: Die Mathelehrerin hätte das ja mal anbieten können! 😆
      Ich fand das auch hammerhart…

      Haha, ach, das ist doch auch gut so. 😉 Ich habe mein Zeug auch spätestens ab Klasse 4/5 alleine gemacht, ich glaube, meine Eltern wussten auch nie, was ich da eigentlich mache. :mrgreen: Und was machen die übereifrigen Eltern denn mit Fächern/Inhalten, von denen sie so absolut gar keine Ahnung haben?! Also, wenn die Kinder z.B. Latein lernen, und die Eltern entweder gar keine 2. Fremdsprache oder Französisch hatten?! 😮 Schock lass nach! :mrgreen:

      Antwort
      1. schnipseltippse

        Ach so, du warst als Praktikantin dabei. Dann ist klar.
        Aber ehrlich, da muss man doch als Lehrer einen Schlussstrich ziehen dürfen, wenn ein Elternabend so ausartet.
        Dass die anderen Eltern das so mitgemacht haben…

  2. pimalrquadrat

    Woah, die können auch alle kein Bruchrechnen? 😯
    Ok, ich mach gleich am Montag die Elternhilfe auf, für engagierte Eltern wird da der Mathestoff noch einmal so erklärt, dass sie ihn ihren Kinderleins beibringen können, genau!

    Aber mal ehrlich, es gibt mehrere Schreibweisen, keine Frage. Die einen streichen beim Kürzen einfach durch und schreiben die gekprzten Zahlen drüber, die anderen schreiben ans Gleichheitszeichen die Zahl, mit der wahlweise gekürzt oder erweitert wird, und und und. Ist auch immer spannend zu sehen, was da alles unterrichtet wird, zumal Dinge wie Teilbarkeitsregeln und Primfaktorzerlegung leider nicht mehr jeder unterrichtet (bekommt). Seis drum, aber als Eltern kann man eigentlich in der Lage sein zu erkennen, dass sich an der Rechnung nichts geändert hat, bestenfalls daran, wie es aufgeschrieben wird. Und ein richtiger Lösungsweg bleibt auch richitg. *seufz*

    Kein Wunder, dass deine Tage so lang sind, wenn du diesen Mist auch noch mitmachen musst. 😦

    PS: Bitte sag mir nicht, dass die Deutschlehrerin dann noch Rechtschreibung mit denen wiederholt hat? ^^‘

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    1. tinatainmentia Autor

      :mrgreen: Mach das mal! Das ist bestimmt DIE Geschäftsidee! 😆

      Klar gibt es mehrere Schreibweisen. Die Mathelehrerin ist auch schön sämtliche durchgegangen, die du genannt hast 😆 Um dann zu sagen, dass das ja doch immer das gleiche ist, und halt alles richtig. Und dass es ja nicht falsch ist, die Zahl noch hinzuschreiben, mit der man z.B. erweitert, das in Klasse 6 normalerweise aber unterlassen wird und man das halt einfach im Kopf macht. Weiß jetzt auch nicht, wieso man die „3“ oder „5“ oder was auch immer da jetzt unbedingt noch hinschreiben will, aber bitte, soll man doch einfach machen…

      Ja, aber die Elternabende sind ja jetzt zum Glück geschafft. Whew! 😀

      Haha, zum Glück nicht! 😀

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Ganz sicher. Schick einfach diese Eltern zu mir, ok? 😉

        Ha, siehste, ich bin gut! XD
        Aber eben, unterm Strich sind die alle gleichwertig. Und die Zahlen hinzuschreiben macht man hauptsächlich mit den kleineren Schülern. Das ist wie das Abzählen an den Fingern bei Division und Multiplikation, irgendwann in der Mittelstufe sollte man das aufgegeben haben und es im Kpf machen können.
        Ne, manchmal stehen die Eltern sich und den Kindern auch etwas im Weg. ^^‘

        Warts ab, das war nicht dein letzter Elternabend. 😛

      2. tinatainmentia Autor

        Ja, das meinte ja genau dieser Dialog auch 😉 :

        “Ich versteh jetzt ja aber immer noch net, wieso ich da jetzt die Zahl nimmi hinschreib. Da war doch immer noch so ‘ne Zahl halt.” – “Haja, die, mit der man erweitert halt.” – “Ja, und wo schreiben wir die jetzt hin?!” – “Niiiiirgends! Des mache mer im Kopf, Leude!” Leude. Ich glaube, die Mathelehrerin sieht inzwischen längst nicht mehr Chiara-Mama und Tobias-Papa, sondern Chiara und Tobias selbst vor sich. “Aber früher wurd’ des immer noch so hingeschrieben.” – “Ajaaaaaa, in Klasse 5, Frau Chiara-Mama, in Klasse 5! Da mache mer des! Jetz nimmer! Wir müssen auch mal ‘n bissl fortschrittlicher werden, gell!”

  3. herr_mess

    Ist ja furchtbar! Habt ihr an Elternabenden keine Zeitslots? Damit könnte man solche Spirenzchen ganz schnell begrenzen. Bei uns sind das maximal 10 Minuten. Für Größeres müssen die Eltern in die Sprechstunde kommen…

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    1. tinatainmentia Autor

      Gute Idee eigentlich. Nein, leider wird das so nicht gehandhabt – die Regel ist, dass alle Hauptfachlehrer mal vorbeischneien sollen, dem ist aber keine zeitliche Begrenzung gesetzt. Normalerweise dauert das nur so 5 Minütchen, aber in dem Fall wurde die Mathelehrerin halt etwas beansprucht… Ich fand das auch unmöglich. Zum Glück hat niemand die Lateinlehrerin noch nach sämtlichen Deklinationen gefragt, die ist nämlich Klassenleiterin und war daher die ganzen 2 Stunden über vor Ort… 😉

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  4. klassenzimmergeschichten

    Hahahahahahaha, entschuldige bitte aber die sind ja echt zum Schreien und leider weiß ich ganz genau, dass es sich genauso zugetragen haben kann. Gut auch, wie du die Eltern Tobias-Papa und Chiara-Mama genannt hast; vielleicht übernehm ich das 😉

    Antwort
  5. crownbender

    Hardcore!
    Ich hab mich ab der Achten geweigert, Elternabende zu besuchen, den Kindern hat’s nicht geschadet. Als einmal bei einer Infoveranstaltung für eine „weiterführende“ Schule eine Mutter in der Tat fragte, ob das Abitur dort Harvard-tauglich wäre, da stand ich kurz vor der psychischen Dekompensation.
    Ich muss jeden bewundern, für den solche Sprüche zum täglichen Brot gehören. Hut ab!

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Haha, oh weia! Dafür hat mir mal jemand erklärt, dass nur ein Abitur, das komplett auf Englisch abgelegt wurde, international – also auch im Ausland, auch in Harvard! 😉 – anerkannt würde. Soso. 😉

      Antwort

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