„Erziehungsfreiheit“

Heute gibt es mal, trotz Fußball-Weltmeistertitel-Euphorie-Autocorso-Feuerwerks-Adrenalin-inklusive-Endorphin-überladener-Stimmung-in-der-gesamten-Bundesrepublik-Situation, keinen lustigen Beitrag, sondern einen Fall, über den ich die letzten paar Tage immer mal wieder nachdenken musste und zu dem mich eure Meinungen brennend interessieren würden!

Nämlich, es war einmal…

…eine Stunde mit vier (!) Fördermädchen der sechsten Klasse, die ihre Zeugnisse bereits drei Wochen vor allen anderen Klassenstufen bekommen hatten und demnach noch intensiver auf Sommerferien eingestellt waren als der Rest der Schule. Man beschloss (nach erfolgreicher Bearbeitung eines Grammatik-Kreuzworträtsel-Arbeitsblattes!) Tabu zu spielen – in einer abgeänderten Form, in der ein paar Begriffe an die Tafel geschrieben werden, die eine Person eines Zweiergespannes der anderen, die mit dem Rücken zur Tafel sitzt, erklären muss.

Während Dunja und Yara den Raum verlassen, damit das andere Team sich Wörter ausdenken kann, ruft Maira ihnen hinterher, dass Dunja die kommende Runde erklären solle. Anschließend schreibt sie Sexualkunde an die Tafel. Ich bin zunächst skeptisch, ob ich es akzeptieren soll, bekomme dann aber mit einem Augenrollen von Sara erklärt, dass das schon längst fester Bestandteil des Lehrplans sei und für die Mädels auch kein aufregenderer Lerninhalt als die Bestandteile einer Pflanzenzelle.

Immer wieder auf’s Neue bin ich gleichzeitig überrascht und irritiert, wie viel früher die Kinder mittlerweile in die Pubertät kommen und höchst abgeklärt über Dinge sprechen, die zu meiner Sechstklässlerzeit noch nervöses Gekicher ausgelöst haben. Nicht, dass ich generationstechnisch tatsächlich so weit von den Kindern entfernt wäre – es fühlt sich aber an, als lägen Welten dazwischen. Und mir leuchtet nicht so ganz ein, mit welcher Begründung ich ein Themengebiet des Biounterrichts als zu erklärenden Begriff nicht zulassen sollte, also murmele ich ein „na schön“ und schlurfe zu meinem Platz – ungeahnt dessen, dass die Füchsinnen Maira und Sara das Tabu-Spiel nur als Vorwand nutzen werden, um Dunja zu löchern.

Als Dunja das Wort sieht, wirft sie dem anderen Team einen bösen Blick zu und erklärt: „So wie die Zahl nach fünf…“, worauf Yara ohne mit der Wimper zu zucken „Ah, Sex“ antwortet. „Ja, das Wort ist noch länger…“ – „Dann Sexualkunde.“ Gut, so schnell hätte sich das dann auch wieder erledigt, tatsächlich alles halb so wild denke ich gerade, als Maira dazwischenruft: „Und wieso nimmst du daran eigentlich nicht teil, Dunja?“ 

Oh. Na super. „Weil ich nicht will, und meine Eltern wollen das auch nicht! Außerdem musst du das nicht fragen, immerhin haben meine Eltern sogar dem Schulleiter gesagt, dass ich nicht in diesen Unterricht muss!“
Ich bin einen Moment lang sprachlos. Die abgeklärten, extrem frühreifen Fünft- und Sechstklässler auf der einen Seite… und nun das auf der anderen. So weit ich weiß, ist Dunja nämlich ungewöhnlich „alt“ für die sechste Klasse – sie ist schon 14. Und nimmt nicht am Sexualkunde-Unterricht teil? „Aber Sexualkunde hat man doch auch schon in der Grundschule! Was ist so schlimm daran?“, hakt Maira nach. „Ich will davon nichts hören! Ich war auch in der Grundschule nicht in diesen Stunden! Und jetzt müssen wir das Thema wechseln! Kennt ihr den Film Bad Neighbours?“ (Ich übrigens nicht.) 
Maira: „Ernsthaft?! So einen Film guckst du, aber in den Unterricht kommst du nicht?!“ Ich scheine wohl etwas irritiert dreinzugucken, denn Sara fügt an mich gerichtet hinzu: „Das ist so’n Kinofilm. Da sind halt auch Sexszenen, normaaal halt!“ Dunja lacht und antwortet: „Ich guck die Filme immer nur, bis sowas kommt… dann geh ich aus’m Zimmer und mach was anderes. Und wenn ich im Kino bin, geh ich dann auf’s Klo! Hehe!“ Ich bin immer noch sprachlos. Die anderen Mädchen auch – kurzfristig.

„Check dein Problem nicht, Mädel“, sagt Sara dann. „Guck mal, das ist doch voll normal. Außerdem haben deine Eltern das auch gemacht, Schlaumeier! Und deine Geschwister, sonst hätten sie nämlich nicht deine Nichten produziert, man!“ Dunja hält sich inzwischen die Ohren zu. Sie will davon wohl wirklich nichts hören. Nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe, breche ich das ganze mit einem „Ist gut jetzt, Sara, lassen wir das jetzt…“ ab. Maira zuckt die Schultern, Yara kommentiert: „Aber wo sie Recht hat…“.

————–

So viel zur Situation bzw. dazu, was ich in dieser Stunde mitbekommen habe. Nun zu meinen Überlegungen und euren Meinungen:

Kann man das als Eltern bringen, das eigene Kind vom Sexualunterricht auszuschließen? Zudem, wenn dieses „Kind“ bereits 14 ist, und damit gesetzlich offiziell für reif genug erklärt wird in Deutschland von der juristischen Seite her die Erlaubnis erhält, Geschlechtsverkehr zu haben?
Kann man aus Respekt vor den moralischen und/oder religiösen Einstellungen der Eltern (bzw. des Kindes) dem Unterrichtsausschluss zustimmen, oder ist das schon eine bewusste und aktive Unterbindung der Aufklärung und damit einer Wissenserweiterung des Kindes, was man im Bildungssektor nicht akzeptieren sollte?
Wäre es nicht gerade im Alter von 14 Jahren höchste Zeit, dass man nicht nur versteht, was zwischen zwei Menschen passiert, sondern vor allen Dingen auch, was im eigenen Körper vor sich geht? 
Und kann man die bewusste Ignoranz einer so natürlichen Sache, die ja auch in allen Medien, egal ob Literatur, Musik, Kunst oder Filmen/Serien, omnipräsent ist, tatsächlich noch unter „Erziehungsfreiheit“ fassen und damit den Eltern das Recht überlassen, ihr Kind im Unwissen zu lassen und so zu erziehen, dass es dieses Thema als absolutes Tabu ansieht? Ist das unserer Zeit nicht absolut unangemessen? 
Führt sowas nicht über kurz oder lang dazu, dass Dunja irgendwann ein ungesundes Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität entwickelt, bspw. in Form von Angst oder Abscheu/Selbstekel? Oder ist das eine übertriebene Annahme? Und wer übernimmt dafür dann überhaupt die Verantwortung? Die Eltern? Dunja selbst? Die Schule, weil sie dem Wunsch der Eltern nachgekommen ist?
Und hat man nicht eigentlich generell ein Recht auf Aufklärung?

Fragen über Fragen. Das alles sind Überlegungen, die sich bei mir nach diesem „Vorfall“ ergeben haben. Ich möchte ungeachtet meiner eigenen Einstellungen niemanden aufgrund seiner moralischen Einstellungen, religiösen Ansichten oder erzieherischen Ziele diskriminieren oder beleidigen, aber ich frage mich wirklich, wo man die Grenze ziehen kann bzw. muss zwischen Erziehungsfreiheit, die man den Eltern überlässt, und dem Einschreiten der Bildungsinstitution. Ich schätze mich selbst allgemein als einen ziemlich toleranten Menschen anderen Einstellungen gegenüber ein, aber das ist eine Sache, bei der ich wirklich zweifle, ob die Toleranz des Schulleiters nicht sogar ein Stück weit zu weit geht. Und außerdem würde ich es gerne verstehen. 
Meinungen, anyone?!

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16 Gedanken zu „„Erziehungsfreiheit“

  1. diewiderspenstige

    Ich finde, so was sollte verpflichtend sein. Nicht alle Eltern bekommen es auf die Reihe, ihre Kinder genügend aufzuklären. Und ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was so schlimm an diesen Stunden ist, warum man dafür das Einverständnis der Eltern einfordern muss. Schließlich gestaltet der Lehrer das ja dem Alter der Schüler angemessen und zeigt denen keine fragwürdigen Filmchen etc.

    Na ja, meine Meinung. Aber mit manchen Ansichten/religiösen Einstellungen ist das sicher schwer zu vereinbaren…

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Wie, man muss das Einverständnis der Eltern einfordern? Ist das in BaWü so? Das ist hier nicht so. Der Unterricht findet ganz normal statt, wie jedes andere Thema auch. Die Eltern von Dunja sind von sich aus auf die Barrikaden gegangen, die wurden vorher nicht gefragt.
      Ich fürchte außerdem, so wie sich das angehört hat, ist es kein „nicht so richtig aufklären“, sondern ein totschweigen bzw. tabuisieren des Themas in der gesamten Familie… Und das ist mir, gerade in der heutigen Zeit, absolut unbegreiflich. Ich finde es grundfalsch, sie aus dem Unterricht herauszunehmen, v.a. mit 14 – sowohl von den Eltern als auch von der Schule, die den Eltern wohl nachgegeben hat. Ich finde es eigentlich sogar unverantwortlich…
      Aber ich fürchte, die Schule hat sich der Sache nur gebeugt, um keinen Stress zu bekommen von wegen Akzeptanz der Einstellungen der Eltern oder so… Ich weiß es nicht.

      Antwort
      1. diewiderspenstige

        Weiß nicht, ob man das in Ba-Wü generell muss, bei mir war das damals nicht so. Aber bei meiner Schwester – ganz aktuell – schon. Da musste man so einen Wisch unterschreiben. Kann aber auch sein, dass sich die Lehrerin einfach absichern wollte, keine Ahnung.

        Vielleicht hätte die Schule in der Hinsicht ein bisschen Stress machen sollen…

  2. kielerkrimskrams

    Das ist auch so ein Fall von „Dinge, über die man nicht spricht, die existieren auch nicht.“. Ich finde es unverantwortlich, dass Eltern ihre KInder von diesem Unterricht befreien lassen können. Kann mich nicht erinnern, dass das früher bei uns ging und das ist jetzt auch noch nicht sooo lange her.
    Das Mädchen scheint aber die Meinung der Eltern völlig verinnerlicht zu haben, wenn sie sogar im Kino bei Liebesszenen aufs Klos geht. Wie verrückt ist das denn? Und noch verrückter wird es, weil sie schon 14 ist. Da wäre es gerade wichtig, das Thema anzusprechen. Und, meine Güte, so schlimm ist das ja jetzt auch nicht, wenn Kinder wissen, wo sie herkommen. Gerade, wenn sie eigentlich körperlich schon fast keine Kinder mehr sind…sehr strange. Als Biolehrer hätte ich die Eltern zum Gespräch bestellt, glaube ich.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ich glaube, der Biolehrer wurde sogar gänzlich übergangen und die Eltern sind empört zum Schulleiter gerannt, dass sie das nicht wollen… >.<
      Ich gebe dir vollkommen Recht… ich erinnere mich auch nicht daran, dass das bei uns möglich war – andererseits gab es bei mir damals auch niemanden, der nicht sowieso schon von den Eltern her aufgeklärt war, d.h. dessen Eltern auch hinter diesem Unterricht standen.
      Dunjas Familie ist zwar streng christlich unterwegs, aber aufgeklärt zu werden bedeutet ja nicht automatisch entjungfert zu werden, also verstehe ich ehrlich gesagt auch das Problem nicht so ganz. Allerdings habe ich auch nicht so den Plan von Religion, v.a. dann nicht, wenn sie streng ausgelebt wird.
      Sie hat das total verinnerlicht, ja. Sie hielt sich wie gesagt die Ohren zu und verlässt den Raum bei Filmen – egal ob zuhause oder im Kino, ziemlich upgespacet, v.a. in diesem Alter. Eine Freundin von mir meinte, dass sie deshalb wohl auch gar nicht Gefahr laufen würde, aufgrund mangelnder Aufklärung schwanger zu werden oder so, weil sie diese Einstellung ja verinnerlicht hat… Aber es geht ja um's Prinzip, man sollte schon ein bisschen was darüber wissen, was im eigenen Körper abläuft. Dafür muss man ja nicht gleich schwanger werden… Und irgendwie fürchte ich, dass das wirklich zu einem leicht gestörten Verhältnis zur eigenen Sexualität später mal führen könnte – aber vielleicht lehne ich mich da küchenpsychologisch auch ein bisschen weit aus dem Fenster ( 😉 ).

      Antwort
      1. kielerkrimskrams

        Oh, mit Religion kann ich auch so gar nichts anfangen. Und mit so streng gelebter schon gar nicht, das ist mir sehr suspekt (übrigens egal, welche Religion).
        Ich frag mich nur, wie lange die Eltern das Mädchen noch in dieser Unwissenheit lassen wollen. Was haben sie ihr denn gesagt, als sie ihre Tage bekommen hat? Wie erklärt man das denn einem Teenie ohne…naja…ohne den Rest gleich mitzuerklären?
        Krass auch, dass die Eltern gleich zum Schulleiter gehen und dass der sich ihrem Willen beugt! Wenn Kinder anderer Religionen nicht am christlichen Religionsunterricht teilnehmen, sehe ich das ja ein, aber beim Biounterricht nicht mitmachen? Bisschen arg übertrieben…

      2. tinatainmentia Autor

        Ja, finde ich auch und ist mir ebenso unbegreiflich, das alles… Ich weiß nicht, was die Eltern ihr erzählt haben – wobei es nicht selten der Fall ist, dass selbst Eltern bzw. die Mütter erschreckend wenig wissen. Gut, denen ist dann wohl schon klar, wo Kinder herkommen – aber wie das alles mit Menstruation, Ovulation etc. zusammenhängt, das wissen schockierenderweise glaube ich wirklich nicht unbedingt alle Frauen in Deutschland, und das könnte ich mir eben gerade bei einer Familie, die das ganze Thema zum Tabu erklärt hat, richtig gut vorstellen… Vielleicht sollten wir die ganze Familie in den Unterricht schicken? 😉

  3. teacheridoo

    Ganz, ganz schwieriges Thema, aber wirklich ganz schwierig. Da treffen, im wahrsten Sinne des Wortes, Welten aufeinander.
    ICH sehe das natürlich genauso wie Du bzw. die Kommentatoren hier: Aufklärungsunterricht sollte verpflichtend sein. Aber: Natürlich sehe ich das so. Ich bin geprägt von einem relativ lockeren Umgang mit diesen Dingen, Sexualkundeunterricht ist hier normal, wir werden zudem tagtäglich mit dem „Sex sells“-Prinzip konfrontiert.
    (Dabei habe ich selbst noch einen Sexulakundeunterricht erlebt, der kaum verklemmter hätte sein können und mein Vater floh seinerzeit höchst erleichtert aus meinem Zimmer, nachdem ich sein Aufklärungsansinnen gestoppt hatte durch lässiges Abwinken: „Papa, lass mal. Ich weiß schon Bescheid.“ – Die Bravo hatte bereits alles Notwendige übernommen. ;)).

    Wenn dieser lockere Umgang nun also auf eine komplett andere Denkweise stößt, wird es schwierig. Ich denke, da braucht es viel Fingerspitzengefühl und Geduld, plus die Akzeptanz, dass nicht alle Menschen die notwendige Erziehung für gut und richtig erachten. Leider sind solche Ansichten ja oft sehr festsitzend, weil seit Generationen weitergegeben. Auch von uns werden sich die Wenigstens vollkommen frei machen können von Regeln, die ihnen vom Elternhaus kontinuierlich anerzogen wurden.

    Schwierig. Eine Pauschal-Lösung gibt es da jedenfalls wohl kaum. (Wie geht denn die Schule damit um? Ging das einfach so durch?)

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Naja, der aktuelle Schulleiter hat es wohl durchgewunken, sie hat nicht dran teilgenommen. Dem war, gelinde gesagt, mittlerweile aber auch einiges, naja… sagen wir nicht gleichgültig, aber, da er jetzt in Pension geht, war es ihm den Stress wohl nicht mehr wert. Er ist den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, würde ich sagen. Wie das dann nächstes Jahr aussähe, weiß ich natürlich nicht.

      Ich finde es ja auch so schwierig, sonst hätte ich den Beitrag nicht gepostet. Mich haben dahingehend eben so viele Fragen, s.o., beschäftigt. Klar sind wir geprägt von unserer sehr westlichen, sehr offenen Denkweise. Aber den eigenen Körper vernünftig verstehen zu können und so etwas Elementares wie Sexualität anzusprechen, das ja, wie du richtig sagst, in unserer Gesellschaft omnipräsent ist, ich weiß einfach nicht, was man da so extrem dagegen haben kann. Man kann es doch auch kaum vermeiden, damit in Berührung zu kommen (Stichwort ’sex sells‘).
      Religion, ja, hm, aber Sex gibt es da doch trotzdem, nur eben mit dem Vorhängeschloss „Ehe“ 😀 (naja, gut, so bewandert bin ich nun auch nicht, aber das ist so das, was ich mitbekommen habe^^). Das Thema zum Tabu erklären und totschweigen ist irgendwie dem Jahr 2014 nicht angemessen. Bei allem Respekt und aller Toleranz fällt es mir da wirklich sehr schwer, nachzuvollziehen, wie man sein Kind da so reindrängen kann, dass es das zwangsläufig als ein Tabu, wenn nicht gar als etwas Abstoßendes ansehen muss. Es wäre ja wieder anders, wenn die Eltern ihr Kind aufklären würden und nur nicht wollten, dass es im öffentlichen Raum, d.h. in der Schule, über dieses Thema sprechen muss. Das scheint so aber eben nicht zu sein.

      Ich weiß nicht, ich finde irgendwie einfach, dass deutsche Bildungsinstitutionen, die ja nun mal auch westlich und vom Verständnis der Aufklärung (Achtung, an dieser Stelle wohl doppeldeutig – gemeint ist v.a. die Epoche 😉 ) geprägt sind, bei so etwas nicht zurückschrecken sollten. Ansonsten lässt sich in die Erziehung natürlich nicht reinreden, aber ein gewisses Anrecht auf Wissen besitzt man ja irgendwo auch.
      (Andererseits lässt sich die Institution Schule ja auch von der Kirche reinreden, was bspw. das Thema Homosexualität betrifft, dazu erinnere ich mich jedenfalls an eine Riesendiskussion von vor ein paar Wochen in BaWü. Dem Jahr 2014 ebenfalls absolut NICHT angemessen meiner Meinung nach.)

      Antwort
      1. teacheridoo

        Wie gesagt, ich kann Deine Probleme damit, das nachzuvollziehen (von „gutheißen“ ganz zu schweigen), sehr gut verstehen.

        Ich schätze, ich kann das Handeln der anderen Seite bedingt „verstehen“ – nicht im Sinne von „ich finde richtig, was die tun“, sondern viel eher i.S.v. „ich kann ansatzweise nachvollziehen, was in denen vorgeht“. Wohl aus dem Grunde, als dass ich selbst streng katholisch aufgewachsen bin, mit vielen haarsträubenden Auswüchsen, die das so mit sich bringt. Der Bravo ist an der Stelle wirklich einiges zu verdanken. ^^

        Für diese Eltern ist Sexualkundeunterricht jedenfalls mindestens ebenso unvorstellbar, wie es für Dich unvorstellbar ist, selbigen abzulehnen. Wenn man es von der Warte betrachtet, wird die Ablehnung bzw. das Gefühl dahinter eventuell etwas nachvollziehbarer (wenngleich das diese Handlungsweise nicht richtiger macht, oder: nicht richtiger in unseren Augen).

        Ich fürchte, mit Logik oder Verweis auf das Jahr 2014 kommt man da kaum weiter. Wäre ich der Vertreter einer so krassen Anschauung, würde ich an dieser Stelle argumentieren, dass uns die ganze Lockerheit in solchen Dingen in ein Zeitalter gebracht hat, in dem schon Minderjährige an allen Ecken mit Sexualität konfrontiert werden, und dies ganz sicher nicht immer zum Besten der Kinder (und hätte damit zu einem gewissen Grad sicher nicht ganz Unrecht). Und was das Kennen des eigenen Körpers angeht, hätte ich das Totschlagargument „Ist doch bisher auch keine Frau dran gestorben“ parat.

        Und nein, keine Sorge, ich gehe in keiner Weise mit solchen Anschauungen konform.^^ Nicht, dass das hier falsch rüber kommt.
        Aber es hilft manchmal, sich – soweit machbar – deren Blickwinkel zueigen zu machen.

        Ich zermartere mir gerade ernsthaft den Kopf, wie man da argumentativ weiter kommen könnte. Wie gesagt, solche Anschauungen kommen ja nicht über Nacht, sondern sitzen tief. Da den geeigneten Hebel zu finden, dürfte einer Lebensaufgabe gleich kommen.

      2. teacheridoo

        Nachtrag: Außerdem hadere ich inzwischen sehr oft mit unserem Verständnis von „richtig“ und „falsch“. Was für uns „vollkommen richtig“ ist (und damit alles andere inakzeptabel), ist für andere eben „vollkommen falsch“ (und somit völlig inakzeptabel).
        Was ist nun „richtig“? Und darf ich mein „richtig“ anderen aufdiktieren, auch wenn ich total überzeugt von der Richtigkeit meines „richtig“ bin?

      3. tinatainmentia Autor

        Die letzte Frage aus dem Nachtrag hat ja alle oben aufgelisteten Fragen überhaupt angestoßen. ^^

        Naja, immerhin die Bravo. Es ist ja nicht nur der Unterricht an sich. Auch das Raum-Verlassen bei solchen Szenen, nichts darüber hören oder lesen WOLLEN. Keine Selbstaufklärung mittels Bravo oder Internet, weil sie es schon verinnerlicht hat, dass es ein No-Go ist. Das finde ich so schlimm daran. Und deshalb denke ich, gut, wenn es anders nicht geht, dann eben über den Unterricht. 😀
        Mit dem Argument „ist noch keine Frau dran gestorben“ kann man übrigens generell alles abwehren, am besten wandelt man es noch auf „Mensch“ um und dann heißt’s am Ende: „Wozu überhaupt Schule oder Bildung? Ist doch noch keiner an Unwissenheit gestorben…“ 😛

  4. Myriade

    Ich finde das ziemlich verkehrt, wenn Kinder aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen nicht an irgendeinem Schulfach teilnehmen. Da gäbe es ja viele Möglichkeiten Im Bio- oder auch im Geschichtsunterricht. Die Eltern sind Kreationisten, oder Holocaust-Leugner oder was auch immer und wollen, dass ihr Kind nicht einmal hört, dass es auch andere Einstellungen gibt. Ich finde, das darf man in einer öffentlichen Schule nicht zulassen.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Ohje, ich hatte in der Oberstufe einen Kreationisten in meiner Stufe. Das war super *hust*. Er nahm zwar am Unterricht teil, aber ständig gingen die Diskussionen los, auch im Englisch LK – Evolution sei doch bloß eine Theorie, er plädiert für die Abschaffung des Bio-Unterrichts und wäre dafür, stattdessen Kreationismus/Fundamentalismus-Kram zu lehren… Da war auch immer was geboten. Nicht zu vergessen seine Einstellungen gegenüber Homosexualität usw. … ich weiß allerdings nicht, wie es sich bei ihm verhalten hatte, ob er in der Unter-/Mittelstufe, als die Eltern noch Entscheidungsträger waren, eine Befreiung des Unterrichts beantragt hatten oder nicht.
      Aber du hast Recht. Theoretisch könnte man für einige Fächer dann Gründe finden, warum man aus eigenen Ansichten heraus dagegen ist und sein Kind befreien lässt. Wir hatten auch mal jemanden, dessen Eltern nicht wollten, dass das Kind Fremdsprachen lernt. …

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  5. Frau Henner

    Du berührts die Frage nach dem Recht des Einzelnen in der Gesellschaft. Im Politikunterricht hieß es seinerzeit: jeder, der in einem Staat lebt, akzeptiert damit die Regeln, denen er sich zu unterwerfen hat. Angesichts der weltpolitischen Lage halte ich dieses Modell aber nicht mehr für tragfähig – denn ich habe de facto oft nicht die Möglichkeit, mir einen Staat auszusuchen, der meine Meinung stützt. Aber wenn ich eine Diktatur und einen Rechtsstaat unterscheide, kann ich dann von in Deutschland Lebenden nicht auch fordern, sich diesen Gepflogenheiten anzupassen?
    Sexualkunde ist von Lehrer zu Lehrer eh so verschieden. Meine Tochter Lucy wird nach Aussage der Biolehrerin erst in der siebenten Klasse Sexualkunde haben (was ich für spät halte), während die Parallelklasse in der Grundschule schon in der vierten Klasse damit angefangen hat (was ich für früh halte). Meine Lehrerin hat diesen Teil ausgelassen beziehungsweise nur die rein chemische Seite der Hormone behandelt und Referate über Verhütung und Aids halten lassen. Der Sex war jedenfalls nie Unterrichtsgegenstand. Aber auch damals gab es schon die BRAVO. Trotzdem war es ein großes, spannendes Geheimnis. Aufregend.
    Bei deinen Mädchen geht es aber um Fundamentalismus. Die verweigerte Sexualkunde ist nur ein Symptom davon. Und da sehe ich es eher wie im ersten Abschnitt, solange wir ein Rechtsstaat sind, muss der Einzelne sich den Entscheidungen der Mehrheit beugen. Kleine Kompromisse eingeschlossen. Unsere Kopftuchmädchen müssen Sport machen – auch Schwimmen, aber Haut zeigen müssen sie nicht. Wozu gibt es sonst die Ganzkörpergummianzüge? Und von Sexualkunde ist auch noch niemand befreit worden.

    Antwort
    1. tinatainmentia Autor

      Danke für den ausführlichen Kommentar – die Frage mit der Befreiung vom Sportunterricht bei Kopftuchmädchen kam ganz aktuell letzte Woche bei uns auf. Der alte Schulleiter, der auch die Befreiung vom Sexualkunde-Unterricht durchgewunken hat, hätte das Mädchen auch sicherlich vom Schwimmunterricht befreit. Der neue Schulleiter hingegen hat den Antrag abgelehnt.

      Ja, die Fragen bzgl. wann der Unterricht stattfinden sollte und wie weit alles thematisiert wird/werden sollte, sind ja wieder andere. Ich kann mich ehrlich gesagt selbst kaum an meinen eigenen Sexualkundeunterricht erinnern – irgendwann in der 7. Klasse hat man mal die Bildchen von nackten Menschen angeschaut und in der 10. (!) durfte man Referate über verschiedene Geschlechtskrankheiten halten, aber an mehr kann ich mich nicht erinnern. Das Seltsame am Fall Dunja war ja, dass bei ihr gar keine Neugier vorhanden schien – bzw. wenn, dann hatte sie bereits verinnerlicht, dass dies „falsch“ sei und versucht es vor anderen (und vielleicht auch vor sich selbst) zu verbergen/verdrängen… Fundamentalismus mag es wohl treffen, hm. Ich habe mich jedenfalls sehr unwohl gefühlt in und mit der Situation und mir einige Gedanken dazu gemacht. Daher auch der Blogeintrag dazu… Irgendwie war ich ein bisschen überfordert von dem Bedürfnis, ihr irgendwie helfen zu wollen auf der einen Seite und dem Wissen, dass ich daran wohl nicht viel ändern kann und daher irgendwie hilflos bin auf der anderen Seite. Ich hoffe, irgendwann klärt sich das mit den Jahren – nicht nur, was das Thema Sexualkunde angeht, denn ich denke, Sie haben sehr Recht damit, dass das noch andere Bereiche betrifft.

      Antwort

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