Von überraschenden Wendepunkten

Ich habe bereits an anderer Stelle schon einmal vom Förderunterricht mit Menowin und Balint berichtet.

Während Balint fast immer der einzig motivierte Schüler ist, hat Menowin starke Motivationsschwankungen – mal ist er äußerst gut zu motivieren, mal überhaupt nicht, wo er dann dafür umso unkonzentrierter, anstrengender und nerviger ist und in einer Tour stört. (Oder Papierflieger bastelt. Oder durch den Raum springt. Oder den halben Saal einsaut. Oder… you get my point.) Die anderen sind in der Regel einfach generell immer unmotiviert. Und regen sich Woche für Woche auf’s Neue darüber auf, warum sie überhaupt in den Förderunterricht müssen und dass sie das ja eh so gaaaar nicht nötig hätten, ey!

Dass die großen Ferien kurz bevor stehen, hat die Lage nicht wirklich verbessert. Und dass man die Kinder am Schuljahresende mit Grammatik- und Rechtschreibübungen und Diktaten jagen kann, ist sowieso der Fall. Was also tun? Spiele spielen? Fußballsticker bewundern? Die Zeit totplappern? Nein, ich weiß! Wir schreiben eine Reizwortgeschichte. Um irgendwas in Richtung Textproduktion zu machen und die Kreativität zu fördern und sowas, lauter tolle didaktische Begründungen lassen sich finden, haha!

Zu Beginn der Stunde ist es unerträglich. Es wird nur gequatscht, gelacht, beleidigt und „Kein Boooooock“-Bekundungen werden laut. Die meisten kennen das Prinzip der Reizwortgeschichte nicht und finden das auch „voll unnötig und duuuumm, weil gaaanz ehrlich, brauchen tut man das ja eeeh net, wenn doch auch alle Arbeiten schon geschrieben sind“…!
Balint freut sich. „Ouhjaaaa, Frau Studi, das haben wir letztens in Deutsch gemacht und das macht vooooll Spaß!“ Der Rest grummelt und macht weiter mit irgendwelchen lauten, nervigen Aktivitäten. Ich muss mehrmals gegen die Jungs anschreien, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Seufz. „Das wird nie was“, denke ich.

Nachdem ich es irgendwie geschafft habe, zu erklären, was eine Reizwortgeschichte ist und wie dabei vorgegangen wird (und noch mehrfach gegen die pubertären Kerle angeschrien habe, um mir Gehör zu verschaffen), kann ich die Bande widerwillig dazu bewegen, sich die ersten beiden Sätze von mir diktieren zu lassen. („Oah nöööö, Frau Studi! Können wir nicht einfach chilleeeeen?“)

Menowin, Balint und Cem fangen direkt an, ihre Geschichte fortzuspinnen. Patrick geht mir immer noch auf die Nerven und erntet noch ein paar böse Blicke inklusive „Du kannst auch gehen, wenn’s dich nicht interessiert“-Gegrummel meinerseits, Dario muss erst mal noch 5 Minuten überlegen, bevor er überhaupt was zustande bringt. Milos stammelt laut vor sich hin, was er auf sein Blatt kritzelt.

Ich schreibe das erste Wort an die Tafel: Pfarrer. „Boah eyyyy ne, Frau Studi? Das passt jetzt mal gaaaaaar nicht!“ Aber irgendwie schreiben sie weiter. Quietscheente. Messer. Champignon. „Im Eeeeeernst?! Frau Studi, was hat denn bitte eine Quietscheente mit einem Pfarrer zu tun! Und das alles mit einer Autopanne?!“„Ja, Lukas, schön, dass du den Sinn einer Reizwortgeschichte erkannt hast. Die Wörter haben absolut nichts miteinander zu tun, deshalb ist es ja auch deine Aufgabe, sie irgendwie zu verbinden und in deine Geschichte einzubinden“, gebe ich zurück. Nach ca. 7 Minuten beschwert sich Patrick, dass er jetzt ja schon „voll viiiiel“ geschrieben habe und „so viel schreiben gar nicht klar“ ginge. Schwester. Kühlschrank.

„STOPP! Das sind jetzt aber mal genug Wörter!“, ruft Eduardo entrüstet. „Neee, die Frau T. macht mit uns immer 10!“, entgegnet Balint.
„Waaas? Balint, halt die Fresse! AUF GAR KEINEN FALL MACH ICH ZEHN!“
Ich seufze. Hey, immerhin haben sie alle was geschrieben. Das ist 10 Mal mehr als ich mir zu Beginn der Stunde noch erwartet habe. Ich sage: „Okay, noch zwei Wörter für jeden.“
Balint: „Neiiiin! Ich will zehn, Frau Studi!“„Okay, Balint, für dich schreibe ich zehn an, ja?“
Plötzlich meldet sich Menowin zu Wort: „Ich mache mit bei zehn! Aber nicht so schnell, Frau Studi, ich bin noch bei Schwester!“

Pferd. Ring. „Geht bei Pferd auch Pferdestärke?“„Und bei Ring, ist das egal, was für einer? Also, Verlobungsring oder Hula-Hoop-Ring oder…?“ Zug. Papier.

Am Ende haben sie alle eine 1,5-seitige Geschichte geschrieben, die Hand und Fuß hatte. Ich war wirklich absolut begeistert davon, dass sie 1. sich überhaupt darauf eingelassen haben und 2. so großartige Ideen dabei herausgekommen sind. Und das alles, obwohl ich zu Beginn der Stunde so große Probleme hatte, sie überhaupt dazu zu bewegen, ruhig zu sein und irgendwas zu machen!

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4 Gedanken zu „Von überraschenden Wendepunkten

  1. jeyarekey

    Hallo,
    Schau mal auf meinen Blog dort habe ich einen Beitrag “SCHULEvsLEBEN” veröffentlicht. Vielleicht interessiert dich meiner ja auch 😉 …Les es dir mal durch. Den findest du auf meinem Blog unter “Juli2014″ Rechts in der Navigation.

    Liebe Grüße
    Jeyare

    Antwort

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