Wieder selig…

… mit mir selbst, den Schülern, meiner Berufswahl und überhaupt. Vielleicht hat die Weihnachtszeit ja doch was Magisches an sich? 😉

Zu Beginn der Woche war ich, um ehrlich zu sein, total gefrustet. Nichts wollte klappen, und vor allen Dingen weiß ich nicht, was meine Klassen geritten hatte, aber sie waren alle geschlossen schrecklich nahezu unerträglich.

Ich habe schon öfter davon berichtet, wie schwierig es ist, wenn man keine richtige Handhabe hat, weil sämtliche legalen Sanktionsmaßnahmen den meisten Kindern schnurzpiepegal sind und man somit zwangsläufig die meisten Machtkämpfe verliert.

So auch letztens, als es einfach so gut wie niemanden in meinen schwierigen Klassen interessiert hat, was ich eigentlich sage. Die Fünftklässler, die ließen sich noch einigermaßen ruhig bekommen, obwohl selbst die unsagbar nervig und unruhig waren für ihre Verhältnisse. Aber bei den höheren Klassen, gerade bei den Siebt- und Achtklässlern, war Hopfen und Malz verloren.

Es sind diese Tage, an denen man ich so grundlegende Dinge wie meine Frustrationstoleranz, meine Widerstandsfähigkeit und meine allgemeine Kompetenz infrage stelle. Sich so etwas einzugestehen, ist nicht leicht und es offen zuzugeben, insbesondere auch auf so einer Plattform wie diesem Blog, fällt noch schwerer. Warum ich das dann überhaupt tue? Nun, weil ich glaube, dass es hilfreich ist. Weil ich glaube, dass Reflexionsvermögen und auch das offene Zugeständnis bzgl. Niederlagen wichtig sind und mich weiterbringen können, weil es mir hilft, mich auch in diesen Dingen anderen mitzuteilen (und das ist über einen anonymen Blog immer noch leichter als im „echten Leben“) und zu guter letzt, weil ich nicht nur die amüsanten Seiten meines Alltags mitteilen möchte.

Ich zweifelte also und war recht frustriert, wohlwissend, dass meine Situation eben auch nicht die allergünstigste ist, um schwierige Klassen zu händeln. Meistens mag ich die meisten meiner Schüler, aber sie können auch unsagbar anstrengend sein, zumal sie wissen, dass ich ihnen „nicht wirklich etwas kann“. Ich bin kein Fachlehrer, der öfter als 1-2 Stunden die Woche mit den Kindern zu tun hat und halbwegs eine Beziehung zur Klasse aufbauen kann, ich habe keinen Einfluss auf die Noten der Kinder usw., und Elternbenachrichtigungen bzw. Verweise tangieren die Schüler (und leider auch deren Eltern) leider eher peripher.
Hinzu kommt, dass ich natürlich noch recht jung (wenn auch für die Schüler schwer einzuschätzen) und nun mal weiblich bin, was durchaus kulturell bedingt eine nicht unwesentliche Rolle für meinen Stand bei einigen (Jungs) spielt.

Ich führe diese Faktoren nicht auf, um mein (scheinbar nicht allzu ausgeprägtes?) Durchsetzungsvermögen zu rechtfertigen, aber ich habe schon oft die Situation analysiert und bin allgemein ein ziemlich reflektierter Mensch, würde ich mal behaupten.

So kam es auch, dass ich versucht habe, jene Faktoren zu analysieren, die mit meinem Auftreten konkret in Verbindung stehen. Dafür bin ich nicht nur von meinem Selbstbild ausgegangen, sondern habe auch mit einigen Leuten bzgl. der Fremdwahrnehmung gesprochen. Allgemein bin ich ein selbstbewusster und kein schüchterner Mensch, meine Stimme zittert nicht, sondern ist recht fest und zwar weder mega kräftig noch piepsig, sondern einfach in einer „normalen“, mittleren Lautstärke und ich laufe nicht zusammengesackt oder mit „defensiver Körperhaltung“ durch die Gegend. (Im Übrigen habe ich zu so Sachen wie Körperhaltung, Gestik und der Ausstrahlung von Selbstsicherheit mal ein Praxisseminar gehabt, bei dem man Stehgreifreden schwingen musste und beim Unterrichtseinstieg gefilmt wurde, deshalb kann ich mir das guten Gewissens zugute halten.)

Ich bin also zum Schluss gekommen, dass die Probleme mit der Autorität nicht in meinem Auftreten oder meiner Haltung begründet liegen können, weshalb ich wieder bei sämtlichen oben genannten (äußeren?) Faktoren lande.

So kam es dann letztens, dass ich nach drei bereits stressigen Stunden in Klassen, die noch mal eine Schippe anstrengender waren als sonst, in der Klasse 7b gelandet bin. Die zunächst 15 Minuten lang halbwegs ruhig und konzentriert arbeiteten, um danach im kompletten Chaos zu versinken. 

So hat es von den 14 Kindern, die sich plötzlich geschlossen mitsamt Stühlen in einer Ecke versammelt haben, um für die letzte halbe Stunde „Wahrheit oder Pflicht“ zu spielen, niemanden die Bohne interessiert, dass sie sich zurück an ihre Plätze begeben mögen oder sonst irgendeine Aufforderung befolgen könnten. Wenn ich überhaupt eine Reaktion bekam, so allenfalls ein: „Ach kommen Sie schoooon! Wir können eh schon alles für die Klausur morgen! Und wir haben alle keinen Booock mehr! Lassen Sie uns mal!“

So hat es damit geendet, dass ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, einfach resigniert habe und die Zeit bis zum Stundenende abgesessen habe. Zudem hat sich in mir die Einstellung „ist ja nicht mein Problem, wenn die morgen alle schlechte Noten schreiben“ breit gemacht, was natürlich dahingehend, dass ich keine Fachlehrerin bin und keinen Bildungsauftrag habe, stimmt, andererseits ist mir durchaus bewusst, dass ich diese Einstellung nicht vertreten sollte. Tat ich zu dem Zeitpunkt trotzdem. Und nein, ich bin nicht stolz darauf, aber so läuft es eben manchmal.

[Wenn ich bewundernd zu den „gestandenen Kollegen“ aufschaue, die es irgendwie schaffen, diese mitunter problematischen Klassen ruhig zu kriegen oder dass diese ihren Aufforderungen auch Folge leisten, so habe ich mir inzwischen zum Motto gemacht: „Don’t compare your chapter 1 to somebody else’s chapter 20.“ Ein bisschen Trostpflaster ist das schon. 😉 ]


Gänzlich anders verlief es dafür heute. Auf meinem Plan standen drei Vertretungsstunden in mir überwiegend fremden Klassen. Ich habe mich heute wieder total wohl gefühlt und hatte extrem viel Spaß, die Kinder waren (überwiegend) nett, ich habe hier und da Hilfestellungen geben können und die meisten haben tatsächlich produktiv gearbeitet. Was nicht bedeutet, dass alles idealistisch, ruhig und reibungslos gewesen wäre – aber es lief eben „normal“ ab, mit natürlichem Geräuschpegel, zufriedenstellend. Und so, dass das, was ich gesagt habe, auch von den meisten befolgt wurde. Mit ein paar Kindern habe ich mich zwischendurch ein bisschen unterhalten, mit anderen gescherzt – heute war ich, obwohl ich vom letzten Mal noch so ein flaues Gefühl im Magen hatte, wirklich selig mit den Kindern, mir und der Welt.

In einer dieser Klassen, die ich vertreten habe, ist Draco Malfoy. Ich war ein klein wenig besorgt, wie das enden würde, denn unser letztes Zusammentreffen (nachzulesen im verlinkten Beitrag) endete zwar friedlich, aber eben nicht ohne die Hilfe des Klassenleiters. Seither hat Draco mich gemieden. Er war heute auch entsprechend geschockt, als er mich wahrgenommen hat„WIR HABEN FRAU STUDI???? OH NEIN!!!“, wobei ich das gar nicht richtig nachvollziehen konnte. Wenn er nicht gerade Angst hatte, dass ich direkt wieder mit Herrn W. um die Ecke komme, wäre ich ja wohl viel eher dazu berechtigt gewesen zu sagen: „ICH HABE DRACO???? OH NEIN!!!“ 😉 , was ich aber natürlich nicht getan habe. Irgendwie verlief das zwischen uns beiden aber ganz reibungslos – wir sind einander nicht groß in die Quere gekommen, denn er hat sich nicht daneben benommen und ich… nun ja, ich habe mich dementsprechend eben nicht besonders mit ihm befasst. Und auch nicht Herrn W. angeschleppt. 😉 

Am Ende der Stunde, kurz bevor die Schüler den Raum verlassen, kommt er doch noch angedackelt – um mir folgende seltsame Aussage an den Kopf zu werfen: „Wissen Sie, Sie haben für mich ein schlechtes Aroma.“ Im ersten Moment bin ich verduzt, im zweiten weiß ich nicht recht, ob ich jetzt lachen oder ihn direkt darauf hinweisen soll, dass das Wort, das er sucht, vermutlich „Aura“ lautet (ein Gedankengang von 1-2 Sekunden) – aber bevor ich mich für eine Reaktion entscheiden kann, schiebt er direkt ein riesenbreites Lächeln hinterher, das ich so deute, dass er mir auf diese sehr seltsame, aber für ihn irgendwie typische Art und Weise wohl mitteilen wollte, dass wir nun „okay“ miteinander sind.

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8 Gedanken zu „Wieder selig…

  1. pimalrquadrat

    Solche kleine Lichtblicke tun wirklich sehr gut, erst recht, wenn man gerade an sich selbst bzw. seinen Entscheidungne etwas zweifelt. 🙂
    Was natürlich immer hilft, das ist, so blöd es klingt, Erfahrung. Ich bin sicher, die bloggenden Lehrer werden das bestätigen. Am Anfang sieht man sich vor allem mit fremden, neuen, unerwarteten Situationen konfrontiert und muss erst einmal Antworten finden. Nach ein paar Jahren wird man dann abgebrühter und kann auch spontan angemessen reagieren. Was nicht heißen soll, dass jede Situation problemlos gehandhabt werden kann.

    PS: Auch wenn ich selbst einem freundlich aussehenden Malfoy niemals über dne Weg trauen würde. :mrgreen:

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ja, allerdings. Ich mochte es als Schüler nie, wenn Lehrer sich nicht durchsetzen konnten – muss MIR an dieser Stelle aber auch so viel „slack cutten“ (wuhu, ein bilinguales Phänomen, da haben wir’s! 😉 ), weil ich eben auch noch Studentin und nicht mal Referendarin bin und ich mich so jemandem zu meiner Schulzeit nie gegenüber gefunden habe. Und ich glaube, es hilft, jetzt als Studentin in diesem „harmlosen“ Rahmen schon einige Fehler zu machen, um später mal besser reagieren zu können. Denn jaklaaa ist Erfahrung ein großer Faktor, das meint ja der Vergleich mit den (Buch-)Kapiteln. 😉

      Ja, naja, ich habe Dracos Klasse eigentlich ja nicht, das war ja nur eine Vertretungsstunde. Und in der Zeit, die ich jetzt noch dort arbeite, werde ich ihm wohl auch nicht mehr begegnen. Trotzdem war es irgendwie ganz nett. 😉 Ich und mein schlechtes Aroma… 😆

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Ach, klar, die Chapters. Gomen nasai, das kommt davon, wenn man(n) Multitasking versucht. 😳
        Definitiv, mach besser Fehler jetzt und im Praxissemester, solange dir niemand einen Strick daraus dreht.

        Aroma, Aroma… Ob der dir durch die Blume raten wollte, ein neues Deo zu besorgen? 😛
        Hättest du ihm mal geraten, ein anderes Aroma zu probieren. Jungs vielleicht, oder Videospiele… XD

      2. tinatainmentia Autor

        :mrgreen: Nein nein, er hat sehr eindeutig nach dem Wort ‚Aura‘ gesucht. 😛 Am Aroma kann’s nicht gelegen haben, ich Hygieneartikelsüchtige… 😀

        Ja, was halt v.a. gut ist, das hat man i.d.R. im Praxissemester ja nicht so: Ich bin halt alleine mit den Klassen. Da sitzt nicht hinten ein Lehrer drin, der zur Not eingreift oder der bewirkt, dass sie sich doch noch mehr am Riemen reißen. Bei mir geben sie sich ganz unzensiert und ungeschönt :mrgreen: Aber ich habe eben auch die Möglichkeit, dahingehend zu gucken, wie ich alleine mit Klassen klarkomme. Und das funktioniert eben derzeit mal besser und mal… katastrophaler. :mrgreen:

  2. Myriade

    Ach weißt du, das gibt es doch immer wieder: an manchen Tagen sind manche Klassen unerträglich und in der nächsten Stunde sind sie reizend und man erkennt sie kaum wieder. Das hat – denke ich- einerseits mit äußeren Faktoren zu tun und andererseits auch damit wie man als LehrerIn selbst gerade drauf ist. Oft wird eine Klasse zum Spiegel der eigenen Befindlichkeiten. Und die eigene Wahrnehmung ist auch nicht unbedingt die gleiche wie die der Schüler …..

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Das schon, aber ich fürchte, die haben in dem Moment schon eindeutig einen Triumph ihrerseits wahrgenommen, weil sie sich halt geschlossen der Arbeit verweigert haben und ich dann einfach nur resigniert habe… Letzteres wiederum lag durchaus daran, dass mir die Stunden vorher schon auf die Nerven gegangen sind. Aber ob ich mit einer anderen Einstellung als der „ist mir jetzt auch egal“ mehr erreicht hätte, wage ich jetzt auch zu bezweifeln, aufgrund aller oben genannten Faktoren – wenn du keine Handhabe hast, weil du nur Verweise (keine so weltbewegenden, nur quasi einen Vermerk in der Akte und eine Nachricht an die Eltern) aussprechen könntest und diese aber niemanden interessieren… und die Schüler das erst mal mitbekommen haben, naja. Was würdest du denn tun, wenn sich jemand einfach weigert, das zu befolgen, was du ihm sagst (sei es jetzt sich hinzusetzen, still zu sein, umzusetzen, raus zu gehen, whatever…)? Das würde mich mal interessieren. 😉

      Antwort
  3. Myriade

    Tja, ich würde mal sagen, man muss es wenn irgend möglich vermeiden, dass SchülerInnen die Möglichkeit haben Anweisungen nicht zu befolgen. Also wenn die Situation in absolutes Chaos ausartet und du ja nicht die „Macht des Amtes :)“ hinter dir hast, finde ich es klüger sich in das Chaos einzulassen als auf verlorenem Posten zu „kämpfen“. Wenn in einer Stunde gar nichts mehr geht, dann hat es keinen Sinn riesige Mengen an Energie in das Aufrechterhalten einer Situation zu pumpen, in der Lernen eh gar nicht mehr stattfinden kann. Diese halbe Stunde wird sicher niemandes Schulkarriere in Frage stellen und die nächste Stunde kommt sicher und kann und wird ganz ganz anders sein.

    Im Normalfall des Unterrichts hat man ja eine Beziehung zu den SchülerInnen und kann dann natürlich ganz anders agieren. Humor – nicht Zynismus – halte ich für ein sehr sehr gutes Werkzeug und Authentizität. Ich kann mich an eine Stunde erinnern, in der ich extrem genervt war, aus Gründen, die mit der Klasse in der ich war eigentlich gar nichts zu tun hatten. Und dann habe ich gesagt „ihr nervt mich heute derartig !!“ Und der Klassenclown hat gesagt „Wollen Sie darüber reden ?“ Und dann musste ich lachen und die Klasse hat gelacht und es wurde eine wirklich gute, konstruktive Stunde.

    Aber es gibt eben einfach Stunden, in denen aus tausenden möglichen Gründen gar nichts geht und da finde ich es sinnvoll, die Situation zu nehmen wie sie ist und sie nicht an einer fiktiven „Idealstunde“ zu messen. Es kommen ebenfalls aus tausend möglichen Gründen auch wieder gute Bedingungen. Am wichtigsten finde ich, die Beziehung zu den Jugendlichen so gut wie irgend möglich zu halten, dann geht langfristig doch einiges.

    Antwort

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