Philipp und die Ränässooos.

Neulich in der Einführungsstunde zum Fach Geschichte in der Unterstufe.

Es ist nicht nur die erste Geschichtsstunde des Schuljahres, sondern die erste im Leben der Kinderlein überhaupt. Juhu, ein neues Fach! Cool! Aufregend! 

Die Kinder sind alle neugierig und gespannt, und Philipp ganz besonders. Er weiß nämlich schon was über Geschichte. Er kennt ein ganz wichtiges Wort, das eine ganz wichtige Epoche kennzeichnet, und dies muss er auch ungefähr 3512412 zwölf Mal in der Stunde anbringen. Philipp kennt nämlich schon das ganz schwere, komplizierte Wort Renaissance Ränässooos.

Aber von Anfang an.

Der Lehrer eröffnet die Stunde, indem er den Kindern von all den spannenden Sachen erzählt, die im Fach Geschichte auf sie warten. Er spricht von Urzeitmenschen und dem Ötzi, Griechenland und Rom, dem Mittelalter… Philipp meldet sich schon ganz wild, und platzt gleich. Als der Lehrer ihn endlich erlöst, strahlt er über das ganze Gesicht. „UND LERNEN WIR DANN AUCH WAS ÜBER DIE RÄNÄSSOOOOS?“ Der Lehrer nickt. „Yep, aber erst in Klasse 8 dann, nä.“

Philipps Gesicht fällt in Scherben. Er fängt sich aber schnell wieder, und bringt immer wieder, egal wie (un-)passend es gerade ist, die Ränässoos an. „Wie, die Zeitrechnung nach muslimischem Kalender ist anders? Dann leben die jetzt erst noch in der Ränässoos oder was?!“ […] „Ich hätte auch voll gern einen anderen Kalender. Können Sie sich vorstellen, wir würden in der Ränässooos leben?“ […] „Geschichte ist voll interessant, sagt meine Schwester. Das sieht man ja zum Beispiel an der Ränässooos!“ 

Meine Mitpraktikantin beugt sich zu mir rüber. „Meinst du, der Philipp kann Renaissance überhaupt buchstabieren?“ – „Auf gar keinen Fall“, antworte ich, „der ist einfach nur ganz stolz, dass er das schwere, schlaue Wort schon kennt, und muss unbedingt sichergehen, dass das auch jeder mitbekommt. Ich glaube, das wissen jetzt alle.“
Und so ist das wohl auch – auch, wenn die Kinder noch keinen Schimmer von Geschichte im Allgemeinen haben, so wissen sie jetzt wenigstens schon mal, dass die Ränässooos ein Teil davon ist. Später schreibt der Lehrer noch einen Zeitstrahl an und benennt die großen Teilgebiete der Geschichte. Nach dem Mittelalter quiekt Philipp wieder los: „Jetzt kommt die Ränässooos!“ Der Lehrer korrigiert, dass jetzt die Neuzeit kommt, und die Renaissance nur ein Bruchteil derer ist. Philipp schmollt wieder.

Zwischenzeitlich entbrennt eine allgemeine Diskussion zum Thema Zeit, und dass man ebenjene ja in der Schule total sinnlos verschwendet. Philipp wird wieder wach. „Jaaa stimmt, das ist sooo unnötig, kann man nicht einfach von der Schule abgehen, Herr F.?“ – „Wie, jetzt? Ja äh, also, kannste schon machen, aber dann haste halt kein Abi, und auch generell keinen Schulabschluss!“ 

„Ist doch auch egaaaal!“, quiekt Philipp zurück. „Braucht man ja eh nicht!“
Herr F. schaut ihn für einen Moment lang nachdenklich an. Dann grinst er und sagt: „Naja, wäre ja aber schade, wenn du jetzt in Klasse 6 schon abgehen würdest. Dann würdest du Klasse 8 und damit deine heißgeliebte Renaissance ja gar nicht mitbekommen!“ Das geht nun gar nicht! „Und wenn du am Ende sogar doch noch Abitur machst, kannst du dich mit der Renaissance auch schön und breit im Studium beschäftigen!“
Philipps Gesicht hellt sich wieder auf. Sein Tag ist gerettet. „Oh ja“, sagt er. „Das mach ich.“


Was aus Philipp, dem Abitur und dem Studium der Renaissance wird, sehen wir dann in 7-8 Jahren. Und bis dahin erfreue ich mich einfach nur daran, wie schön es ist, wenn die Kinder (noch) motiviert und interessiert sind, und sich mit so ganz einfachen Argumenten überzeugen lassen. 🙂

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6 Gedanken zu „Philipp und die Ränässooos.

  1. pimalrquadrat

    Wieso denk ich jetzt an Meerschweinchen? :mrgreen:

    Sicher, schön, wenn sich Schüler noch für etwas begeistern können – wobei sich das in dem Fall ja eher auf das Wort als die Epoche zu beschränken scheint – aber wart mal ab, was da noch kommt. 😉

    PS: Ihr hospitiert zu zweit? Fachfremd? Wahnsinn. 😮

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Klar, aber wenigstens hat er – wenn auch auf seltsame Art und Weise – irgendeine Motivation für das Fach gefunden. Und wenn es nur darum geht, rauszufinden, was hinter dem schwierigen und schlauen Wort steckt. 😉

      Nee, nur zu Beginn, da mussten wir klassenweise hospitieren, daher auch durch alle Fächer durch. Und zu zweit, weil es sonst nicht genug Klassen gegeben hätte.

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Ja sicher, das seh ich ja auch so. Ich bin aber ein böser Mensch, der sich fragt, wie lange die Motivation anhalten wird. 😳
        Mal davon abgesehen, dass mir als Muttersprachler das Hert blutet bei der Schreib- und Sprechweise! 😛

        Ah, ok, ich dachte schon, die würden auch noch zu sowas zwingen!

      2. tinatainmentia Autor

        Wie Philipp selbst es schreiben würde, weiß ich ja leider nicht – wäre aber sicher interessant zu sehen. :mrgreen: Und naja, sieh das Positive: immerhin hat er nicht von der Reneissanze gesprochen! 😛

  2. herr_mess

    Sowas kenn ich auch. In Latein wird immer wieder von den Kleinen angegeben, was für abgefahrene Wörter sie schon drauf haben. So Wörter wie „engagement“ für „studium“ werden dabei genauso ulkig ausgesprochen wie’s dein Philipp macht 🙂

    Antwort

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