„Sie waren doch auch mal jung!“

Wow. Und ich wollte schon Wetten darauf abschließen, wann man diesen Satz zum ersten Mal zu hören bekommt. Ich schätzte so auf irgendwann im Referendariat, wenn die Schüler einen auf mindestens 30 und damit für ihre Begriffe uralt schätzen. Tjaha. Dem war dann wohl nicht so. Sie waren doch auch mal jung. Wahrscheinlich sollte ich an dieser Stelle auch besser nicht verraten, dass ich letztens den mentales Alter Test gemacht habe und der mir bescheinigte, mein Kopf sei meinem Körper altersmäßig 15 Jahre voraus. Hmz.

Wie auch schon bei Frau Butterbrot angeklungen, ist der Fußballstickeralbenwahn nicht mehr zu stoppen. Die Unter- und Mittelstufe ist voll damit. So weit das Auge reicht: Ein Meer aus Panini-Heftchen. Und sofern man nicht schon komplett taub abgehärtet ist, hat man auch ein chronisches Pfeifen Klatschen im Ohr. Nein, das ist kein Tinnitus. Das ist das Klatschspiel der Kids, bei dem der gewinnt, dessen Spielersticker am Ende auf dem des anderen liegt.

Neulich in der 10. Stunde bei den Fünftklässlern. Es war Hausaufgabenstunde, aber die Kids hatten irgendwie schon alle Hausaufgaben erledigt. SämtlicheTests und Klassenarbeiten wurden auch unlängst geschrieben, sodass man sie ohnehin nur halbherzig auffordern konnte, doch irgendwelche Vokabeln zu wiederholen oder so. Was kam also auf? Langeweile. Und was kommt mit der Langeweile? Die Fußballsticker auf den Tisch!

Naja, gut. Mir war’s dann auch egal, so 20 Minuten vor Schulschluss. Sollten die halt spielen. Kinder, die grade keine Sticker hatten, spielten das dämliche Klatschspiel übrigens trotzdem. Mit Papierschnipseln. Ähä.
Franjo hatte sein Panini-Heft selbstredend dabei, Florian ebenso. Es wurde über den beiden Heften gehangen und getuschelt und getauscht und ge-was-weiß-ich-noch-was-t. Plötzlich stand Max vor mir.

„Frau Studiiiiiiiiii! Ich muss in den Klassensaal zur Frau T.! Mein Stickerheft holen!“ Ohje. Ne, das geht mal gar nicht klar. Von mir aus können die jetzt ruhig spielen, es ist eh später Nachmittag, die Hausaufgaben sind erledigt (nur Dario hängt noch über einer Abschreibeaufgabe) und sämtliche Leistungsüberprüfungen in den letzten Tagen geschrieben. Aber in den Klassensaal zur Frau T., um ein Panini-Heft zu holen? Gott bewahre! Frau T. ist eine richtig, richtig strenge. Spaß versteht sie nicht. Dass Kinder auch mal was anderes als nur Lernen und Hausaufgaben brauchen, versteht sie sowieso nicht. Generell mag sie eigentlich keine Kinder. Warum nicht? Und, noch viel dringlicher: Warum ist sie dann Lehrerin geworden? Tja. Das weiß niemand so genau. Ist vermutlich ein Rätsel für die Illuminaten. Jedenfalls: Frau T. würde mich vermutlich lynchen, weil ich die Kinder 20 (!) Minuten (!) vor Schluss spielen lasse. DAS GEHT NICHT MAL 20 SEKUNDEN KLAR!

„Nee, Max, sorry. Du weißt doch, dass die Frau T. das nicht gerne sieht, wenn ihr ständig in den Saal gelatscht kommt, um was zu holen. Und dann auch noch ein Stickerheft.“ – „Aber ich kann ja so tun, als würde ich ein Deutschbuch holen! Die Frau T. weiß bestimmt nicht, dass wir gestern Deutsch geschrieben und da jetzt gar nix aufhaben!“ Nee. Gibt ja auch kein Klassenbuch oder so.
„Max, das geht echt nicht. Beschäftige dich doch irgendwie anders. Oder spiel von mir aus auch mit diesen ollen Papierschnipseln…“ – „Ohhh Frau Studi, haben Sie denn nie was *kicher*
 Verbotenes gemacht? Sie waren doch auch mal jung!“

Tja. War bin ich schon, klar. Und ehrlich, ich hätte nicht mal was dagegen gehabt. Ich konnte dem armen Mäxchen nur deshalb nicht gewähren, weil ich dann Stress mit Frau T. bekommen hätte, und darauf hatte ich echt keine Lust. Tatsächlich aber bin ich schon der Meinung, dass die Kids mit 10 Stunden Schule genug Stress haben und man sie auch mal belohnen kann, wenn sie gut gearbeitet und alles erledigt haben. Immer nur Drill und Lernen muss doch nicht sein. Mal abgesehen davon, dass die meisten dann ohnehin nicht wirklich lernen, sondern nur widerwillig ihre Bücher rausholen und drauf starren, damit die Aufsichtsperson Ruhe gibt.

Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob man dafür wirklich jung sein muss, um zu finden, dass Kinder auch mal Kinder sein dürfen sollten. Oder ob man Kinder dafür einfach nur mögen muss.

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17 Gedanken zu „„Sie waren doch auch mal jung!“

    1. Tinalise

      :mrgreen: Super! Der „Schwarzmarkt“, hahaha. 😀 Tja, das mit den Stickern ist wohl wie so eine kleine Epidemie… :mrgreen: Wenigstens keine schädliche. (Außer für das Unterrichtsgeschehen vielleicht… :D)

      Antwort
  1. Myriade

    Nette Person, die Frau T 🙂 Hab auch so eine Kollegin, die zerfließt vor Begeisterung wenn sie eine Uniform sieht. Bis jetzt war da immer ein Mann drin, aber vielleicht funktioniert das auch ohne Inhalt 🙂

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  2. Maggy

    Bei uns sind die Sticker auch überall im Umlauf. Aber das läuft nicht nur in den Schulen, nein das läuft auch im Büro. Unter Erwachsenen. Für die Kinder natürlich nur. 😀 Da gibt es ein richtiges Tauschnetzwerk. Alle die keine Kinder haben bringen die Sticker ebenfalls mit. Die gehen zuerst zu Kollegin X, die schaut „was sie noch braucht“ und dann gehen sie zur Kollegin Y, die ebenfalls auf ihre Liste (!) schaut und die restlichen weiter gibt etc.

    Ich beteilige mich da auch. Ich gebe auch immer brav die Sticker ab. Kann sie selbst nicht gebraucht, und wenn jemand daran Freude hat, freut es mich.

    Antwort
    1. Tinalise

      Och, das finde ich aber süß, dass die Mütter da so engagiert dabei sind und sogar Listen für die Sprösslinge haben. 😀
      Von mir aus kann im Privaten auch jeder seine Freude daran haben, aber im Unterricht ist’s manchmal dann doch eher suboptimal 😉

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  3. diewiderspenstige

    Ich bin gerade verzweifelt am Überlegen, ob ich jetzt froh sein soll, dass die kleinen Scheißer bei uns mit ihren 500 € Smartphones beschäftigt sind und nicht klatschen (bei 200 Fünftklässlern nicht so angenehm) oder ob das eher traurig ist xD

    Antwort
    1. Tinalise

      Bei uns sind die kleinen Scheißer prinzipiell auc mit ihren 500€ Smartphones beschäftigt. Damit kennen sie sich auch bestens aus. 1. Frage lautet immer: „Was für’n Händy ham Siiiiie?“ Und mit den Modellen kennen die sich SOWAS von aus, dass man besser mal darüber einen Vokabeltest schreiben sollte, wenn man gute Ergebnisse sehen will. Nun ist es aber so, dass Smartphones an der Tinalise-Schule für die kleinen Scheißer :mrgreen: , d.h. alles unter Oberstufe, tutto completto verboten worden sind. Die können sie zwar mit in die Schule schleppen, was ja auch uuuuunbedingt sein muss *Ironie off*, aber sie müssen ausgeschaltet (oder wohl eher lautlos, wie ich eher vermuten würde) in den Taschen bleiben. Wenn die damit erwischt werden, sind die Dinger für Minimum einen Tag weg… dann konzentriert man sich halt lieber auf’s Klatschspiel. :mrgreen:

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      1. diewiderspenstige

        Oh darf ich fragen, ob das bei euch funktioniert? Wird diese Regel eingehalten, hintergangen, von Lehrern vertreten etc?
        Läuft ab nächstem Schuljahr bei uns nämlich auch so..-

      2. Tinalise

        Hmz. Mehr oder weniger. Es gibt Lehrer, die da sehr konsequent sind, dann gibt es die, die es durchgehen lassen und die, die so tun, als hätten sie’s nicht gesehen, um den Stress zu vermeiden. Aber so ist es doch mit allen Regeln in der Schule, oder? 😉
        Die Kinder haben die Handys jedenfalls definitiv immer dabei, niemals ausgeschaltet, und wagen das ein oder andere Mal schon einen Blick… Nicht anders als wir Studenten auch :mrgreen: (nicht, dass uns das an der Uni jemand offiziell untersagen würde, aber halt so Gewhatsappe in den Seminaren und so… man kennt das doch!). Jedenfalls sind die Kinder immer FURCHTBAR geschockt, wenn man sie „ertappt“. Da ich keine Lehrerin bin, habe ich nicht die Befugnis, die Dinger für länger als in meiner Stunde vielleicht einzusacken… Das mache ich dann aber auch nur im Härtefall, wenn jemand nur mal kurz draufguckt oder versucht, was zu tippen, ermahne ich z.B. bei den 7ern einmal (relativ beiläufig und gelassen meistens. Sowas wie „Marius, pack dein Handy weg. Niemand grinst in sein Mäppchen, weil die Stifte dort so erfreulich sind“ oder so), bevor ich es wirklich wegnehme (weil, diese DISKUSSIONEN *ächz* und dann… na, also, irgendwie waren wir doch auch nicht viel besser *grins*). Dann sind sie immer total geschockt: „Woher WUSSTEN Sie…!“ 😀 Also, entweder die halten mich für komplett bescheuert, oder für uralt, oder keine Ahnung. Die können mich doch nciht mit meinen eigenen Tricks bescheißen… :mrgreen:

    2. ninaxy3

      Also ich find so Klatschspielchen defintiv besser als dieses Handy-Gezocke. Klar ich spiel auch mal die ein oder andere Runde 2048 auf meinem Handy (bin auch ein notorische E-Mail-Checker geworden in letzter Zeit), aber man kann bei uns in den Pausen regelrecht Handy Grüppchen sehen. Einer zockt und eine ganze Herde die um den herumsteht und alle stieren auf das Handy, oder alle sitzen brav nebeneinander auf einer Bank jeder mit seinem Handy in der Hand.
      Naja ich bin froh, dass bei mir alle wenigstens noch bis zur 8. Klasse nicht so Smartphone geprägt waren. Da gab es noch schöne Momente mit Versteck fangen über den ganzen Schulhof mit Mädchen und mit Jungen!! (Ja, das war schon eine Entwicklung ^^, manchmal durften sogar mehrere Mädchen mit Tischball spielen :-P)

      Antwort
      1. tinatainmentia Autor

        Hä, mein Kommentar ist weg oO Also nochmal:

        Ja, klar ist’s besser, aber bei uns ist wie gesagt das Handy-Gezocke auch verboten. Das Geklatsche nervt halt irgendwann, wenn du’s den ganzen Mittag lang hörst 😀

        Bei uns kamen die Smartphones ja erst in der Oberstufe. Ich hatte meins sogar erst nach dem Abi 😉 demnach ja, kann ich nachvollziehen. Heute sind sie aus keinem Klassen- oder Unisaal mehr wegzudenken. Traurig eigentlich, ja.

        Was mich zu meinem Lieblingsvideo (zusammen mit dem speaking exchange!) bringt:

        http://www.youtube.com/watch?v=Z7dLU6fk9QY

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