Können Sie sich nicht mal zurückbeamen? / WM-Wahnsinn

Notenschluss steht kurz bevor, die Sommerferien sind in Reichweite – die Luft ist raus.

Die Kinder haben, gelinde gesagt, einfach keinen Bock mehr. Die Kollegen auch nicht. Letzteres merkt man daran, dass es kaum noch Hausaufgaben gibt, stattdessen kommt: „Wir haben Film geguckt!“, wahlweise auch mal: „Wir haben Tabu/Activity/Vokabelfußball/Stadt, Land, Fluss/… gespielt!“

Toll. Wofür es dann noch ‚Hausaufgabenstunden‘ gibt, ist mir auch ein Rätsel. Dass es noch unruhiger als sonst ist, inkl. „Oh man Frau Studiiiii, es ist SO langweilig, ey, können wir nicht rausgehen?!“ in Dauerschleife, kann man sich vorstellen.

In einer solchen Stunde gibt es zur Zeit im Grunde genommen nur ein Thema. Wenn alle „Können-wir-nicht-rausgehen?“-Versuche scheitern, muss man eben… die Panini-Heftchen auf den Tisch packen und über die WM diskutieren. Meine Güte, diese Kinder wissen alles über Fußball. Sie kennen gefühlt jeden Spieler jeder Nationalmannschaft mit Stärken, Schwächen, Alter… Und die Diskussionen werden immer lauter, sobald es darum geht, wer rauszufliegen hat und wer nicht. Und vor allen Dingen: Wer schon rausgeflogen ist.

Ich hatte kurz aufgeatmet, als das Aus für Italien kam… In der Hoffnung, dass jetzt vielleicht wenigstens die endlose Diskussion „Italien is bessa!“ – „Neiiiiin, bischu dumm, ‚Schlaaaaaand!“ ein Ende hätte. Tja. Weit gefehlt. Dafür werden die Italiener jetzt die ganze Zeit damit aufgezogen, und zurückgeschlagen wird mit Beleidigungen der feinsten Sorte. Seufz.

Als mir das Chaos definitiv zu schwarzrotgold bunt wird, beschließe ich, den Joker auszuspielen. Jaaa, ok, vielleicht hätte ich mir den noch aufsparen sollen – und mal ehrlich, so toll ist das auch gar nicht – aber ich war wirklich müde und gereizt und wollte endlich, dass Ruhe einkehrt. Und naja, dass die Kinder das so toll finden würden und dem Ganzen mehr Begeisterung abgewinnen könnten als ich selbst, war mir auch klar.

Lautstark wird gerade diskutiert, dass MÜLLAAAA! sowieso viel besser is als BALOTELLIIIIII!, und was die deutsche Elf sonst noch so zu bieten hat. Ohne aufzugucken, erwähne ich beiläufig: „Also, der [Nationalspieler] war ja schon immer so ein bisschen seltsam. Und jetzt ist der ja total abgehoben.“

Es wird ein bisschen ruhiger. Batjar guckt mich irritiert und entsetzt an. „Wie kommen Sie denn DARAUF, Frau Studiiiii? Haben Sie etwa Ahnung von Fußball?(?????)“ Ich: „Naja, geht so. Aber den [Nationalspieler], den kenn ich eben aus Kindertagen.“ 
Zum jetzigen Zeitpunkt könnte man eine Stecknadel im Raum fallen hören. Whooza, ich hab’s geschafft, die ungeteilte Aufmerksamkeit der Chaosbande zu erhalten. Ein Blick auf die Uhr – die Hausaufgabenstunde geht noch 20 Minuten – und ein zufriedenes inneres Abnicken meinerseits. Gut, 20 Minuten. Dann muss ich nicht allzu viel über den Kerl, dem ich zur Grundschulzeit die Freundschaft gekündigt habe und der heute Millionen schwer ist, erzählen, aber 20 Minuten sind eine schöne Zeit, um einmal Ruhe genießen zu können. 

Tom plädiert dafür, dass ich mich zurückbeame, die Freundschaft aufrecht erhalte, Spielerfrau werde und den ganzen Kindern Autogramme besorge inkl. Geld verschenke. Ich sage: „Na, Tom, das ist aber nicht so ganz durchdacht. Wäre ich jetzt Spielerfrau, dann würde ich in [Ausland, wo Nationalspieler jetzt vereinsmäßig rumdümpelt] leben und wäre nicht hier, d.h. ich würde euch gar nicht kennen und dementsprechend hättet ihr auch gar nichts davon.“ 

Lisa findet, wenn ich mich schon zurückbeame, dann muss das ganz anders laufen: Ich darf den Kontakt nicht abbrechen, muss seine allerbeste Freundin werden, trotzdem an der Tinalise-Schule arbeiten, die Irrenhaus-Insassen kennenlernen, dann durch irgendeinen Skandal dafür sorgen, dass [Nationalspieler] und Freundin Schluss machen, ihn dann trösten, mit ihm zusammenkommen UND DANN die Autogramme und die Kohle an die Kinder rausrücken.

Es klingelt. „Voll schadeeee“, dass die Nähkästchenplauderei zu Ende geht, finden Latife und Dilara. 
Als die Kinder den Saal verlassen, kommt Timo, der „MÜLLAAAA!“-Schreier, an meinem Pult vorbei, guckt mich nachdenklich an und sagt: „Also, Frau Studi, wir müssen das ganz anders machen. Sie sollen sich zurückbeamen, aber kriegen Sie das dann hin, dass Sie dann statt mit [Nationalspieler] mit Müller in den Kindergarten gehen?! Das wäre sooooooooo cool!“

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10 Gedanken zu „Können Sie sich nicht mal zurückbeamen? / WM-Wahnsinn

  1. Myriade

    Ach je ! Ich bin ja so froh darüber, was mir als Bürgerin eines Landes mit einer seit Jahrzehnten grottenschlechten Fußballnationalmannschaft alles erspart bleibt 🙂

    Antwort
    1. Tinalise

      Das glaube ich gerne! In Deutschland herrscht Ausnahmezustand, ich kann kein schwarzrotgold mehr sehen… Und dann ständig dieses Autocorso und Geballere wie an Silvester, herrje! Schön ist anders.
      Nicht zu vergessen, dass die Nationen untereinander immer gleich wieder so feindlich werden müssen, dabei ist es doch nur ein Sport… *seufz*

      Übrigens stimmt, ich habe da noch nie so drüber nachgedacht, von Österreich hört man ja nie was im Fußballwahn :mrgreen: Schaffen die die Quali einfach nicht oder probieren die’s gar nicht erst? 😀

      Antwort
  2. diewiderspenstige

    Oh das werden die Kleinen so schnell nicht mehr vergessen! 😀

    Aber darfst du mit denen nicht nach draußen? Bei uns haben die Verantwortlichen nach kurzer Zeit erkannt, dass es Schwachsinn ist, von einem Fünftklässler nach 6 Stunden Schule zu verlangen, direkt im Anschluss daran weiterzulernen. Die Kiddies dürfen jetzt immer die Hälfte der Hausaufgabenbetreuung draußen unter Aufsicht spielen 😉

    Antwort
    1. Tinalise

      Widi! Dazu kann ich nur ein ganz, ganz lautes *SEUFZ* von mir geben!
      Wenn ich eine E-Mail-Adresse von dir hätte (deine bei den Kommentaren angegebenen funktioniert irgendwie nicht), würde ich dir das erklären, aber auf dem Blog ist’s mir ein bisschen zu heikel! Die Frage wäre nämlich ein bisschen ausdifferenzierter zu beantworten… Aber nicht, dass man hier doch mal noch entlarvt wird und sich gewisse Menschen dann auf den Schlips getreten fühlen, örgs. Daher lieber nicht in den Kommentaren. 😉

      Antwort
    1. Tinalise

      Naja, ich habe ihn bewusst „[Nationalspieler]“ genannt… Es ist, seufz, die Paranoia. Wenn ich seinen Namen hier schriebe, bräuchte es einen Eintippsler in Google und Tinalise-Stadt wäre fortan Geschichte, denn man könnte es dann einfach durch [wahren Namen von Tinalise-Stadt] ersetzen und das wäre mir ein zu großer Schritt weg von der Anonymität, sorräy!

      P.S.: Außerdem kennst du den doch eh nicht, tu nicht so, als würdest du dich beim Fußball auskennen! 😛 :mrgreen:

      Antwort
      1. kielerkrimskrams

        Haha, da hast du recht, ich kenn mich damit nicht aus! Letzte Woche hab ich Tony Kroos für Holger Badstuber gehalten – bis meine Schwester meinte, dass Badstuber gar nicht bei der WM dabei ist. 😀 So viel dazu…
        Ich gebe mich dann mit der Info zufrieden, dass du als Kind einem heute millionenschweren Promisportler die Freundschaft gekündigt hast. Der hatte das bestimmt verdient! 😉

      2. Tinalise

        Hatte er. Eine Freundin ist letztes Jahr mit ihm in [Unistadt] zusammengestoßen und als sie dann nicht vor Ehrfurcht zerflossen ist bzw. auf Knien um ein Autogramm gebettelt hat, meinte er: „Weißt du etwa nicht, wer ICH bin!?“ Uaah.

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