So ein Sonntag, der ist lustig…

Letzten Sonntag beschlossen der Freund und ich, ältere Leute zu ärgern.

Ja, ok, halt – ganz genau so war das nicht.

Eigentlich hatten wir das nämlich nicht einfach so aus Langeweile beschlossen, weil wir ja eigentlich ganz friedliche und respektvolle junge Menschen sind (jaha, ehrlich jetzt! *Unschuldsblick aufsetz*).
Besagte Herrschaften hatten es mit ihrer Dreistigkeit aber einfach verdient. Jawoll. 

Ich schreite dann mal zur Erläuterung, damit jetzt nicht alle Welt denkt, wir seien irgendwelche unerzogenen Assis…:

Ob des schönen Wetters beschlossen der Freund und ich, einen Spaziergang zu machen. Und weil wir die Schwester und den Schwager auf diese Weise noch ein bisschen entlasten konnten, wurden die beiden Neffen direkt miteingepackt. Es ging selbstverständlich – wie könnte es anders sein – zum Spielplatz, um sich anschließend in einer Eisdiele zu erholen (spielen ist ja auch anstrengend! ;)). 

Wir spielten also so fröhlich vor uns hin, bis sich irgendwann dann doch das fortschreitende Alter die mangelnde Kondition bemerkbar machte und wir das mit dem Spielen dann doch eher den Kindern überließen, um uns zur bitter nötigen Verschnaufpause auf eine Bank fallen zu lassen. 

Alles hätte so schön sein können, und so idyllisch – bis plötzlich:
*Nase rümpf* „Guck dir das mal an, Gerda, die Jugend von heute…“

Hmz. Ob die uns meinen…? Naja, was soll’s. Man kennt sie ja, diese blabla-Sprüche. Ist ja ein ganz antikes Phänomen, das.

„Ja, un-mög-lich, Helmut. Hauptsache in dem Alter schon zwei Bälger in die Welt gesetzt… Sachen gibt’s… und ich wette mit dir, deren arme Eltern dürfen das ausbaden! Von Erziehung haben die doch keine Ahnung! Und wie das erst finanziell aussieht…“

…bitte was?! Äh… hä? Meinen die jetzt echt uns? Wir gucken uns um. Außer uns vieren und dem so charmanten älteren Ehepaar ist grade niemand in der Gegend. Was zum…

Ok. Nachdem wir jetzt also sicher sind, dass tatsächlich wir gemeint sind, bleiben uns nun drei Möglichkeiten.

a) Ignorieren. Einfach so tun, als wären sie Luft, die älteren Herrschaften. Wir haben nichts gehört, nichts gesehen, wir sagen nichts. Wir sind drei Affen.
b) Die älteren Herrschaften freundlichst über das Missverständnis aufklären. Dass die Kinder nämlich nicht die unsrigen, sondern die der Schwester sind. Und dass die Schwester sehr wohl bereits in einem Alter ist, dass die Herrschaften wohl für angemessen halten würden, was zwei Kindlein betrifft. Und in Lohn und Brot ist sie auch, jawoll. Und sogar verheiratet. Ach Gott, ach Gott! Wenn das die Herrschaften mal nicht glücklich machen würde…!
c) Mitspielen. Den Herrschaften das bieten, was sie ja scheinbar sehen wollen. Schließlich haben die ja nicht umsonst in unserer Hörweite gesprochen… Das war doch sicherlich eine Aufforderung…?

Der Freund und ich gucken uns kurz an, kommunizieren non-verbal: Version c) darf es sein, bitteschön. Ja, mit Sahne. Nee, brauchen Sie nicht einpacken – geht direkt auf die Hand.

Wieder Helmut: „Naja, also, das Jüngere würde ja noch gehen. Volljährig sind die ja wohl. Dann hätten sie zwar trotzdem früh… Ach nee, Gerda, das ginge gar nicht. Stell dir mal vor, unsere Heike hätte sich das erlaubt…! Vor. dem. Studium! Oder noch schlimmer: Vor dem Abitur! Nicht auszudenken… Neee, nee, also, schwanger wär‘ die mir ganz sicher nicht heimgekommen! Keine Erziehung haben die mehr heutzutage…“

Ich fummele in meiner Tasche rum. Und achte darauf, möglichst laut und deutlich zu sprechen, damit die Herrschaften es auch ja mitbekommen: „Babyyyy, eyy, weißt du, wo ich das Ultraschallbild hingepfeffert hab’…?“ 

Helmut und Gerda, die ein Stück rechts von uns stehen, bekommen Elefantenohren. Mindestens.
Gerda bemüht sich fast schon, ein wenig zu flüstern: „Hat die grade Ultraschallbild gesagt?! Helmut…!“

Der Freund: „Oh man eh, hast du das schon wieder verschlampt oder wie? Ey, dann müssen wir direkt wieder zu der Schabracke. Die is‘ bestimmt angepisst, wenn du das Bild zum dritten Mal verloren hast… Und dabei wollt ich das doch meiner Mudder auf’n Tisch legen und abwarten, ob die von selbst erkennt, dass das Zwillinge sind!“

Ich muss ein Lachen unterdrücken, der Freund ist echt gut. Zwillinge. Ein wundervoller Schachzug. Hoffentlich bekommt Helmut nicht gleich einen Herzinfarkt. Oder Gerda. Oder beide.

„Wie kann man denn nur… in dem Alter…! Zum Glück war unsere Heike nicht so! Das ist ALLES nur Erziehung, Gerda, das sag ich dir! Eine Schande ist das… So jung und so oft schwanger… Haben die denn nichts Besseres zu tun?!“

Mit meinem freundlichsten Lächeln, das ich nur irgendwie ausgraben konnte, drehe ich mich zu Helmut um und sage: „Außer zu vögeln, meinen Sie? Nein, also, ehrlich gesagt nicht. So ist sie doch, die Jugend von heute, oder? Nur faul rumliegen, oder halt rumvögeln. Nichts lernen, nichts schaffen, kein Geld verdienen, für den Haushalt die Mudder als Putze einstellen, Kinder wie am Fließband in die Welt setzen und dann kein Verantwortung dafür übernehmen… Stimmt’s?“ 

Die beiden sind sichtlich geschockt, dass ich das Wort direkt an sie gerichtet habe. Auf Konfrontation waren sie wohl nicht aus, sie wollten nur ein bisschen gepöbelt haben, über die Jugend von heute und überhaupt. Und ich bin fasziniert ob meines ruhigen Tonfalls, und dass das alles so sicher aus mir heraussprudelt, wie eingeübt. Normalerweise ist das nämlich ganz und gar nicht meine Art, noch dazu nicht meine alltägliche Wortwahl und überhaupt.

Aber die beiden haben es echt geschafft, mich zu provozieren. Da haben die das, ich kann’s nicht anders sagen: Nicht anders verdient.

Gerda legt die Hand auf Helmuts Arm und sagt: „Komm, lass uns gehen…“
Helmut sieht so aus, als würde er innerlich kochen, ist wohl aber ein bisschen fassungslos. Er lässt sich von Gerda wegziehen. „So eine Frechheit…“, murmelt er noch.

Der Freund, der die Angewohnheit hat, immer das letzte Wort haben zu müssen, ruft den beiden noch hinterher: „Na, ein Glück war Ihre Heike nicht so! Wird dafür aber auch nicht allzu viel zu lachen gehabt haben, das arme Ding, wa…“

Wir sammeln die Neffen ein, die im Sandkasten mit dem Bauen von Burgen beschäftigt waren, und gehen uns ein wohlverdientes Eis gönnen.

Als wir die Jungs zuhause abliefern und der Schwester die Geschichte erzählen, sagt sie: „Na, ihr seid mir vielleicht welche… Sowas könnt ihr doch mit den armen Leutchen nicht machen! Die sind halt was verbohrt…“ Dennoch muss sie grinsen. „Ja, gut, irgendwie geschieht so Leuten ein Denkzettel gerade mal recht. Solche Menschen nerven einfach, die sich völlig sinnfrei und grundlos ein Urteil bilden und dann noch denken, ihre Meinung würde irgendwen interessieren…“ Plötzlich stockt sie. „Aber ey, nicht, dass ihr jetzt meint, ich bekomm‘ jetzt für euch mal eben noch Zwillinge, damit eure Geschichte vor Helmut und Gerda nicht in die Brüche geht, wenn ihr die in ein paar Monaten wieder trefft…!“

Hm. Schade eigentlich. 😀

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10 Gedanken zu „So ein Sonntag, der ist lustig…

    1. Tinalise

      Ja, leider *seufz*. Manche Leute haben wohl echt nichts Besseres zu tun, als andere Menschen zu verurteilen. Traurig eigentlich.
      Aber vielen Dank für die positive Reaktion 😉 Ganz so reif war’s wohl nicht von uns, aber naja… Was sein musste… :mrgreen:

      Antwort
  1. diewiderspenstige

    hahahaha danke, you made my day! 😀

    Mir ist das mal in der Therme passiert; hatte meine kleine Cousine (1 Jahr) auf dem Arm, die murmelt fröhlich irgendwas vor sich hin, was sich für fremde Ohren wohl wie „Mama Mama“ angehört haben muss, jedenfalls kam von zwei älteren Damen ein ähnlich netter Kommentar wie bei dir… 😀

    Bei so etwas könnte ich kotzen, vor allem, da in unserem Freundeskreis zwei Mädels so früh schwanger geworden sind; die eine mit 16, die andere mit 18… Und Oberstufe/Abi mit Baby ist nicht lustig… Und anstatt, dass man stolz auf diejenigen ist, wie sie den Alltag trotzdem so gut meistern etc und sie unterstützt, wird dann gemeckert und fröhlich ge/be/verurteilt…

    Antwort
    1. Tinalise

      😀 immer wieder gerne 😉

      😀 dann weißt du ja, wovon ich rede…

      Ohja, das ist echt traurig. Ich kenne zwar niemanden, der so früh ein Kind bekommen hat, dafür gab es in meiner Familie gleich zwei „Verhütungsunfälle“, wie man das so schön nennt, und zwar in 2 verschiedenen Generationen 😉 . Der Unterschied bzw. der Grund, weshalb das in der Gesellschaft kein Problem war: Beide Damen waren jeweils „im angemessenen Alter“, als dies passierte, und somit störte sich niemand dran. Aber wehe, ein 16jähriges Mädel vergisst mal, dass Antibiotikum und Pille sich nicht gut vertragen…
      Ich meine, klar MUSS es nicht sein, man ist doch aufgeklärt und kann doch aufpassen pipapo… Aber Menschen sind eben nicht unfehlbar.

      Antwort
  2. daslandei

    Na c) wäre auch meine Option gewesen. Ähnliches hab ich mal mit meinem Bruder durchgespielt, der auf einmal mein Sohn war ( bei 3 Jahren Altersunterschied 😉 )

    Antwort
    1. Tinalise

      😀 Ui, da hat sich der Bruder dann aber arg gut gehalten, oder? Das ist schon was seltsam. 😀
      Bei den Neffen und mir/dem Freund ist der Altersunterschied immerhin so groß, dass die beiden tatsächlich unsere Kinder sein könnten, so rein theoretisch. 😉 Also, das muss ich Gerda und Helmut dann ja doch lassen… :mrgreen:

      Antwort
  3. teacheridoo

    Herrlich! Und eigentlich genau richtig reagiert. Passiert viel zu oft, dass man derlei einfach unkommentiert hinnimmt.
    Ich bezweifle zwar, dass es dauerhaft eine Veränderung in Gerdas und Helmuts Denken herbeiführt, aber wer weiß. Geschadet haben wird es jedenfalls nicht.

    Antwort

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