Vokabellernmethoden…

Achja. Reizenderweise hat mich die Chefin überredet, trotz Praxissemester doch noch im Nachhilfe-Institut auszuhelfen. Und ich habe mich erweichen lassen – warum nochmal?! Achja, weil ich solche Äußerungen, die mich den letzten Nerv kosten, total vermisst habe.

Achte Klasse, Hauptschule, Englisch. Schülerin soll Vokabeln lernen. Tina sagt: „Aber auch die Sätze!“ Schülerin murrt. Schülerin sagt, dass sie nie die Sätze lernen muss. Reicht ja auch, wenn man völlig zusammenhangslos einzelne Wörter um sich werfen, diese aber nicht in einen Kontext einbinden kann. Und sowieso kommen in den blöden Sätzen eh immer 90% Wörter vor, die ja eben nicht gerade in den aktuellen Vokabeln sind. Woher soll man die denn dann bitteschön wissen!?

Die Schülerin lernt – mit Widerwllen – die Vokabeln. Die Sätze nicht.
Ich frage die Vokabeln ab, die Schülerin soll sie aber immer erst nennen, und dann noch aufschreiben. „Hä wie jetzt, aufschreiben?! Wieso AUFSCHREIBEN, vallah? Voll unfaiiir!“ – „Aber du musst die Vokabeln doch auch schreiben können. Was bringt dir das denn sonst im Test oder in der Arbeit, wenn du nur weißt, wie man sie ausspricht?!“ – „Schreibung is‘ meinem Lehrer eh voll egal! Der’s froh, wenn irgendjemand irgendwas weiß, was die richtige Vokabel is, so!“ […]

Drei Minuten später schreibt sie die Vokabeln dann doch auf. Sie wusste alle, aber naja. Introdaction, from allover england, haf a hour, its over und so. Schreibung ist halt eh voll egal.
Außerdem finde ich das schrecklich, dass das Kind zwar stupide Wortpaare wiedergeben kann, diese Wörter aber nun mal nicht in Sätze integrieren kann. Ich nehme letztlich als ersten Anhaltspunkt doch die Sätze aus dem Buch, schreibe sie auf Deutsch hin und fordere die Schülerin auf, sie zu übersetzen.

Die Schülerin scheitert. Und zwar am ersten Satz. Am ersten Wort.
Frankreich ist ein großes Land in Westeuropa. Für Klasse 8 kein unzumutbarer Satz, wie ich finde. Die Vokabel, um die es sich hier dreht, ist übrigens West-/westlich

„Boah voll schwer, ich weiß da jetzt nur ‚Frankreich‘ und ‚is‘. Und ‚groß‘ is ‚big‘ oder so, kann des sein? Aber was is‘ Land überhaupt? Und vallah, war gar nicht in den Vokabeln alles!“

Sie beginnt zu schreiben: Frankreich is… „Haaalt stop“, sage ich, und erinnere mich dabei selbst ein bisschen an den Frauentausch-Andreas (wer das nicht kennt, darf sich jetzt kurz freuen, denn an dem ist das Assi-TV spurlos vorbeigezogen). „Was ist denn Frankreich auf Englisch?“ Ich werde verständnislos angestarrt. „Frankreich is Frankreich, vallah.“ – „Nö.“ – „Dann keine Ahnung man. Wer weiß denn sowas?“ 


Ich kapituliere noch nicht. „Lernst du nicht auch Französisch?“ – „Doch, wieso?“
„Na, was ist denn Frankreich auf Französisch?“ Jetzt ändert der Blick sich von verständnislos zu bist du eigentlich wahnsinnig?„…auch nich‘ Frankeich oder was? Verarsche man! Und woher soll man SOWAS jetzt wissen?!“ 

Nachdem wir geklärt hätten, dass man Frankreich nicht einfach Englisch oder Französisch aussprechen kann, kommen wir endlich weiter im Satz. Oder auch nicht. Denn die Schülerin schreibt: France is a big land in Westeuropa. Ich seufze theatralisch. Innerlich, versteht sich. Man muss ja pädagogisch bleiben und so. 

Wir klären country (nein, das heißt immer noch ‚kantry‘, nicht ‚kauntry‘, auch wenn die scheiß Werbung das hundert Mal falsch ausspricht!), wir klären Europe … und western, das war doch eigentlich die Vokabel. Die sie ja eigentlich auch wusste, nur halt im Satzzusammenhang nicht. 

Ähnlich wie in dieser Episode geht es weiter. Wir quälen uns unendlich lange durch 9 Beispielsätze. Madonna ist auf der ganzen Welt sehr berühmt. Eine halbe Stunde später klingelt das Telefon. Gott sei Dank ist es vorbei.
Etwas anderes als die aktuelle Vokabel hat man sowieso nicht parat. Und wenn die aktuelle Vokabel dann im Satz nicht genau so übersetzt oder verwendet wird, wie sie im Vokabelverzeichnis steht, dann kennt man selbst diese nicht mehr. 

Nach der Stunde bin ich mal wieder mit meinen Nerven am Ende. Das Anglistikherz blutet. Ich hoffe, dass wenigstens irgendwas bei der Schülerin hängenbleibt.
Doch am Ende zuckt sie nur die Schultern und sagt: „Lehrer fragt eh nur Vokabeln einzeln ab. Und Schreibung is‘ ja eh voll egal.“ Damit verlässt sie den Raum.

Thank God it’s over, kann ich nur noch denken.

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16 Gedanken zu „Vokabellernmethoden…

  1. pimalrquadrat

    Ohje. Falls es dich tröstet, den Tenor bekomme ich von „meinen“ Hauptschülern auch regelmäßig zu hören. „Warum eine Rechnung aufschreiben, es wird eh nur aufs Ergebnis geschaut“ und solche Dinge.
    Ich frag mich da, ob es wirklich vom Anspruch her so niedrig ist, dass die Kinder dann auch auf Sparflamme schalten, oder ob diese Kinder einfach nicht „mehr“ können. Was so oder so traurig ist und ein Stück weit erklären könnte, warum Hauptschulen so wenig ansehen genießen.

    Antwort
      1. pimalrquadrat

        Sicherlich. Aber es ist schon erschreckend, weil das unterm Strich unser Minimalstandard beim Abschluss ist, und der damit wirklich sehr niedrig hängt.

  2. herr_mess

    Auweia. Was für eine Zeitverschwendung.. für beide Seiten 😦 Da kann ich ja von meiner sechsten Klasse in Englisch nur träumen. DIE könnten diesen Satz auch übersetzen. :-/

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    1. tinatainmentia Autor

      Ja… es ist aber auch so nervenaufreibend, wenn der Lehrer da scheinbar tatsächlich nicht in diese Richtung zieht. Wenn man den Kindern antrainiert, dass isolierte Wörter ausreichen und die Orthographie auch keine Rolle spielt… *seufz*
      Bei uns sind die 6er übrigens sehr heterogen. Wir haben eine ziemlich starke Sechste, da läuft alles ziemlich super, und eine, die leider auch so gar nichts kann („Wovon ‚went‘ kommt?! Von ‚where‘ vielleicht?!“). :/

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  3. Marille Gruenblatt

    Probier es mal mit der Methode meines Mathe-Nachhilfeschülers: immer wenn das Ergebnis nicht stimmt (weil er sich verrechnet hat), auf den Tisch hauen und laut „voll unfair“ rufen. Vielleicht lässt sie sich motivieren 😉

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    1. tinatainmentia Autor

      Ohje, na, ob das hilfreich ist… 😛
      Das Frustrierendste ist einfach, dass der Lehrer da scheinbar wirklich so wenig fordert. Ich fürchte, dass da einige unter ihren Möglichkeiten bleiben (oder traue ich den Hauptschülern zu viel zu?!). Und Englisch lernt dabei auch kein Mensch. *seufz*

      Antwort
  4. Frau Henner

    Bei uns (GYMNASIUM) haben sich Eltern beschwert, weil der Englischlehrer auf der richtigen Schreibung beharrt und immer das „to“ bei Verben mithaben will und dann auch noch Satzschlusszeichen bei zu lernenden Phrasen – das sei doch „kleinkarriert“!

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    1. tinatainmentia Autor

      Wiiie jetzt man muss Satzzeichen setzen
      Frau Henner das finde ich aber voll unfair
      Du etwa nicht

      (… autsch. Günnasion ist auch nicht mehr das, was es mal war, Frau Henner! 😉 )

      Antwort
  5. sternenspieluhr

    Du Arme! Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie du dich fühlst. Ich habe einen Nachhilfeschüler (9. Klasse Realschule, Wiederholer), der schon rumjammert, wenn er mal mehr als drei Wörter aufschreiben muss und denke mir oft, wofür ich eigentlich meine Zeit verschwende (außer für das Geld). Das frustriert einfach nur und im schlimmsten Fall ist man auch noch der dumme Nachhilfelehrer, weil sich das Kind nicht verbessert.
    Ich fühle mit dir! In Nachhilfestunden findet man oft so viele Dinge über Lehrer und Missstände in einzelnen Fächern heraus, dass man oftmals gar nicht mehr weiß, was man dazu sagen soll. Leider habe ich aber noch kein Rezept dafür gefunden, wie man diesen Frust nach einer solchen Stunde wieder abschütteln kann. Ich hab mittlerweile nach jedem Frustschüler einen Schüler, bei dem ich immer mit einem Lächeln nach Hause fahre, um das auszugleichen, aber ich denke, du kannst das nicht beeinflussen, wenn du in einem Nachhilfeinstitut arbeitest.
    Und das die Chefin nicht viel darauf gibt, dass du derzeit dein Praxissemester hast und dich trotzdem um Hilfe bittet – das ist leider normal. Im Zweifelsfall ist dann doch das wirtschaftliche Interesse wichtiger als deine berufliche Laufbahn. Nebenjob und Praxissemester kann gehen, aber bei mir endete das dann immer in einem 13 Stunden Tag – also lass dich nicht zu oft überreden und sag lieber „Nein“ – dir zu liebe. 🙂

    Liebe Grüße,

    Jess | http://www.diedenken.de

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Nee nee, die Chefin hat schon ganz lieb gefragt und so, die hätte das auch anders respektiert. Bei mir sind’s dank Nachhilfe und Studienseminar tatsächlich in der Woche zwei 12-14 Stunden Tage, vor allem liebe ich es, um 07:15 an der Schule zu sein und Studienseminar bis 19:15 zu haben… aber so ist es halt. Geht auch vorbei. Zum Glück.
      Außerdem kann ich das bisschen Geld aus der Nachhilfe grade ganz gut gebrauchen, um den Sprit zu bezahlen, der fürs Praxissemester draufgeht…

      Antwort
      1. sternenspieluhr

        Dann hast du tatsächlich Glück mit deiner Chefin. Viele sagen zwar genau das – aber die Realität sieht oft anders aus.
        Das Studienseminar bis 19.15 Uhr? Uff. Okay. Das habe ich bis jetzt noch nicht gehört – zumindest nicht von Leuten im Praxissemester.

  6. Marnit Roswein

    Mit der Nachhilfe bedient man das gleiche System, das Nachhilfe nötig macht. Wo soll da Motivation oder gar Begeisterung herkommen? Ohne die wird aber nichts hängenbleiben. Zumal auch, wenn am zweiten Stockwerk herumgedocktert wird, wo es noch nicht einmal ein Fundament gibt. Wenn es einen Funken echter Bedeutsamkeit gäbe für die Klienten…

    Antwort

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