Wie schreibe ich eine Bildergeschichte?

Hach, Nachhilfe ist doch immer wieder was Schönes.

Esras Mutter kommt zu Beginn des heutigen Arbeitstages auf mich zu. „Esra muss heute Bildergeschichte üben. Hat auch Mathe auf, aber ist egal. Bildergeschichte ist wichtig, weil bald Arbeit. Weiß ich nicht, wie ich ihm erklären soll. Hab ich Lehrerin gefragt, aber der konnte mir das auch nicht sagen. Machen Bildergeschichte mit Esra, ja? Mathe muss nix machen heute.“ Öhm, na schön. (Ich hätte vielleicht mal mit einer Art von Anrede, z.B. „hallo“ angefangen, und dann irgendwann auch mal Luft geholt, aber gut.) „Esra hat dazu auch so Mappe von Lehrerin bekommen, wo steht so Schritte wie die machen Bildergeschichte. Aber hat in Schule vergessen.“ [Anm: Wie immer. Esra vergisst prinzipiell immer alle wichtigen Materialien in der Schule. Insbesondere dann, wenn eine Klassenarbeit ansteht.]

Glücklicherweise findet sich eine Klassenkameradin, die die Liste mit den Schritten dabei hat. An dieser Stelle eine Bitte an die liebe Grundschullehrerin: Sie haben das sicherlich wirklich gut gemeint mit ihrer Liste, aber bitte nummerieren Sie solche Listen, die allgemeine Hinweise enthalten, nie wieder. Ich verbrachte geschlagene 20 Minuten damit, Esra und ihrer Klassenkameradin zu erklären, dass man nicht die Reihenfolge der Liste einhalten muss, wenn diese in etwa so aussieht:

1.) Finde eine passende Überschrift!
2.) Beschreibe die Bilder in der richtigen Reihenfolge!
3.) Finde schöne Überleitungen zwischen den Bildern!
4.) Schreibe ein passendes Ende!
5.) Nutze verschiedene Satzanfänge!
6.) Vermeide Wiederholungen!
7.) Schreibe ganze Sätze!

[…] „Nein, Esra, du musst die Reihenfolge nicht einhalten! Schau mal, wenn du doch jetzt bei 4.) schon das Ende geschrieben hast, kannst du doch nicht jetzt erst (bei 5.)) anfangen, verschiedene Satzanfänge zu benutzen. Dann bist du doch schon fertig!“ […]
Eine Weile später. „Tina, häää, da steht ‚Schreibe ganze Sätze!‘. Soll ich da jetzt ein Satz hinschreiben?“ – „Nee, du bist doch schon fertig. Das gilt nur so als Hinweis für deine ganze Bildergeschichte, dass du immer vollständige Sätze benutzt und keine Stichwörter schreibst zum Beispiel.“ – „Neiiiiin ich muss doch die Reihenfolge machen! Wenn steht bei 7., ich mache erst bei 7.! Wieso Ende schon 4.?“ – (Klassenkameradin): „Jaaaa, Tina, Esra hat voll Recht, wenn das mit so Nummern ist, muss man das in der Reihenfolge machen!!! Das darf man nicht durcheinander machen!!!“ […]

Aber gehen wir zurück zum Beginn der Tragödie Bildergeschichtenschreiberei. 
„Da steht ich brauch ein Überschrift. Schreib ich da jetzt: ‚Überschrift?'“ – „Nein, du guckst dir die Bilder genau an, überlegst dir, worum es geht und schreibst dann eine passende Überschrift – also sowas wie eine gaaanz kurze Zusammenfassung in gaaanz wenigen Wörtern – zur Bildergeschichte.“ [Anm.: Die Geschichte handelt davon, dass ein Mädchen mit einer Leiter auf einen Baum klettert, um einen Apfel zu pflücken. Als das Mädchen dann auf dem Ast angelangt ist, fällt die Leiter runter und am Ende auch noch der Apfel. Sie sitzt also auf dem Baum und sowohl Apfel als auch Leiter liegen am Boden. The End.] „Mein Überschrift ist: ‚Das Leiter.'“ […] „Ok, wenn ‚das Leiter‘ nicht passt, dann ‚das Mädchen‘.“ […]

Nach erfolgreichem Finden einer passenden Überschrift nach kurzer Zeit meiner Vorgabe einer Überschrift nach mehreren Minuten überlasse ich Esra erst mal sich selbst, denn ich habe noch 4 andere Kids, um die ich mich kümmern muss und die ausgerechnet heute einen Riesenberg an Hausaufgaben haben, bei dem sie Hilfe benötigen. Ich springe also gedanklich und Mentor-mäßig zwischen der Konjugation französischer Verben, den Eigenschaften von Eidechsen, den Merkmalen von sogenannten Shanties, schriftlichen Additionsaufgaben und Aufgaben zur Steigerung von Adjektiven eine Weile hin und her, bevor ich mich wieder Esra zuwenden kann.

„Bin eh schon fertig“, erklärt mir diese gerade, als ich auf ihr Heft schaue und gar nicht glauben kann, was da steht. Unter unserer Überschrift steht folgendes: „2.) 1., 2., 3.“

„Äh, Esra… Was… ist… das?“ Esra verdreht die Augen und antwortet: „Bildergeschichte. Aufgabe.“ – „Äh, das ist… keine… Bildergeschichte. Was hast du da denn gemacht? Was soll das heißen?“ Ungeduldig zieht Esra ihre Liste hervor. In Zeitlupe (denn sie liest wirklich so langsam) liest sie vor: „‚2.) Bbbbeeee-schrrrr-ei-be die Biiild-er in dd-er rich-ti-gen Reihe-nnn-folgeeee.‘ Reihenfolge ist 1., 2., 3. Lehrerin hat gesagt, so macht man Bildergeschichte.“

Advertisements

12 Gedanken zu „Wie schreibe ich eine Bildergeschichte?

    1. tinatainmentia Autor

      Ich danke dir! :mrgreen:
      Also, die anfängliche Nummerierung so mit Überschrift – Einleitung – Beschreibung + Übergänge – Schluss war ja noch okay, aber danach ging die Liste irgendwie bis 12. weiter mit allgemeinen Hinweisen, darauf kamen die Kinder überhaupt nicht klar. 😀

      Antwort
  1. pimalrquadrat

    Autsch. Klar, diese Nummerierung soll ja den eher schwächeren Schülern helfen, aber DIE Nummerierung ist fürn Eimer. 😐
    Ist ja aber auch fies, weil man 3 schon zwischen 2 braucht, und 5-7 ja allgemein gelten. Aber das als „allgemeine Tipps“ oder so dazuzuschreiben, das verwirrt vielleicht noch mehr…

    Konnte sie dir die Bilder denn mündlich vernünftig beschreiben? Oder war das ein Frage- und Antwortspiel, wie leider so oft bei den lieben Kleinen?

    PS: Shanties? Onkel Google meint dazu Seemannslieder, stimmt das? So richtig schoön rauhe? 🙂

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Jaa, ich weiß, ich habe ja versucht, das zu erklären… Das mit den Überleitungen kannste bei dem Kindlein übrigens eh komplett in die Tonne kloppen, da kann man schon froh sein, wenn die zur Beschreibung einen halbwegs vollständigen deutschen Satz hinbekommt. Ich habe ihr auch ein paar überleitende Wörter gegeben, die man verwenden kann, aber sie hat immer nur eins verwendet, wenn ich gaaaaanz mühsam nachgefragt habe: „Was kann man denn da jetzt nehmen von den Wörtern?“ etc., das haute nicht richtig hin. Bei der Beschreibung war’s nicht anders, eher ein aus-der-Nase-ziehen.
      „Was passiert denn auf dem Bild?“ – „Mädchen.“ – „…und was macht das Mädchen?“ – „Klettern.“ – „Ja, und warum klettert es? Und wohin klettert es überhaupt?“ – „Auf Baum. Wegen Apfel.“ – „Klettert es den Baumstamm hoch oder…?“ – „Ne, mit das Leiter.“ […]
      Extrem kleinschrittig und extrem mühselig. Und dann stand irgendwo auf der geliebten Liste auch noch, dass man die Gefühle miteinbringen soll… Herrje, da war’s ganz aus. „Guck mal, du musst noch Gefühle reinbringen. Wie fühlt man sich denn in so einer Situation?“ – „Ängstlich.“ – „Jaa, zum Beispiel, genau.“ Esra schreibt – mitten in die Bildbeschreibung – „Das Gefühl ist ängstlich.“ *seuuuufz* Etc. pp. Ich weiß nicht, wie das alleine klappen soll in der Arbeit. Ist übrigens dasselbe Mädchen, von dem ich dir letztens erzählt habe mit der Textverständnis Aufgabe zum Zoll-Schäferhund…

      Achja, und @Shanties: Richtig. Die Sechstklässler haben darüber einen Test in Musik geschrieben… So Merkmale wie: „Die Shanties wurden auf Englisch gesungen, weil auf einem Schiff viele verschiedene Nationalitäten vertreten waren.“ bliblablubb.

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Immerhin, vollständige Sätze. Die hier bei mir quengeln immer, wenn sie bei ner Textaufgabe einen Antwortsatz schreiben sollen. Einen(!) Satz.

        Den zweiten Absatz kenn ich, seltsamerweise, auch. „Worum geht es bei deiner Textaufgabe?“ – „Weiß nicht.“ – „Was steht’n drin?“ – „So Zeug halt. “ Besonders schlaue Schüler antworten hier wahlweise mit „Buchstaben“ oder „Sätze“. XD
        Ohje, das selbe Mädchen. Naja, da wirds echt sauschwer. Musst du hoffen, dass die anderen Kindern beschäftigt sind und du dir für die Kleine echt mal 10-20 Minuten am Stück Zeit nehmen kannst. Schweirig.

      2. tinatainmentia Autor

        Ja, sicher, aber selbst, wenn ich die Zeit habe – ich kann ja nun mal auch nicht hexen. Das heißt, wenn das nicht wirklich richtig richtig oft und richtig intensiv mit ihr eingeübt wird, wird’s echt schwer. Mhpf.
        @Nachhilfeschüler generell: Bin mal wieder angepisst, Gianni hat auch schon wieder abgesagt, Zitat „weil haben nix aufbekommen“. <.<' Warum sollte man sich auch mal mit grundlegenden Dingen wie Grammatik, Rechtschreibung oder Sprachstil beschäftigen, wenn man doch keine Hausaufgaben hat? Nachhilfe ist dann voll unnötig, vallah.

      3. pimalrquadrat

        Ne, du, keine Sorge, da sitzen wir im selben Boot. 😉
        Letzten Endes reißt es halt ein- oder zweimal Nachhilfe in der Woche nicht, wenn die Schüler zu Hause nichts mehr machen. Sich darauf auszuruhen, dass man ja Nachhilfe hat, das reicht eben nicht.

        Diese Haltung der Schüler, dieses „ich hab nix, also komm ich nicht“, das ist so unterirdisch. Wenn man schon Lücken hat, kann man die doch kaum besser schließen, als an einem Tag, wo sonst nix ansteht. Aber da renen wir gegen Windmühlen an.

  2. Myriade

    HI, hi, das ist echt lustig. Natürlich nur, wenn man nicht selbst in der Situation ist, dem Kind was erklären zu müssen.
    Das 9. Jahr sind bei uns die Kleinsten. Diese Schulform dauert 5 Jahre und endet mit der Matura =Abitur)
    Liza, die mit den vermurksten e-mails, hat aber eine Schulform besucht, die Kolleg heißt, so eine Art MInistudium ist und zwei Jahre dauert. Es gibt davon eine Variante, die zweisprachig englisch-deutsch unterrichtet wird. Man braucht als Eingangsvoraussetzung eine Matura oder einen als gleichwertig anerkannten Abschluss aus irgendeinem Land. Das macht die Sache einerseits sehr international und spannend. Wo zum Beispiel lernt man sonst Kirgisen, Tadschiken, Aserbaidschaner, Togolesen, Litauer, Georgier, Nepalesen usw usf kennen ! Andererseits ist es auch sehr mühsam Leuten mit kunterbunten Muttersprachen, die im Normfall weder deutsch noch englisch besonders gut können eine romanische Sprache beizubringen.
    Aber ich will mich nicht beklagen, weil das ja meistens intelligente, gebildete Leute sind, nur dass eben die Kommunikation schwierig ist.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Jaaa, das stelle ich mir auf alle Fälle schwierig vor. Wozu befähigt einen dieses Ministudium am Ende denn dann eigentlich? Was macht man dann, wenn man damit fertig ist? Ich kann mir das gerade nicht so richtig vorstellen.
      Das klingt dann ja nach Erwachsenenbildung, das finde ich ganz cool. Ist das bei euch normal, dass man an beiden Schulformen unterrichtet/unterrichten kann?

      Antwort
  3. Myriade

    Ja, das ist Erwachsenenbildung. Ich unterrichte eigentlich an drei verschiedenen Schulformen: die normale Vormittagsschule ( 14 bis ungefähr 20 jährige), die Kollegs (meistens Anfangs 20 bis unendlich) und die Abendschule (von 17 bis unendlich. Unsere älteste Schülerin ist derzeit eine Dame über 60, die so eine Art Lernteam mit einem 20-jährigen gebildet hat 🙂 Funktioniert sogar ziemlich gut) Das Angenehme an der Sache ist, dass das alles im gleichen Gebäude nur zu unterschiedlichen Zeiten stattfindet.
    Darf man bei euch nicht in verschiedenen Schulformen unterrichten ? Nein, bei uns fällt das alles unter „Höhere Schulen“.
    Die einheimischen Kollegabsolventen suchen und finden meistens – sogar in den derzeitigen Krisenzeiten – ziemlich leicht Jobs im Bankenbereich und im mittleren Management in der Wirtschaft. Von den ausländischen Absolventen gehen sehr viele wieder in ihre Heimatländer zurück oder machen ein weiterführendes Studium.
    Ich finde es auf jeden Fall sehr interessant so von einer Welt in die andere zu wechseln. Nur 2. Bildungsweg zu unterrichten ist mangels nennenswerter Erfolgserlebnisse auf die Dauer unerträglich. Und nur Kinder ist, wie du weißt, mördermäßig anstrengend 🙂
    .
    Aus irgendwelchen Gründen mag dich mein reader gerade nicht und ich muss immer selbst nachschauen, ob es hier was Neues gibt. Tu ich aber gern.
    Schönen Abend !

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ahh, das ist ja cool! Aber wie funktioniert das dann mit deinen Stunden? Sind die auf alle 3 Schulformen aufgeteilt? Und hast du dann mal nur abends und mal nur vormittags Unterricht oder musst du auch mal ’nen ganzen Tag durchpowern? 😮

      Naja, also hm. Bei uns ist das (wenn du Glück hast, aktuell in der Regel aber schon noch) so, dass du ja verbeamtet bist und dein festes Deputat hast. Damit bist du dann eben an einer Schule „eingesetzt“, in meinem Fall wird das also – hoffentlich – mal ein Gymnasium sein und dann bin ich da für (ich glaube es sind in BaWü derzeit) 25 Stunden (das unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland um +/- 1-2 Stunden) Unterricht eingesetzt. Und damit (also, mit diesen festen Unterrichtsstunden + was eben sonst noch so anfällt, muss ich dir ja nicht aufzählen 😉 ) ist meine „Arbeitskraft“ dann sozusagen voll ausgelastet. 😀 Das ist eigentlich so der Regelfall, dass Leute mit ihrem vollen Deputat an einer Schule (und dann eben auch an einer Schulform) sind. Es gibt aber auch halbe Stellen, und ich kenne einen Fall, wo der Kerl eine halbe Stelle an der Schule und eine halbe an der Uni hat und sich seine Stunden dazwischen irgendwie aufteilen… Aber wie man eigentlich dazu kommt, an der Abendschule zu unterrichten, weiß ich offen gestanden auch gar nicht so genau.
      Mein Studium befähigt mich jedenfalls für das Lehramt an Gymnasien sowie an beruflichen Schulen (ah, das ist glaube ich so ’ne Art Mischform, wo ein paar Kurse Abi machen und andere aber einen anderen Schulabschluss nachholen oder so) … Naja, das will ich halt eigentlich nicht wirklich, weil das dann wirklich nur Schüler ab öhm, vllt. 16 sind, und gar keine jüngeren. Und bis auf die Abikurse, die da aber weniger sind, ist das wohl auch eher so wie bei Frau Freitag (falls du die Bücher kennst) … Und mein Leben lang möchte ich das ehrlich gesagt nicht.
      Wenn ich das so aufgeteilt machen könnte wie du, dann könnte ich mir das vorstellen, aber ich würde dann höchstwahrscheinlich eben mein volles Deputat an so einer beruflichen Schule bekommen… und das quasi für immer, denn mir haben schon ganz viele Leute gesagt, wenn man erst mal dazu bereit ist, an die berufliche Schule zu gehen, dann lassen die einen da auch nicht mehr weg. Von ’ner beruflichen Schule ans allgemeinbildende Gymnasium zu wechseln ist für einen Lehrer echt mega mega schwierig, umgekehrt nehmen die einen – laut Hörensagen – allerdings mit Kusshand.
      Die Mischform bei euch finde ich echt, echt cool. Das würde ich auch gern machen, so ein bisschen „normale“ Schule und ein bisschen Erwachsenenbildung. 🙂 Vor allem dieses Kolleg-Dings klingt cool, wenn man da ganz viele verschiedene Leutlein aus ganz vielen verschiedenen Ländern sitzen hat, die aber alle ein gewisses Bildungsniveau mitbringen!

      Oh, pühh *deinem Reader empört den Rücken zukehr* 😉

      Dir auch einen schönen Abend bzw. eine gute Nacht 🙂

      Antwort

Gib deinen Senf dazu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s