Von (kleinen und großen) Erfolgen.

Englischunterricht stört mich dann, wenn sich zu viel Deutsch darin findet.
Und so geht es mir über lange Zeit in meiner sechsten Klasse, in der mein Betreuungslehrer entweder selbst Vieles auf Deutsch sagt, oder einiges zweisprachig macht: Die Anweisung wird zuerst auf Englisch, dann auf Deutsch gegeben. Auch bei ganz gängigen Dingen, die im Schulkontext ständig vorkommen – Schlagt das Buch auf Seite 113 auf – einhundertdreizehn!, Schreibt das von der Tafel ab!, Versuch mal, das auf Englisch zu sagen!, Das hat Manuel vorhin schon gesagt! […] 

Ganz gerade heraus: Das verstehe ich nicht. Deutsch im Fremdsprachenunterricht ist für mich nur da sinnvoll, wo es um kompliziertere Sachverhalte/Erklärungen geht, wie jetzt z.B. ein neues grammatikalisches Phänomen, bei dem man sicherstellen muss, dass das auch wirklich der letzte Schluri kapiert. Aber Sätze, die immer und immer wieder fallen, und die für eine sechste Klasse nicht unsagbar kompliziert sind – die muss man nicht auf Deutsch sagen. Außerdem kann man so viel über Gestik und/oder Zeichnungen machen, oder Dinge so einfach erklären, dass die Kinder das auch in der Fremdsprache verstehen – zumindest, wenn sie schon in der Grundschule Englisch hatten und auch am Gymnasium schon ein „intensives“ (5 Stunden pro Woche) Lernjahr hinter sich haben. 

Ich spreche den Lehrer immer mal wieder vorsichtig darauf an. „Wie viel Deutsch sollte im Englischunterricht denn vorkommen?“ – „Faktisch gar keines, der Bildungsplan fordert die Einsprachigkeit“, antwortet er. A-ha. Dass der Bildungsplan die Einsprachigkeit fordert, das wusste ich auch vorher schon. Warum der Lehrer das dann aber so gar nicht umsetzt, das ist mir immer noch nicht klar. Manchmal frage ich mich aber, ob ihm das selbst so gar nicht auffällt… 

Die Parallelklasse ist viel stärker. Der Lehrer, der hier unterrichtet, ist schon etwas älter und verweigert sich dem Deutschen rigoros. „What did you say? I don’t speak that terrible language“, wirft er den Schülern an den Kopf, wenn diese etwas auf Deutsch sagen. Die Schüler kichern dann und kramen in ihrem Gedächtnis, wie sie das doch noch auf Englisch sagen könnten. Irgendwie klappt es immer. (In der Regel beziehen sich auch die Fragen der Schüler auf die typischen Dinge wie Soll ich das dahin schreiben? Kann ich das auch ins Heft machen? Kann ich mit meinem Partner arbeiten? etc. Es ist jetzt ja nicht so, dass der Lehrer verlangt, dass sie jetzt eine hochkomplexe Diskussion über Bildungssysteme führen oder so…) 

Irgendwie klappt das also. Auch in Klasse 6. Ich versuche es noch mal beim Lehrer „meiner“ Klasse, und sage: „Der Herr Dr. H., der spricht ja nur Englisch mit den anderen. Und irgendwie klappt das auch.“ – „Joa“, antwortet mein Betreuungslehrer, „bei normalen Klassen klappt das ja auch. Aber die, die sind halt so schlecht, da geht das gar nicht. Man kann mit denen einfach nicht nur Englisch durchziehen. Das läuft nicht.“ 

Ich will das irgendwie nicht so richtig glauben. Ja, die Klasse ist leistungsschwach, sehr sogar. Vom simple past ist nichts mehr da, und das ist eigentlich noch Stoff der Klasse 5. Auch so ist es schwierig, gerade Sätze von den Schülern zu hören, und das he/she/it -s braucht auch niemand. Aber dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass man es den Kindern wirklich so gar nicht begreiflich machen könnte, dass der normale Unterricht (wie gesagt, schwierigere Erklärungen/Lerninhalte ausgenommen) auf Englisch laufen sollte. Und außerdem frage ich mich, wie sie es überaupt jemals lernen sollen, wenn sie wissen, dass es ja doch immer noch auf Deutsch wiederholt wird und sie auch jederzeit ins Deutsche ausweichen können… 

Ich beschließe, es einfach zu wagen. Ich ignoriere das „das geht einfach nicht mit denen“ von Clemens, meinem Ausbildungslehrer. Ich will versuchen, eine Stunde komplett auf Englisch durchzuziehen – irgendwie. 

Da die Klasse so leistungsschwach ist, passe ich im Vorfeld auch meine Aufgaben etwas an. Vor allem die zur listening comprehension sollten vielleicht etwas einfacher gehalten sein. Irgendwie wird das schon schiefgehen, denke ich. 

Als ich beginne, die neuen Vokabeln auf Englisch einzuführen, gucken die Kinder mich erst mit großen Augen an. Ich spreche aber langsam und so deutlich wie möglich – und die Kinder nicken. Ich möchte die Vokabeln nur im äußersten Notfall übersetzen, also überlege ich mir, Fragen zu stellen / die Vokabeln in die Lebenswelt der Schüler zu integrieren, um zu sehen, ob sie sie verstanden haben. Es funktioniert. Zu allen übertragenen Fragen erhalte ich die richtigen Antworten – die Schüler verstehen schon, was ein floor ist, ohne, dass ich ihnen das deutsche Stockwerk dazu nennen muss. Our school have has 4 floors, my house have has 2 floors, my room is on the first floor und so.

Auch in den anderen Unterrichtsphasen kommen wir erstaunlich gut voran. Nachdem ich das vierte Mal erwähnt habe, dass ich Antworten nur in complete sentences möchte, hat auch Liliane verstanden, dass sie mir nicht nur London an den Kopf werfen soll. Auch meine Fragen zum Text, den wir uns angehört haben, werden schnell beantwortet. Vielleicht habe ich die Klasse doch unterschätzt und die Fragen zu einfach gestaltet, also erweitere ich sie spontan und erfrage doch noch das ein oder andere Detail oder lasse die Kinder die Antworten noch begründen.

All das funktioniert. Wenn die Kinder sprachliche Fehler machen, verwende ich nicht Clemens‘ „Achtung, da war ein Fehler drin, wie muss das denn eigentlich heißen?“, sondern signalisiere auch hier auf Englisch, dass etwas nicht ganz gestimmt hat. Auch das funktioniert.

Die Stunde ist keineswegs perfekt, und sie ist sicherlich auch kein bahnbrechendes Phänomen an Methodenvielfalt, außergewöhnlichem pädagogischen Geschick oder sonstigem geworden. Ob die Kinder inhaltlich sooo viel mitgenommen haben, das weiß ich auch nicht. Dennoch feiere ich all diese Dinge als kleine Erfolge, jede Etappe für sich. 

Am Ende der Stunde, bevor die Schüler in die Pause stürmen, richtet Clemens noch mal das Wort an die Kinder. Ob das von nun an wirklich der Fall sein wird, weiß ich noch nicht, aber vorerst erfreue ich mich wahnsinnig daran. „There will be a new rule in this classroom“, sagt er. „Forget about German. From today on, we’ll just be speaking English in this class.“

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8 Gedanken zu „Von (kleinen und großen) Erfolgen.

  1. herr_mess

    Brav! Ich selber nutze in den Stunden Deutsch auch nur dann, wenn wir neue Grammatik einführen. Aber selbst die ist bei einigen Kollegen komplett auf Englisch. Das gibt bei uns immer ein gewisses Spannungsfeld: Wieviel Deutsch darf man im Englischunterricht nutzen. Eigentlich gilt auch bei uns Einsprachigkeit. Aber selbst die genehmigten Lehrwerke nutzen in ihren Grammatikkapiteln ausschließlich Deutsch. Das hab ich damals so auch im Referendariat gelernt. Ich würde mich immer daran halten, was die Vorgaben durch das Lehrwerk sind. Aber gut, dass du mehr Mündlichkeit einforderst. Vielleicht profitierst du auch von Rory’s Story Cubes, um sie ein bisschen zum Sprechen zu bekommen 🙂
    https://herrmess.wordpress.com/2015/09/24/shakeem-muendlichkeit-durch-schuettelbilder/

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    1. tinatainmentia Autor

      Ich finde Deutsch bei neuer Grammatik wie gesagt legitim, zumindest in den unteren Klassen auf jeden Fall. Aber für das allgemeine Unterrichtsgeschehen und eben absolute Standardphrasen finde ich das total sinnfrei… ich würde auch nur extrem schwierige Vokabeln übersetzen, und sonst einfach immer versuchen, die irgendwie durch Kontext zu erklären.
      Ja, dafür ist die 6 glaube ich noch zu leistungsschwach, aber ich bombardiere sie jetzt eben mit deutlich mehr Englisch, damit sie sich daran gewöhnen und zumindest die passiven Kompetenzen geschult werden, und Ein-Wort-Antworten lasse ich auch nicht gelten – ein vollständiger Satz darf es schon sein. 🙂

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  2. pimalrquadrat

    Yay, Tina revoluzzt den Englischunterricht! 😀
    Gut gemacht! 🙂
    Und ja, vielleicht ist das ein typischer catch22 gewesen, weil der gute Clemens nie versucht hat, es auf Englisch zu versuchen, haben die Schüler es nie auf Englisch probiert, sodass er dachte, dass… 😉

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  3. klassenzimmergeschichten

    Super gemacht. Ich bin an meiner Schule die einzige Englischlehrerin im Grundschulbereich und spreche von Stunde 1 an nur Englisch (okay, ich erwische mich manchmal dabei, dass was Deutsches rauskommt). Aber bevor ich etwas auf Deutsch wiederhole, lasse ich es eher noch die Schüler machen…Sobald man die Schüler dran gewöhnt, dass sie es noch auf Deutsch serviert bekommen, schwindet die Anstrenungsbereitschaft. Also: Weiter so!

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