Märchenland Bologna

Ich muss Folgendes gestehen: Ich bin angefressen. Von Bologna, vom Geschwafel der sogenannten „internationalen Vergleichbarkeit“, von all den lieben Märchen, die uns so erzählt werden.

Zugegeben: Bevor ich ins Ausland ging, habe ich mich damit nicht allzu sehr befasst. Ich habe alles hingenommen, und das deutsche System eben als „normal“ angesehen – die Verteilung von ECTS, die elend langen Hausarbeiten, die uns in jedem Fach abverlangt werden, dass jedes Modul außerdem mit einem Referat einherkommt, das man dann gerne noch schriftlich ausarbeiten darf oder wahlweise seitenlange Protokolle schreibt, dass wie in der Schule gar die mündl. Mitarbeit benotet wird – und das generell der Riesennotendruck herrscht, ständig, denn alles zählt und genau das wird uns auch stets ins Gedächtnis zurückgerufen. Das Bachelor/Master-System beinhaltet, dass man am Ende jedes Studienabschnittes, also immer dann, wenn es um einen akademischen Abschluss geht, eine wissenschaftliche Arbeit verfassen muss. All das habe ich so hingenommen – und dank Bologna und dem Geschwafel der internationalen oder doch zumindest inner-europäischen Vergleichbarkeit als ’normal‘ betrachtet, also eben als überall in Europa gültig.

Leider lag ich damit komplett daneben. Was mich mittlerweile so sauer macht, dass ich mir irgendwo wegen dieser ganzen Sache mal Luft machen muss. Ich spreche in meinem Fall für die Anglistik, sprich englische Literatur- und Sprachwissenschaft, das sei an dieser Stelle noch angemerkt.

Ein Erasmus-Semester bedeutet, dass man mit ganz vielen anderen Leuten aus anderen (Erasmus-)Ländern zusammenkommt, und so unterhält man sich eben. Was sich da für Abgründe auftun, lässt mich wahrlich nur den Kopf schütteln.

Punkt 1: Das ECTS-System. Herrlich, dieses European Credit Transfer System, wie es uns doch innerhalb Europas einen Maßstab für den Aufwand in Seminaren liefern soll. Nun. In Deutschland habe ich Seminare und Vorlesungen, die sich in der Regel um die 6 – 8 ECTS bewegen – 6 ist bspw. Proseminar, 8 Hauptseminar. Kleinere Sachen (3-4 Punkte) sind Sprachpraxis-Übungen wie Translation, Zeugs wie Landeskunde oder kleinere Überblicksseminare. Mehr als 8 ECTS gibt es eigentlich nie, ich meine, die abschließenden Examensprüfungen sind jeweils 10 ECTS wert.
Und wie ist das anderswo? Na, in Frankreich, da geht man bespielsweise gar nicht über 3 ECTS hinaus. Also sind 3 ECTS plötzlich dann ein „Hauptseminar“? Aber ein Hauptseminar braucht doch 8! Also müssen die Leute, die nach Frankreich gehen, mal eben 3 Seminare belegen, damit das als eines in Deutschland angerechnet wird. Bravo. Und was treiben die Briten? Die machen sich gar nicht die Mühe, die ECTS aufzustückeln. Reicht doch, wenn „kleine“ Kurse 5 ECTS (bei uns nahezu ein Proseminar) und große Kurse 10 ECTS (Examen!) wert sind. Der tatsächliche Aufwand? Unterscheidet sich in so vielen Punkten, dass ich das kaum fassen kann. Es wird weniger Stoff behandelt, es gibt keine Referate oder Protokolle, weil sowas hier nicht so beliebt ist wie in Deutschland. Zu Leistungserfassungen gleich mehr.

Punkt 2: Die Leistungserfassungen. Ach, was liebt das deutsche System Hausarbeiten! In jedem Seminar darf man eine verfassen, in manchen geht als Option auch mal eine Klausur oder mündl. Prüfung (eher in der Anglistik als in der Germanistik), doch zumeist sind es eben Hausarbeiten. Was bedeutet das? Im Proseminar sind das – je nach Dozent – mal 12-15, mal 15-20 Seiten. Der offizielle Richtwert sollte bei 15 liegen. Im Hauptseminar hingegen sprechen wir von 20-25 Seiten. Text. Nicht etwa Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Bibliographie miteingerechnet, liebe Franzosen. Wir sprechen hier auch nicht von doppelzeilig, sondern von 1,5-zeilig, liebe Briten.
Wie sieht es hier aus? Die Briten mögen Seitenzahlen nicht so – sie präferieren word limits. Dass sie dabei enorm pingelig sind und es selbst bei 3 Wörtern drüber einen Notenabzug gibt, was enorm lächerlich ist, da darunter hauptsächlich die Qualität leidet (wenn schon nicht der inhaltliche, dann aber auf jeden Fall die sprachliche) – all dies sei nur nebenbei erwähnt. Leistungsnachweise sind hier also zumeist zwei benotete Essays pro Seminar. Und diese sind in der Regel etwa 1750-2500 (je nach Dozent) Wörter lang. Das sind in Seiten, um es begreiflich zu machen, etwa 4-6. Verlangt ein Dozent hier 3000 Wörter, was schon das höchste der Gefühle ist, fangen alle an zu jammern. Und mit alle meine ich alle, mit denen ich so zu tun habe und die keine deutsche Uni gewöhnt sind – die Briten, die Franzosen, die Spanier. Zusätzliche Leistungskontrollen sind selten. Manchmal hat man statt eines zweiten Assignments noch eine Klausur, aber das war’s auch.

Punkt 3: Die Fächer, so ganz prinzipiell. Wer in Deutschland einen Bachelor macht, der hat zumeist ein Haupt- und ein Nebenfach. Nebenfach deshalb, weil man da nicht nur weniger Module belegen muss, sondern auch nicht alle Noten zählen. Wer in Deutschland auf Lehramt studiert, der hat zwei Hauptfächer – und dazu eben noch das Begleitstudium (Erziehungswissenschaft, ein bisschen Psychologie, ein bisschen Philosophie). Und wenn man sich für das Studium von einer Sprache/Sprachen entscheidet, dann bedeutet das, dass man sich für die volle Bandbreite entscheidet: Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Sprachpraxis. Spezialisieren kann man sich später, aber abgedeckt werden muss alles. Im Grund- und Hauptstudium.
Nicht so anderswo. Zwei Hauptfächer, das gibt es hier nirgends – schon gar nicht in der Lehrerbildung. Man entscheidet sich für ein Fach, wenn man besonders ambitioniert ist, vielleicht noch für ein Nebenfach. Oh, und wenn ich „ein Fach“ meine, dann meine ich damit im Falle der Anglistik: Man entscheidet sich für Literatur- oder Sprachwissenschaft, denn wieso sollte man denn beides studieren müssen, wenn man einen Bachelor of Arts möchte, bittesehr?! Der Bachelor, den man am Ende erhält, ist aber eben derselbe akademische Grad wie ein deutscher.

Punkt 4: Was ist eigentlich eine Abschlussarbeit?
Nicht nur die Briten, sondern auch die Franzosen – und die Amerikaner – haben mich wie ein Auto angeschaut, als ich sie fragte, worüber sie ihre Bachelorarbeit denn schrieben – schließlich befinden sich alle im third year und damit dem 6. Semester, dem letzten im Regelbachelor. „Äh, Abschlussarbeit?! Ich belege alle meine Module und im Juni bekomme ich dann mein Bachelorzeugnis. Was für eine Abschlussarbeit? Du verwechselst da was, du meinst den Master. Wir sind erst im Bachelor. Nur der Master hat Abschlussarbeiten!“ … Noch Fragen?


Ehrlich, ich weiß, dass es einfach ist, sich über politische Beschlüsse aufzuregen – aber das, was uns über internationale Vergleichbarkeit erzählt wird, ist nichts als ein schlechter Witz. Dummerweise führt das bei mir dazu, dass ich (innerlich) ziemlich zynisch werde den anderen gegenüber, denn ich kann das, was man an ausländischen Universitäten für denselben Abschluss leisten muss, leider nicht wirklich ernst nehmen – und ich habe es versucht, wirklich. Dann kam aber eins nach dem anderen ans Licht, und ich dachte, ich falle vom Glauben ab. Mein persönliches Highlight – neben all den oben beschrieben Dingen – war, dass man an einer französischen Uni (ich hoffe sehr, dass das nicht die Regel ist, aber ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen!) nicht mal eine Bibliographie für seinen Essay braucht. Es genüge schließlich, durch Anführungszeichen kenntlich zu machen, dass das Zitat „von jemand anderem“ stammt. A-ha. Wieso genau bibbere ich noch mal bei jeder Bibliographie, dass ich mich auch nicht vertippt habe und in den tausend Informationen zu jedem Werk nicht versehentlich „2. Edition“ statt „3.“ geschrieben habe?!

Gerade bin ich mir leider noch nicht sicher, was ich von all dem halten soll. Ich bin wahrlich nicht hellauf begeistert vom deutschen Bildungssystem, aber wenn ich mir diese Vergleiche so anschaue, dann fühle ich mich doch ein Stückchen besser gebildet – und stärker gefordert – als anderswo. Warum man uns dann aber weißmachen will, dass all unsere Abschlüsse zumindest innerhalb Europas vergleichbar sein soll, das weiß ich auch nicht.

P.S.: Übrigens zählt dieser Beitrag mehr als 1200 Wörter. Das ist aber schon ziemlich viel, was? So mancher Student sieht das als unbewältigbare Aufgabe an.

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20 Gedanken zu „Märchenland Bologna

  1. die Hungrige

    Oh je, das kommt alles noch auf mich zu.
    Aber dass der selbe Abschluss nicht überall die selben Leistungsanforderungen hat, zeigt sich ja schon beim Abitur in Deutschland. Anderes Bundesland, leichteres Abitur, bessere Noten für die gleiche Leistung. Und nicht mal in einem Bundesland schafft man den Leistungsangleich: Abitur am beruflichen Gymnasium in Bawü ein Witz gegen das Abi am allgemeinbildenden. Trotzdem der selbe Abschluss. Wenn es nicht mal in einem Bundesland funktioniert, wie soll das ganze dann europaweit funktionieren?

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    1. tinatainmentia Autor

      Naja, immerhin legen alle Abiturprüfungen ab – bundesweit und europaweit/international. Dass dann aber nur Deutschland z.B. Bachelorarbeiten schreiben muss, finde ich wirklich ziemlich… seltsam? Lächerlich? Unverschämt? Ich finde irgendwie nicht das richtige Wort dafür. All diese Unterschiede lassen mich nur ziemlich zynisch werden, ehrlich. Und das ist bedauerlich.
      Ich will nicht arrogant sein aufgrund unserer Anforderungen, die ich bis vor einem halben Jahr noch als den Standard in Europa betrachtet habe. Es fällt einem aber ziemlich schwer, wenn man sich all das so anschaut/anhört. Das muss ich leider gestehen.

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  2. Herr Quer

    Ich erinnere mich an eine Sprechstunde eines Profs in Glasgow zum Thema Essay… Einer der im Flur wartenden spricht mich auf Deutsch an. Als ich erstant frage, woher er das weiss, zeigt der auf meinen Papierstapel in der Hand. „Weiss, perfekt formatiert und viel zu viel. Du musst Deutscher sein“. Nachdem ich dann feststellte, das dort handgeschriebenes auf Umweltkaropapier durchaus akzeptierter Standard war, kam ich mir doch sehr anders vor.
    Ich finde das deutsche Gehabe mit Hausaufgaben, Zwischentests, Praktikumsscheinen um dann überhaupt eine Klausur schreiben zu dürfen um dann doch 6 credits zu bekommen schon recht … deutsch. Aber Karopapier finde ich auf der anderen Seite doch auch irgendwie akademisch unangemessen.

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    1. tinatainmentia Autor

      Hahaha, das ist ja eine nette Anekdote! 😉
      Ja, ich finde das ganze … deutsche 😉 Gehabe auch ein bisschen nervig, und man könnte fünfe auch mal grade sein lassen. Was mich eben an der Sache so ärgert, ist, dass uns ständig was von der Vergleichbarkeit erzählt wird – und wenn man dann sieht, was das Ausland so für Anforderungen an seine Studenten stellt, und das mit unseren Standards vergleicht, dann finde ich das schon ganz schön unverschämt. De facto ist es dann nämlich nicht egal, wo man seinen Uniabschluss macht – man kann es nämlich eine ganze Ecke einfacher haben als bei uns.

      So eine ähnliche Sprechstunde habe ich hier übrigens auch erlebt – nicht mit Karopapier, aber dafür mit einer Dozentin, die von meinem nicht besonders ausgereiften *hust*, weil recht spontanem Essay-Plan total überzeugt war, denn „normalerweise schreiben die Studenten da kreuz und quer irgendeinen Mist hin und hinterher muss ich den ganzen sogenannten ‚Essayplan‘ rot anmalen“. Das fand ich für ein Seminar für höhere Fachsemester dann auch etwas fragwürdig.

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      1. Herr Quer

        Ich hab die Umstwllubg Diplom auf BA ja live erlebt und die Professorenschaft wollte es schlicht nicht. Also haben sie Wunschkonzert gespielt und quasi das „Bessere Diplom“ draus gemacht anstelle das angelsächsische System zu übernehmen. Das war klar zu erkennen. Was die da zusammengebastelt hatten war dann so voll mit anforderungen, seit dem wird eigentlich konstant abgespeckt. Aber de4 Wurm ist drin und irgendwie ist alles verschlimmbesserung. Ich fand das Diplom deutlich angenehmer und dabei auch wesentlich akademischer als das was jetzt da ist.

  3. sternenspieluhr

    Wirklich ein toller Beitrag! Er zeigt tatsächlich genau das auf, was das größte Problem an diesem ganzen – ‚tschuldigung – Mist ist.
    Aber es ist ja nicht nur im internationalen Vergleich so, dass es massive Unterschiede gibt. Ich habe in meinem Praxissemester die Erfahrung machen dürfen, mit Studentinnen von drei anderen Universitäten zusammmenarbeiten zu dürfen, und die Unterschiede sind teilweise extrem. Einige von ihnen stöhnen sogar schon auf, wenn ich mir nur „Oh, das ist ja gar nicht so viel Arbeit“ denke.

    Ich denke, dass dieses komplette System nach Außen hin dazu dient, eine gewisse Gleichheit zu schaffen, der Unterschied aber im Detail liegt. Es wird ja nicht umsonst gemunkelt, dass ein „deutscher“ Abschluss mehr wert sei als ein anderer, dass der Abschluss an einer „Elite-Uni“ einem doch deutliche Vorteile bei Bewerbungsgesprächen bringt. Und wenn man es so sieht, können wir eigentlich nur froh sein, zu denen zu gehören, die am Ende mehr Leistungsdruck gewohnt sind und diese teilweise absurden Leistungen irgendwann auch „mühelos“ (Haha!) erbringen können.

    Wie heißt es so schön? „Was mich nicht umbringt..“

    Liebe Grüße,

    Jess von http://www.diedenken.de

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    1. tinatainmentia Autor

      Danke dir! Ja, da hast du wohl Recht. Wir sind mehr Druck gewohnt, und eben, dass wir deutlich mehr bringen müssen. Das ist im Studium ziemlich ermüdend, auf lange Sicht aber wohl ganz gut – wir sind eben resistenter, irgendwie. Das fällt mir schon auf, wenn hier alle über ihre 2000 Wörter Essays stöhnen. 😉
      Ich dachte eben bis vor kurzem, dass mit dem deutschen Abschluss sei ein Klischee. Aber nein, das ist es nicht – und ich finde nach all dem, was ich hier so gelernt habe – mit Recht. Nur auf dem Papier soll es eben derselbe Abschluss sein, und das finde ich unverschämt.

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  4. pimalrquadrat

    Tjoa, so viel zum Thema Vergleichbarkeit, Bologna und Gedöns. Ein schlechter Witz. Aber das hätte man sich auch vorher denken können, wenn man nicht europaweit regelt, wofür es die tollen Credits eigentlich gibt.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Offiziell steht ein ECTS für 30 Stunden Arbeitsaufwand. Rechnen kann in der EU halt scheinbar niemand.
      Am meisten fuchsen mich die Punkte Leistungserfassung/Arbeitsaufwand hierfür und Abschlussarbeit… Aber eigentlich ist alles grundlegend bescheuert und, tschuldigung, lächerlich.

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Das heißt also, alle die Schüler, die bei mir in der Nachhilfe 7-3 nicht hinbekommen, die landen dann in den Ministerien, die sich Bologna ausgedacht haben?! 😯

        Sag mal, die BA-Arbeit, ich erinnere mich daran, dass es bei uns reichte, dafür eine der regulären Hausarbeiten zu benennen bzw. einzureichen, ist das mittlerweile/bei euch anders?

        Ansonsten stimme ich dir voll und ganz zu!

      2. tinatainmentia Autor

        Ja, du musst da eine eigene Arbeit zu schreiben, du kannst allenfalls eine Hausarbeit AUSbauen, aber da muss dann ein gewisser Prozentsatz trotzdem neu sein. So jedenfalls an unserer Uni.
        Aber da man ja im Ausland gar nicht erst Hausarbeiten schreibt, könnte man das damit ohnehin nicht rechtfertigen. 😉

      3. pimalrquadrat

        Hm, ok. Interessant, wie sich diese Dinge nim Laufe der Zeit wandeln. Aber klar, wer nie eine Hausarbeit schreiben muss, den kümmert das schon dreimal nicht.

  5. rhadamanthys

    Auch zu Diplomzeiten, in den 80ern des letzten Jahrhunderts, waren die Unterschiede zwischen den Fächern beträchtlich. Ich habe als Technikstudent aus Interesse ein Proseminar in Geschichte besucht, außer mir war noch ein Medezinstudent fachfremd. Alle stöhnten, wie viel der Dozent doch verlange, der Medeziner und ich fanden das vom Arbeitsaufwand ganz normal.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ja, dass sich der Arbeitsaufwand von Fach zu Fach unterscheidet, das ist ja allgemeinhin bekannt. Aber dass man eben einen Abschluss schafft, für das gleiche (!) Fach, der innereuropäisch oder gar international vergleichbar sein soll, und dann gibt es so viele, wahrlich gravierende Unterschiede – das finde ich schon daneben.

      Antwort
  6. teacheridoo

    Herrlich! 🙂

    Dass die Differenzen, die unterschiedlichen Anforderungen betreffend, eklatant sind, haben wir beide ja bereits festgestellt. – Ich verfasste den Großteil meiner Anglistikhausarbeiten in deutscher Sprache, Du hingegen musst nicht nur in englischer Sprache verfassen, sondern die sprachliche Richtigkeit fließt auch noch nach allen Regeln der Kunst in die Note ein.
    (Dennoch habe ich Dich insgeheim manchmal beneidet, weil Dich das sicher fit gemacht hat. Mein Englisch wurde gefühlt von Semester zu Semester immer wackliger.)

    Solche Differenzen gibt’s ab davon ja bereits innerhalb einer Uni innerhalb eines Studiengangs innerhalb eines Moduls. Was war ich oft gefrustet, wenn Prof 1 für ein Seminar wöchentliche Hausaufgaben, ein Referat samt schriftlicher Ausarbeitung, eine Hausarbeit und einen Praktikumsbericht von mindestens 5 Seiten abforderte, während Prof 2 sich mit 2 Seiten Praktikumsbericht zufrieden gab. Auch schon nicht fair. Wenn es innerhalb dieses kleinen Kreises bereits solche Differenzen gibt, wie soll es da europaweit besser sein?
    Aber ein Scherz ist es schon; ein ausnehmend schlechter, wie ich meine.

    Die ECTS sagen eh nichts aus. 😉 Bei uns werden Vorlesungen standardmäßig mit 3 ECTS vergütet, Seminare mit 5; erst im Masterstudium erhielt ich für die meisten Seminare 10 ECTS, für die Praxisseminare 15. Der Arbeitsaufwand war dennoch denkbar unterschiedlich bis unangemessen. In so manches 5-CP-Seminar habe ich weit mehr Arbeit investiert, als in 10-ECTS-Seminare. Bei uns ließ sich der zu erwartende Aufwand eher an Fach und spezieller Richtung festmachen: Anglistik grundsätzlich der höchste Aufwand von allen; Sprachpraxisseminare standen dabei unangefochten an der Spitze, dicht gefolgt von den Linguisten.

    Aber es nützt leider nichts. Mach das Beste draus, Augen zu und durch, Tinalise. 🙂

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      *seufz* Ja, du hast Recht – es ist ein Graus. Und ja, klar, schon innerhalb eines Moduls kann es sich je nach Dozent richtig unterscheiden (beim Master of Literature musste ich ja auch im Proseminar 15-20 Seiten schreiben, während andere 10-15 verlangten), aber einfach diese Unverschämtheit, im Ausland gleich mal direkt gar keine Hausarbeiten oder gar eine Bachelor-Abschlussarbeit zu verlangen, nä, also, da stehen mir echt die Haare zu Berge. Und dafür wurde bei uns der dämliche Ba/Ma eingeführt, zur „Vergleichbarkeit“? Mehr als ein schlechter Witz.

      Nichtsdestotrotz sprichst du da mit der Anglistiksache eine Wahrheit an, die auch bei Jess durchgeblitzt hat: Ja, wir haben höhere Anforderungen, und das ist kein Zuckerschlecken. Dafür werden wir aber auch eben irgendwie besser vorbereitet, durch den hohen Stress resistenter/belastungsfähiger gemacht, und ja, im Falle der Anglistiksachen: Die Sprache wird eben trainiert, und das ist wichtig. Ganz anders sieht es übrigens wieder in der Romanistik aus, da sind auch in unserer Uni die Seminare und Hausarbeiten auf Deutsch – warum, das weiß kein Mensch.

      Interessant übrigens, bei uns gibt’s für Sprachpraxis die wenigsten ECTS (3 bzw. 4) und es ist auch der geringste Aufwand. Am meisten schaffen mich Lingu und Litwi, ganz klar. Dafür habe ich aber im EPG (Philosophie, gehört hier zum Begleitstudium) pro Seminar 6 Punkte „geschenkt“ bekommen, denn das war vom Aufwand her verglichen mit jedem Proseminar, das ich je belegt hatte (5-6 Punkte) ein absoluter Witz.

      Aber ja, was soll ich machen, außer dich und Pi-Er beneiden, dass ihr den Spaß schon hinter euch habt… 😉 Ich mach dann mal tapfer weiter. :mrgreen:

      Antwort
  7. Maggy

    Mein Studiengang ist zum Glück noch ein Diplomstudiengang und ich bin wirklich froh darüber. Dass die ECTS den Arbeitsaufwand kaum angemessen widerspiegeln ist bei mir aber auch der Fall. Für eine Übung, für die ich 3 ECTS bekomme, habe ich einen immens hohen Aufwand, für eine andere Lehrveranstaltung bekamm ich ebenfalls 3 ECTS, der Arbeitsaufwand war dagegen sehr gering.
    Hausarbeiten müssen wir hier auch schreiben (nicht in jedem Fach, aber es werden noch einige auf mich zukommen) und Bachelorarbeiten gibt es in Österreich ebenfalls.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Das freut mich zu hören, dann kann man wenigstens auch Österreich ernst nehmen! 😉

      Ja, die ECTS, das ist ein total beklopptes System. Was das soll, das weiß kein Mensch…

      Antwort
  8. Faru Henner

    Ohjee – so genau habe ich das noch nie auseinandergenommen bekommen. Es ist nicht fair – und das regt dich auf. Zu recht.
    Aber es freut mich auch, dass wir Deutschen dann doch versuchen einen hohen Standard zu halten – denn wir haben Bologna ja aufgedrängt bekommen. Das ist wie bei einigen EU-Normen, wo die Deutschen aus der Reihe tanzen, weil sie ihre Standards erst einmal senken müssten, damit sie für alle vergleichbar werden. Wenn ich mich mit Eltern aus anderen Ländern unterhalten, schimpfen die oft, dass sie ihre Ausbildung nicht anerkannt bekommen in Deutschland. Der erste Impuls ist da natürlich: wie unfair – die haben das doch auch gelernt oder studiert. Aber wenn man dann genauer hinschaut, was dieses „studiert“ oder „gelernt“ bedeutet, versteht man dann auf einmal, warum deutsche Behörden sagen: „Nein, Sie sind noch keine Krankenschwester oder keine Lehrerin, Sie müssen hier den Abschluss nachholen – was kein Problem sein sollte.“ Da sind die Leute geschockt. Aber wir wissen ja – es gibt eben zwei Seiten…

    Was mich an der Sache aufregt, ist nicht, dass du mehr tun musst – denn du lernst auch einfach mehr dabei und das ist gut!, mich regt auf, dass trotzdem jeder Dödel auf dem deutschen Bildungsystem herumhackt. Wir sind ja so schlecht! Das habe ich erst heute in der Zeitung wieder lesen müssen. Wir können gar nicht im internationalen Vergleich mithalten… Und das Schlimmste: wir Deutschen glauben das irgendwann selbst. Und demontieren das Gut, was wir haben, die Bildung.

    Warum schreibt eigentlich keine Zeitung mal darüber, wie anspruchsvoll das Deutsche Bildungssystem ist!

    Klinge ich jetzt auch irgendwie verärgert?

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Nein nein, ich gebe dir da völlig recht – es stört mich nicht, dass ich mehr tun muss, denn ich bin froh, dass ich weiß, was mein Abschluss am Ende wert ist. Wir lernen mehr, sind stärker gefordert und am Ende daher vielleicht auch ein bisschen stressresistenter, weil wir lernen, damit umzugehen und eben auch Sachen wie Konkurrenzdruck schon mehr gewohnt sind als Studenten anderswo. Ich finde es nur lächerlich, dass die Abschlüsse am Ende ‚gleichwertig‘ sind bzw. uns das immer erzählt wird.
      Ja, das deutsche Bildungssystem hat einen deutlich höheren Standard – meiner Erfahrung der letzten Monaten nach – und darauf sollten wir vielleicht auch einfach mal stolz sein, als in typisch deutscher Manier uns selbst schlechtzureden.

      Antwort

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