Von Chancengleichheit, Fairness und anderen Märchen

Nachdem ich diese Woche bereits in der Schule eine Praktikantin zugeteilt bekommen habe (jaaa, ich weiß auch nicht, wie die Schule dazu kommt, mir, die ich selbst noch Studentin bin, eine Erstsemester-Praktikantin zu schicken, aber okay!), kam heute schon wieder eine Praktikantin dazu – dieses Mal in der Hausaufgabenhilfe.

Zunächst war ich etwas irritiert, als mein Chef sie als Praktikantin vorstellte – einfach, weil man sich unter „Praktikant“ selten jemanden vorstellt, der in etwa 10 Jahre älter ist als man selbst. Der erste Schluss, den ich gezogen habe: Die Frau war vorher schon was mit Sozialpädagogik und bildet sich nun mit einem Studium weiter, oder sie war vorher was ganz Anderes und will sich jetzt umorientieren. Oder so.

Im Laufe der drei Stunden stellte sich heraus, dass ich mit ersterem gar nicht sooo falsch lag, dahinter aber eine weitaus traurigere Geschichte steckt, als ich zunächst vermutete…

Elena kommt aus einem osteuropäischen Land. Ihr Deutsch ist wirklich nahezu perfekt – zwar mit Akzent, natürlich, aber wirklich sehr gut. Ich bin beeindruckt, denn sie lebt erst seit 1,5 Jahren in Deutschland.
Sie erzählt, dass sie immer Grundschullehrerin werden wollte. „Ich habe hart dafür gearbeitet, weißt du. Es ist keine gute Arbeit in meinem Heimatland, es wird nicht gut bezahlt, aber ich wollte das. Ich habe sechs Jahre studiert, ich war eigentlich fertig. Ich musste nur noch das Referendariat fertig machen. Naja, jetzt bin ich in Deutschland. Das ist besser so.“
Ich bin irritiert und verstehe die Zusammenhänge nicht genau, möchte aber auch nicht nachhaken, wieso genau sie ihr Heimatland verlassen hat. Ich frage sie, ob ihr Studium in Deutschland nicht anerkannt wird. Sie zuckt mit den Schultern. „Doch, doch. Wir sind ja EU. Die erste Staatsprüfung wurde mir anerkannt. Aber ich darf hier nicht als Lehrerin arbeiten, weil ich nicht perfekt Deutsch kann. Und das ist okay so, das ist in unserem Land auch nicht anders. Ein Lehrer sollte die Muttersprache seiner Schüler perfekt beherrschen, das ist eben so.“ Sechs Jahre Studium. Umsonst. Wow. Ich bin baff. Und frage sie, was sie jetzt macht, beruflich.
„Naja, ich mache jetzt eine Ausbildung zur Erzieherin. Damit kann ich irgendwann Sozialarbeiterin werden. Die Ausbildung ist langweilig, der Stoff ist nicht schwer. Aber ich möchte doch mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.“
Etwas später unterhalten wir uns über Schulsysteme. Elena erzählt, dass sie auf einem englisch-russischen Gymnasium war. Ich bin beeindruckt und sage: „Wow, dann sprichst du ja… vier Sprachen. Englisch, Russisch, Deutsch und deine Muttersprache. Das ist schon echt viel.“ Sie lächelt kurz, dann erwidert sie: „Ich spreche acht Sprachen.“ Sie sagt das ohne einen Anflug von Arroganz in der Stimme. Es ist einfach nur eine ganz normale Aussage. Acht Sprachen. Dafür finde ich keine Worte, nicht mal mehr auf einer. Sie fügt hinzu: „Naja, die Ausbildung ist so langweilig, dass ich jetzt noch Türkisch lerne. Ich glaube, das kann mir helfen, hier sind sehr viele Kinder, die Türkisch sprechen.“ Als ich irgendwann meine Fassung wiedergefunden habe, frage ich sie, ob ihr diese enorm hohe Anzahl an Sprachen nicht weiterhilft. Schließlich ist das – für meine Begriffe – eine so außergewöhnliche Qualifikation, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass das nicht honoriert wird. Irgendwie. Irgendwo. Sie lächelt nur müde und sagt: „Für eine offizielle Qualifikation bräuchte ich Sprachzertifikate. Die kosten alle Geld. Das kann ich mir nicht leisten.“
Dann erfahre ich doch noch den Grund, weshalb Elena nach Deutschland gekommen ist, um Erzieherin zu werden, obwohl sie so hochqualifziert ist (nicht, dass Erzieherin nicht ein toller und wichtiger Beruf wäre – aber 6 Jahre Studium, 8 Sprachen… ich würde einfach keine Ausbildung erwarten, für die man in Deutschland die mittlere Reife benötigt). Sie sagt: „In meinem Heimatland möchten die Lehrer keine Lehrer mehr sein. Es ist anstrengender als früher. Und die Bezahlung ist noch schlechter geworden. Ein Lehrer verdient dort 200€ netto im Monat. Das kann man sich in Deutschland zwar generell nicht vorstellen, aber selbst in Osteuropa kann man davon nicht leben. Man braucht einen gut verdienenden Ehepartner, wenn man Lehrer sein möchte. Und die Bezahlung steht in keiner Relation: Ich habe nach meinem Studium an der Rezeption eines Fitnesscenters gearbeitet und dort immerhin 500€ im Monat verdient.“ Spätestens jetzt bin ich endgültig geschockt. Und gleichzeitig traurig und wütend, weil Elena und die anderen Lehrer dort mir furchtbar leid tun und ich nicht verstehen kann, wie die dortige Regierung so wenig in Bildung investieren kann.
Gegen Ende unseres Gesprächs starrt Elena traurig vor sich hin. Sie sagt leise: „Ich musste meinen Traumberuf aufgeben und meine Heimat verlassen, weil ich jetzt alleinerziehend bin. Ich konnte in meiner Heimat nicht mehr meinen Sohn und mich selbst ernähren. Ich bin froh, dass ich jetzt hier bin. Wenigstens kann ich in Deutschland noch Erzieherin werden.“

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4 Gedanken zu „Von Chancengleichheit, Fairness und anderen Märchen

    1. tinatainmentia Autor

      Ja, richtig. Sie hat mich sehr beeindruckt. Und ich habe mal wieder gemerkt, was für ein unsagbares Glück ich gehabt habe, in so ein wohlständiges Land geboren worden zu sein. Als was anderes als „Glück“ kann man das nämlich nicht bezeichnen. 😉 Ich bin wahrlich kein Patriot und fühle mich nicht sonderlich mit dem Land verbunden (nicht mal zur WM 😉 ), aber ich bin dankbar für die Umstände, in denen ich lebe. An Tagen wie heute ganz besonders. (Und das natürlich komplett abgesehen von für uns absolut unvorstellbare Dinge wie Krieg, Hungersnot etc. Man sieht ja, dass man gar nicht so weit gehen muss, um es schon deutlich schlechter zu haben als „hier“, sagen wir mal in Mitteleuropa. 😉 )

      Antwort
      1. Myriade

        Aber bei Krieg, Hunger, Flucht ….. kommt man auch an, wenn man in Europa um ein paar Jahrzehnte zurückgeht, als es die vielgeschmähte EU noch nicht gab.

      2. tinatainmentia Autor

        Ich weiß. Vielleicht hätte ich ergänzen sollen, dass ich dankbar bin für die Umstände, in denen ich lebe – und dass das natürlich auch die Zeit einschließt. 😉

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