Die zwei Seiten der Medaille… äh, des Schülers

Letztens war wieder einer dieser Tage, an denen man verschiedene Seiten an einem Schüler entdecken kann. So war ich zum Beispiel schwer beeindruckt von dem eigentlich dauerhaft verhaltensauffälligen, von keiner Lehrkraft richtig zu bändigenden, mit ADHS diagnostizierten Jungen, der mir vor ein paar Wochen so dermaßen den Rest gegeben hat, dass ich mir wirklich nicht mehr zu helfen wusste und mich das furchtbare Gefühl der Überforderung überkam, welches ich dann in den letzten Wochen erst mal wieder verdauen musste.

Es ist unsagbar schwierig, einen Schüler zu disziplinieren, dem sämtliche Disziplinarmaßnahmen sonst wo vorbeigehen. Der ungeachtet dessen, was man sagt, brüllt oder tut, durch den Raum springt, seine Mitschüler mit Papierkugeln abwirft und dabei äußerst laute Geräusche von sich gibt. Der einfach nur die Achseln zuckt und erklärt, dass er seine Tadel inzwischen schon zuhause in einem Album sammelt. Der einen mit einem provokanten Funkeln in den Augen angrinst und sagt: „Sie können natürlich schon versuchen, mich rauszuwerfen, aber ich gehe halt einfach nicht. Und ich weiß genau, dass Sie mich nicht berühren dürfen. Was wollen Sie denn dann machen, wenn ich einfach nicht gehe?“

Ja. Seufz. Nun ja. Gute Frage, was man da denn dann macht. (Tipps, anyone?!) In der Uni wird man jedenfalls keinen Millimeter auf solche Situationen vorbereitet, denn da wird generell immer und grundsätzlich davon ausgegangen, dass jedes Kind wohlerzogen, nett und lernwillig ist. Was den ein oder anderen Lehramtsstudenten hin und wieder dazu veranlasst, den Dozenten mal zu fragen, wann er denn zuletzt eine Schule von innen gesehen habe – aber das ist ein anderes Thema.

Ich ging jedenfalls mit mehr als gemischten Gefühlen in die Schule, unwissend, wie der Klassenleiter nach meinem „Hilferuf“ mit dem Schüler verfahren hatte, etwas besorgt, wieder in eine Situation der Eskalation zu geraten und wiederum mit positiven Gefühlen, weil ich an sich gerne in der Schule bin.
Tatsächlich lief die Sache dann in etwa so ab:

15 Minuten vor Stundenbeginn, ich unterhalte mich mit einer Kollegin auf dem Gang. Plötzlich kommt Dominik, der oben beschriebene Junge, angeschlurft. Er scheint schon mal keinen Groll gegen uns zu hegen – unsere Beschwerde beim Klassenleiter hat ihn wohl also nicht ernsthaft tangiert. Was ja zu erwarten war. Er fragt, ob er sich zu uns setzen dürfe. Die Kollegin und ich sehen uns kurz an, zucken mit den Schultern, bejahen.
„Was machst du denn hier, Dominik?“, frage ich ihn. „Hast du denn keinen Unterricht? Wieso bist du hier draußen?“ Dominik antwortet, dass die Vertretungsstunde ihn gelangweilt habe. „Ich hatte keine Lust mehr, dann hab ich Frau Vertretung so lange genervt, bis sie gesagt hat, dass ich gehen kann.“ – „Du meinst, bis sie dich rausgeschmissen hat“, meint die Kollegin. Dominik zuckt mit den Schultern. „Joar, so können Sie’s auch sagen. Aber das wollte ich ja. Von daher.“ 
Die Kollegin und ich seufzen synchron. „Aber Dominik, was soll das denn immer? Warum kannst du dich denn nicht einfach mal ruhig beschäftigen?“ – „Die anderen sind doch auch nie ruhig. Wir haben halt alle keine Lust, Hausaufgaben zu machen oder zu lernen. Dann machen wir lieber Scheiß. Und dann ist halt keiner ruhig.“ 
„Das stimmt doch so aber gar nicht“, werfe ich ein. „Klar, du bist nicht der einzige, der stört, aber ihr schaukelt euch immer gegenseitig hoch. Und es gibt durchaus ein paar Leute in der Klasse, die gerne arbeiten würden. Wenn ihr euch immer gegenseitig dabei übertreffen müsst, irgendeinen Quatsch zu machen, hat doch auch niemand was davon.“ Dominik nickt. „Ja, schon. Keine Ahnung. Ist halt einfach so. Aber die Lehrer sind auch nicht streng genug.“ – „Wieso, was sollen die Lehrer denn machen?“ – „Na, die müssen halt mehr Strafarbeiten vergeben und mehr Tadel und so. Dann klappt das schon. Man muss einfach sagen: ‚Mach das jetzt oder du kriegst einen Tadel.‘ Das funktioniert bestimmt.“ Ich lache kurz etwas bitter auf. „Nee, ist klar. Und das kommt ausgerechnet von dir? Dich interessiert es doch auch nicht, ob du Strafarbeiten oder Tadel bekommst.“ – „Jaaa, stimmt, aber die anderen schon. Also, manche. Weiß nicht.“ „Tadel bekommen ist doch auch nichts Schönes, Dominik. Das kann dir doch nicht wirklich so egal sein, oder?“ – „Doch, schon. Also, bei mir bringt das nichts, da haben Sie schon recht. Aber ich glaube, bei den anderen in meiner Klasse schon. Ok, bei Mike und Melanie und Aljoscha und Musti vielleicht auch nicht, aber bei den anderen dann schon.“ Ich seufze wieder. „Aber wieso muss das denn sein, Dominik? Wieso müssen die Lehrer deiner Meinung nach alle noch mehr Stafarbeiten und Tadel verteilen?! Ist das nicht schon extrem genug in eurer Klasse? Wieso geht es denn nicht ohne, dass da so ein Druck dahinter ist? Es kann doch nicht wirklich so schwer sein, 45 Minuten auf seinem Platz sitzen zu bleiben, ohne einen Vermerk in der Schulakte angedroht zu bekommen?!“
Dominik sieht mich etwas müde an. „Ja, Frau Studi, da haben Sie eigentlich recht. Aber naja… das ist halt eben so bei uns.“ Wie traurig, denke ich. Plötzlich taucht Frau Vertretung auf und weist Dominik an, seine Sachen aus dem Saal zu holen, da sie schließlich in ihre Pause wolle. 

Dominik hat sich in dieser Viertelstunde völlig ruhig, normal und rational mit der Kollegin und mir unterhalten. Er war sogar richtig nett und stellenweise witzig, auf eine schelmische Art und Weise. Ich bin beeindruckt, denn sonst kenne ich nur seine extrem laute, extrem überdrehte, extrem freche und anstrengende Art, mit der er alles daran setzt, der Klassenclown zu sein und der Lehrkraft sowie der Klasse zu demonstrieren, wie machtlos man als eigentliche „Autoritätsperson“ ist, wenn einem Schüler sämtliche Sanktionen egal sind. 

Zu Beginn der Stunde fragt er mich, ob er zur Kollegin in den anderen Hausaufgabenraum dürfe. Ich bejahe. Nach 43 Minuten kommt er wieder, um seine Sachen abzulegen. Ich frage ihn, wie es gelaufen sei. Er grinst mich an und sagt: „Es war ganz okay eigentlich. Aber … ich war trotzdem wieder der Lauteste.“ 

Obwohl ich weiß, dass er mir in dieser Stunde vermutlich wieder unsagbar auf die Nerven gegangen wäre, wenn er „mal wieder der Lauteste“ gewesen wäre, und dass mich dieses Szenario auch in den kommenden Wochen höchstwahrscheinlich wieder erwarten wird, komme ich nicht umhin, lächeln zu müssen.

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2 Gedanken zu „Die zwei Seiten der Medaille… äh, des Schülers

  1. teacheridoo

    Stimmt ja, ich wollte noch gefragt haben, wie es gelaufen ist.

    Faszinierend, wie hinter vermeintlichem ADHS plötzlich ein ganz normaler Junge steckt, der einfach nur irre gelangweilt ist und sich gewissermaßen das noch striktere Aufzeigen von Grenzen wünscht. (Oder missinterpretiere ich da jetzt was?)

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ne, da liegst du schon irgendwie richtig, wenn vermutlich auch noch mehr dahinter steckt. Schwierig ist nur, dass er sich zwar die strikteren Grenzen für den Rest seiner Klasse wünscht, er selbst dahingehend aber einfach „unnahbar“ ist. Ich kann seine Philosophie ein Stück weit nachvollziehen – wenn dir sämtliche Sanktionen egal sind, kann dir im Prinzip keiner was. Ich habe das zwar nie dahingehend ausgelebt, dass ich dann Erwachsenen gegenüber extrem frech oder respektlos wurde, aber ein Stück weit kann ich es verstehen, denn mich konnte man als Kind auch gewissermaßen nicht „bestrafen“ – mir war es egal, ob man mir irgendwas weggenommen hat oder ich nicht mehr raus durfte zum Spielen oder so. Ich habe mich deshalb aber nicht wie das unerzogenste Kind überhaupt aufgeführt, ich fand das als Kind nur immer amüsant zu sehen, wie Eltern an so etwas verzweifeln können ( 😀 ). Und ich habe mich übrigens trotzdem an die meisten Regeln gehalten. 😉
      Das gleiche Prinzip ist es bei ihm ja irgendwie auch, nur eben sehr viel extremer und eben so, dass er seine „Narrenfreiheit“ auch in der Schule auslebt und genießt. Und sich eben einen Mist um Regeln schert, egal ob es die Regeln der Eltern oder die der Lehrer sind. Ich weiß leider immer noch nicht, wie man dagegen ankommen soll.
      Das ADHS ist allerdings nicht „vermeintlich“, die Diagnose wurde ihm wirklich bereits im frühen Kindesalter gestellt und immer wieder bestätigt. Er gehört auch nicht zu den „Mode-ADHS“ Kindern, er ist nicht nur „einfach ein bisschen lebhafter“, das ist schon ernstzunehmender bei ihm.

      Antwort

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