Die Spitze vom (Eis-)Berg

Spätestens seit Bastian Sick wissen wir alle: Der Genitiv verschwindet in unserer Sprache immer mehr, gefordert wird er meist nur noch in der Schriftsprache. Was auch der Grund ist, weshalb ich des Öfteren schräg angeschaut werde, wenn ich etwas sage wie: „Am Freitag ist aber keine Schule.“ – „Warum?“ – „Na, wegen des Feiertags.“
Sowohl in der Schule als auch im Privatleben ist es mir nicht selten untergekommen, dass irgendein Schlauberger daraufhin feixend sagt: „Aber das heißt doch wegen dem Feiertag! Und ich dachte, du studierst Germanistik!“, woraufhin ich mich immer schreiend und mit den Beinen strampelnd auf den Boden werfe und in Tränen ausbreche, versteht sich.

Ein Problem, das mit dieser Entwicklung einhergeht: Wie zum Teufel bringe ich Kindern, in deren Vokabular der Genitiv kaum mehr eine Rolle spielt, bei, was der Genitiv eigentlich ist und wieso man ihn zumindest im Schriftdeutschen verwenden sollte?

Hausaufgabenstunde bei der fünften Klasse. In Deutsch wurden die vier Kasus aufgeschrieben – mit Fragewort, Artikel und Beispielwort. Als Hausaufgabe sollen die Kinder nun drei Wörter – der Baum, die Frau, das Buch – deklinieren.

Dina meldet sich. „Frau Studi, ich weiß nicht, was das Wort hier sein soll.“ Sie deutet auf wessen. Hinweise darauf, dass das in der Tabelle bei den Fragewörtern steht und dass es sich somit um das Fragewort des zweiten Falls handelt, helfen nicht. Natürlich nicht. Weil ich nicht weiß, wie man wessen erklärt, seufze ich, nehme ihr Mäppchen in die Hand und frage sie: Wem sein Wessen Mäppchen ist das?“ Dina sieht mich komisch an. „Ja, meins.“ – „Siehst du“, sage ich, „dann hast du ja verstanden, was mit wessen gemeint ist.“ – „Man kann auch einfach wem sein sagen.“ Seufzen und Erklärungen meinerseits folgen. […]

Eine kleine Weile später meldet Dina sich erneut. Sie hat sich an die Deklination des Berges gemacht und kommt nicht weiter. Nachdem ich auf ihr Blatt geschaut habe, müssen wir erst mal klären, dass es nicht die Berg ist und weder der Berg noch die Berg in die Spalte „Neutrum“ gehören. Gut.

Dann geht es um den Genitiv, ich hab’s befürchtet. Ich versuche verzweifelt, die Bildung dessen irgendwie zu erläutern, komme nicht weiter und lande wieder bei einem Beispiel. „Wenn man von einer Bergspitze [komisches Wort, aber irgendwie muss man die Lösung ja vermeiden] spricht, dann sagt man doch: ‚Die Spitze … …‘?“ – „Vom Berg. ‚Die Spitze vom Berg‘ sagt man.“ Ich kapituliere und gebe ihr die Antwort vor, in der Hoffnung, dass sie das dann vielleicht eventuell möglicherweise immerhin auf andere maskuline Substantive übertragen kann/wird. Außerdem ärgere ich mich einmal mehr, weil es an der Uni – selbst in Fachdidaktik – niemanden interessiert, wie man solch für uns basale/selbstverständliche Inhalte vermitteln soll, bei denen ich wirklich ratlos bin.

Als ich mich gerade von Dinas Platz zurück zum Pult bewege, kommentiert ebendiese ihre ungeliebten Hausaufgaben folgendermaßen: „Frau Studi, ich find‘ das total blöd. So komisch redet doch kein Mensch.“ 

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19 Gedanken zu „Die Spitze vom (Eis-)Berg

    1. tinatainmentia Autor

      …aber du hast schon gaaaaanz viel mehr Erfahrung als wie (!) ich in diesem Lehrer-Dasein-Gedöns! Irgendwelche Tipps, wie man den Kids sowas wie den Genitiv begreiflich machen kann? Wäre dankbar 🙂

      Antwort
      1. Myriade

        Leider kann ich dazu nichts beisteuern, ich bin Romanistin und keine Germanistin obwohl ich ganz viel mehr Erfahrung als wie du habe 🙂 Außerdem unterrichte ich an einer Schule, die mit dem 9.Jahr beginnt. Ich kenne schon die Genitiv-Probleme der Kollegen von der Germanistik, leider habe ich aber noch nie etwas von einem genialen Ansatz gehört, wie man den Kindern den Genitiv näherbringen kann. 😦 Das ist wohl eine der Dornen im Fleisch der Germanisten 🙂

        Aber ich habe was anderes für dich gefunden, zum Thema Sprachregister und Kulturschock. Ich muss es noch anonymisieren und stelle es dir dann zu den Kommentaren zu diesem Artikel herein. Liza ist eine ungefähr 25-jährige Frau aus Kenia, die bei uns einen postsekundären Lehrgang begonnen hat. „Kolloquien“ nennen sich die Semesterprüfungen in dieser Schulform.

      2. Myriade

        Prüfungsvereinbarungen.

        Liza :
        Hallo Frau Mag. H

        Mit dieser mail melde ich mich für colloguem die am dienstag stattfindet an.

        Mit freundlische grusse,
        Liza N

        Ich:
        OK. Das 2. Semester, stimmt das ?

        Liza:
        Sehr Gehrte Frau H
        Entschuldige die verspätete ruckmeldung , der colloguem soll für die 3semester sein werd es noch klappen order soll ich mich jetzt für die nächste möglische termine anmelden?

        Liebe grusse
        Liza

        Liza:
        Sehr Geehrte professor,
        Wiesen Sie schon ob ich genugend punkte gesamelt habe um die kolloguem zu bestehen? Und wann wir einer mundlische termine haben werden?

        Liebe g
        liza

        Liza:
        Liebe Profesor,
        Danke für die email, am 15 october werd am besten sein.
        Cau
        Liza

        Liza:
        Liebe professor H

        dienstag passt perfect.
        Lieben grussen.

        Liza:
        Liebe Frau professor H

        Leider muss ich die mundlische termine für heute absagen und bitte um Ihr verständniss da ich mich nicht so woll fühle . Ob wir den termine für nächste woche selbe tag und die selbe stunde verschieben könnte werde ich Ihnen dankbar.

        Lieben gruessen,
        Liza N

        Mein Name war auch noch immer anders falsch geschrieben 🙂

      3. tinatainmentia Autor

        Ach guck an, bisher wusste ich gar nicht, was du überhaupt für Fächer machst. 😉
        Ahh, mit dem 9. Jahr, interessant. Sowas gibt es bei uns (glaube ich) gar nicht, jedenfalls nicht, dass es mir bekannt wäre…

        Ja, den Begriff „Kolloquium“ kenne ich sogar… 😉 Ich schau es mir gleich an! Danke dir!!! 🙂

        😆 Mein Favorit der Grußformel ist eindeutig „Cau“ 😀 😀 😀
        Aber ja, das ist natürlich auch noch mal ein Beispiel mit wirklich sehr schlechtem (Schrift?-)Deutsch … irgendwie kann man ihr es ja da nicht verübeln, immerhin versucht sie es ja mit Anrede- und Grußformel jedes Mal. 😀 Ich habe aber auch an der Uni (!) schon Warnungen von Dozenten erhalten (also nicht ich persönlich, sondern in so Massenveranstaltungen), dass manche deutschsprachige (!) Studenten (!) ihre Profs u.A. so anschreiben, wie man es bitte NICHT tun sollte:

        „Hey,
        ich brauch da das und das Ergebnis in meinem Notenspiegel. Bitte machen Sie das mal schnell.
        [Wahlweise: ‚MfG‘ oder gar nichts]
        Tobias Bauer
        [ohne Matrikel-Nummer, Studiengang, sonst irgendwelche Angaben, mittels derer man diese Person genauer zuordnen könnte]“

        Sowas finde ich schon sehr krass. Ich lese Mails an Dozenten immer fünfzigtausend Mal ( 😀 ) durch und bin da mit meinen Formulierungen wirklich übervorsichtig, dass die auch ja nicht informell oder unhöflich, kumpelhaft oder sonst was klingen. Ich achte auch (zumindest bei der ersten Mail) immer auf sämtliche korrekte Titel, ob da jetzt jemand „Sehr geehrte Frau Prof. Dr. XY“ oder eben ’nur‘ „Sehr geehrte Frau Dr. XY“ ist oder so. Meistens kommt dann einfach zurück „Vorname Nachname“ in der Unterschrift und dann antworte ich dann mit „Hallo Frau XY“, aber beim ersten Kontaktaufnehmen bin ich da wirklich mega vorsichtig (obwohl das in den Geisteswissenschaften eigentlich ja nicht so eng gesehen wird mit den Titeln wie jetzt beispielsweise bei Medizinern, habe ich mir sagen lassen).

  1. die Hungrige

    Ich weiß genau wie du dich fühlst, obwohl ich glücklicherweise niemandem beibringen muss, was der Genitiv überhaupt ist. Aber ich werde in der Schule doch immer mal wieder ziemlich komisch angeschaut und bekomme zu hören, dass ich nicht so geschwollen reden solle. Und nach der ersten Deutschklausur in der Oberstufe hat mein Deutschlehrer tatsächlich erstmal eine Stunde zum Genitiv gemacht, weil da viele in der Klausur versagt haben.

    Antwort
  2. pimalrquadrat

    Ohja, kenn ich auch. Mein Praxissemesterbericht wurde damals als „sprachlich veraltet“ kommentiert, weil ich den Genitiv benutzt habe. Hrmpf.

    Das Schreiben, wie einem der Mund gewachsen ist, das bekomm ich immer mal wieder zu sehen, wenn sich Nachhilfeschüler auf eine Deutscharbeit vorbereiten möchten. Sollen sie eigentlich nicht, aber so 30 Minuten kann ich denen zugestehen. Was da alles geschrieben wird.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Wie bitte? Dein PRAXISSEMESTERBERICHT wurde deshalb als sprachlich veraltet eingestuft? *tilt* Sehen sich den nicht erwachsene (und in der Regel eben deutschsprachige) Menschen an?! Müssen die nicht wissen, was der Genitiv ist und dass der zumindest im Schriftdeutschen noch seinen Platz fest verankert hat? *tilt nochmal* Ich bin fassungslos, ehrlich.
      (Btw: Praxissemester! Hast du dazu mal gebloggt? Bzw. kann ich dich bezüglich dessen mal per E-Mail kontaktieren (der Anonymität halber und so 😉 )? Ich hätte da die ein oder andere (überwiegend organisatorische) Frage, wenn es dir nichts ausmacht. 🙂 )

      Schlimm ist, dass dieses „Schreiben, wie man spricht“ in den Grundschulen mittlerweile recht häufig ist. Das gilt auch für die Orthographie, die Kinder schreiben oft einfach, wie sie das Wort hören… Und dass es dann auf einmal in Klasse 5 anders funktionieren soll, das kommt dann sehr überraschend für die Kids. Ist ja kein Wunder, dass das nicht klappt… Kollegen haben mir übrigens schon so Horrorstories erzählt, dass manche selbst in Klasse 6 oder 7 noch nicht verstanden haben, dass man einen Punkt setzt, wenn der Satz zu Ende ist. Von Kommata natürlich ganz zu schweigen…

      Antwort
      1. pimalrquadrat

        Joa. Ich geh davon aus, dass der eigentliche Gehalt der Aussage hätte sein sollen, „Gott, du schreibst wie ein alter Sack“ :mrgreen: , aber so oder so ähnlich wurde es halt formuliert. Veraltet.

        Fragen zum Praxissemester beantworte ich gerne, wenn ich kann. Schreib einfach mal. 🙂

        Zum Thema Rechtschreibung in Grundschulen gab es mal einen interessanten Artikel im Spiegel, denn meine Nachhilfeleitung mir kopiert hat. Tatsächlich scheint es ein weitverbreiteter pädagogischer Ansatz zu sein, die Kinder in Klasse 1-2/3 erst einmal schreiben zu lassen, wie sie wollen, und erst danach, mit Ende Klasse 3 und in 4 auf korrekte Orthographie zu legen. Denn von vornherein darauf zu bestehen würde die Kinder in ihrer Kreativität hemmen. Das war so die Begründung. Vielleicht können dazu die bloggenden Grundschullehrer(innen) etwas mehr schreiben.

        Letzten Endes können die Kinder nur bedingt etwas dafür, schaurig ist es aber trotzdem, was da alles fabriziert wird.

      2. tinatainmentia Autor

        Ja genau, von dieser „Überzeugung“ habe ich gesprochen. Meines Erachtens nach nicht sonderlich sinnvoll, die Kinder erst mal irgendwie schreiben zu lassen und dann erst an die Regeln zu gewöhnen. Kreativität muss nämlich nicht in der Orthographie entfaltet werden, meine ich. 😉 Außerdem war das zu meiner Zeit noch ganz anders, ich wurde dennoch nicht in meiner Kreativität gehemmt und gerade im Hinblick auf die weiterführende Schule fällt das den Kindern doch dann viel leichter, mit Diktaten und Rechtschreibung generell klarzukommen. Weiß nicht. Ich mag den Ansatz jedenfalls nicht, für mich klingt „orthographische Regeln hemmen die Kinder in ihrer Kreativität“ irgendwie leicht esoterisch. 😀

        Ouhja, das ist super 🙂 Ich schreibe dir demnächst mal gerne (vielleicht später noch, wenn ich wirklich keine Lust mehr habe, uralte Wörterbücher durchzuwälzen. Ich sitze gerade an einer wundervollen Germanistik-Hausarbeit… 😀 )!

      3. pimalrquadrat

        War bei mir nicht anders. Wir haben fürs Alphabet noch die Buchstaben auf Arbeitsblättern erst einmal achfahren dürfen, bevor wir selber schreiben durften.
        Trotzdem haben wir immer mal wieder kreative Sachen gemacht, unvergessen die Deutscharbeit in 5 oder 6, als es um Fablen ging und wir einen Fabelanfang bekamen und zu Ende schreiben sollten.
        Ich denk mir auch, dass da eher wieder irgendeine pädagogische Sau durchs Dorf getrieben wird, einfach, damit mannicht den Eindruck von „Stillstand“ erhält.

        Was hat deine HA denn für ein Thema? Wörterbücher im Wandel der Zeiten? 🙂

      4. tinatainmentia Autor

        :mrgreen: „irgendeine pädagogische Sau durch’s Dorf getrieben“, das Bild gefällt mir!

        Nä, ist ein Seminar zur historischen Wortforschung. Das heißt in meinem Fall, ich beschäftige mich mit „Dantons Tod“ auf sprachwissenschaftlicher Ebene, indem ich versuche herauszufinden, was Büchners Verständnis von den Wörtchen war, die er den Charakteren in den Mund gelegt hat, damit wir die Textstelle eben „richtig“ verstehen können und nicht unser Sprachverständnis als das Korrekte voraussetzen… Ich schaue also zum Beispiel, was Büchner mit „tollem Zeug“ gemeint hat. Nun ist „toll“ immerhin noch ein Wort, bei dem einige Leute (naja, allzu viele werden’s vielleicht auch nicht sein, ich will nicht so optimistisch daherkommen :mrgreen: ) sich darüber bewusst sind, dass es einen Bedeutungswandel durchgemacht hat und damals nicht als Synonym für „super“ zu verstehen war, aber öhm, ja, um solche Dinge geht’s eben. (An dieser Stelle ein Tadel an die lieben Kommentatoren der Suhrkamp-Ausgabe, die wohl davon ausgehen, dass der Wandel von „toll“ WIRKLICH jedem (Schüler) bekannt ist!) Textstellen mit worthistorischem Verständnis ausleuchten, daran versuche ich mich. 😉
        Ist einfach mal was ganz Anderes zu dem Zeug, was man sonst so in Linguistik macht, aber auf jeden Fall interessant.

  3. stefanini

    Ich fürchte, da kann dir keiner ein Patentrezept zum Unterrichten geben. Da hilft nur Beispiele geben und noch ein paar mehr. Und erklären, dass zahlreiche Präpositionen ihn fordern. Und die muss man eben pauken.
    Den Genitiv nutzen ja, wie du selbst sagst, nicht nur die Schüler in ihrem Alltag nicht. Tatsächlich klingt es für viele Menschen fremd, wenn der Genitiv genutzt wird. Mehrer Male bin ich schon von Leuten erstaunt darauf angesprochen worden, dass ich sogar in der gesprochenen Sprache noch den Genitiv gebrauche.
    Vor allem müssen die Fehler durchgehend von allen Kollegen – nicht nur den Deutschlehrern als Fehler markiert werden. Aber viele retten sich mit: „Sprache ist im Wandel und der Genitiv so gut wie ausgestorben.“ Und das Schlimme ist: Sie haben ja irgendwie Recht. Geschriebene Sprache hinkt der gesprochenen immer lange hinterher. Irgendwann wird der Genitiv verschwunden sein. Aber noch ist es eben ein Fehler, ihn nicht zu verwenden.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ja, das sehe ich genau so, dass er irgendwann verschwunden sein wird. Aber noch ist es eben nicht so und ich schätze mal, dass das auch in den nächsten Jahrzehnten – zumindest im Schriftsprachlichen – nicht passieren wird, also müssen sie es wohl oder übel noch lernen. 😉
      Vor allem müssen die Kollegen erst mal selbst merken, dass es falsch ist. Und selbst das ist oftmals nicht gegeben, ich habe schon viele Lehrer (also, glücklicherweise fachfremd zu Deutsch) gehört, die meinten: „Wieso? Wegen dem Brand, ist doch richtig?!“ Beliebte Fehler schleichen sich eben ein, und wenn das erst mal drin ist… Das gibt es ja auch bei einzelnen Wörtern. Ich bin überzeugt davon, dass mehr Leute „extravertiert“ als falsch anstreichen würden als „extrovertiert“, weil sich das eben so eingebürgert hat.

      Antwort

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