Draco Malfoy und die Stunde des Schreckens…

Neulich in der Schule, 10. Stunde.

Ein Fünftklässler sieht aus wie Draco Malfoy. Wirklich. Original. Man kann’s nicht glauben. Ich warte ständig darauf, dass ein „My father will hear about this!“ aus ihm raussprudelt, aber es kommt nie. Schade eigentlich. Stattdessen gibt er sich auf jede andere erdenkliche Art und Weise Mühe, aufzufallen.

Vor ein paar Tagen war es wieder einmal besonders schlimm. Draco kreischt in der Klasse rum, kippelt extrem mit seinem Stuhl, macht Krach („Ich versteh‘ die Scheiße eh nicht! Kann mir hier mal jemand sagen, was’n Partnerteiler ist?! Alter, was is‘ das für ein MÜLL hier!“) *Geodreieck auf den Tisch knall, mehrfach* und ignoriert einfach prinzipiell und gänzlich alles, was ich sage oder mache. *seufz*
Herr W., der grade den Flur runterläuft, streckt kurz den Kopf zur Tür (Anm: in den Hausaufgabenstunden sind die Türen der einzelnen Räume fast immer offen, aber ich weiß auch nicht so genau, wieso das so ist) und brüllt in Richtung Draco: „Jetzt halt doch mal die Klappe, verdammt nochmal! NEIN, du hast jetzt Sendepause, mein Freund!“ Mhpf. Immerhin das hilft. Kurzzeitig. (Wieso bei mir nicht?! Manchmal bin ich ja von meiner Weiblichkeit genervt; bei den Männern zieht das irgendwie immer gleich viel mehr, wenn die mal Brüller loslassen.)

Die Stunde schreitet in Zeitlupe voran, Draco geht mir immer mal wieder auf die Nerven, es hält sich aber zum Glück einigermaßen in Grenzen.

Bis plötzlich: „Frau Studi, ey, ich geh‘ rüber. Zu meinen Freuuuuunden! In den andren Hausaufgabensaal! Zur Frau C.!“
Ich: „?!? Nee, du gehst mal nirgendwohin.“
Draco *hochroten Kopf bekommend* „ICH WILL ABER!“ *aus dem Raum stürmt*
Ich *hinterher stürm* „Eh sag mal, Freund, ich glaub‘, bei dir hackt’s. Du kannst doch nicht einfach rausrennen, wenn ich ’nein‘ gesagt habe!“ 
Draco: „Ja, dooooch! Ich will doch aber!“ Er wirft sich auf den Flurboden, stellt die Füße auf und stößt sich ab, sodass er mit seinem Rücken über den Boden in Richtung anderes Klassenzimmer schlittert.
Ich: „Nee, so läuft das nicht. Du machst jetzt aber, dass du wieder reinkommst. Los, steh auf und beweg dich wieder in den Raum!“ 
Draco: „Ich hab‘ vergessen, wie der Vorwärtsgang reingeht. Gucken Sie, ich kann mich nur rückwärts schieben!“
Ich, inzwischen nah dran, zu explodieren: „Witzig, Draco.  Treib’s nicht zu weit, auf jetzt, komm hoch und beweg dich wieder auf deinen Platz. Ich hab‘ echt keine Lust, deine Eltern anrufen zu müssen.“
Draco steht auf, stampft mit dem Fuß auf und sagt: „Ohhh man, aber ICH WILL ICH WILL ICH WILL!“
Ich bin fassungslos und mir inzwischen nicht mehr ganz sicher, wo ich mich eigentlich befinde. Sicher, dass das hier die fünfte Klasse eines Gymnasiums ist… und kein Kindergarten!? Draco jedenfalls schlurft letzten Endes doch zurück an seinen Platz.

Laura: „Ja, Frau Studi, geben Sie dem bloooooß nicht nach. Der kriegt fast immer, was der will. Deswegen ist der auch so drauf. Der nervt.“
Ich: „Hmh, keine Sorge, ich hab‘ auch gar nicht vor, dem nachzugeben.“

Keine drei Minuten später beschäftige ich mich kurz mit Lars, weil der etwas in Mathe nicht versteht. Als ich mich umdrehe, sehe ich Draco gerade noch so aus den Augenwinkeln aus dem Raum huschen. „#2!(„&$(&4ghsahsufubbv, verflucht nochmal, das darf doch einfach nicht wahr sein“, denke ich und stürze ihm – wieder einmal – hinterher.

Ich finde ihn im Nachbarraum bei der Kollegin C., wo er ja die ganze Zeit schon hinwollte. Draco versteckt sich in der Ecke hinter dem Stuhl seines besten Freundes. Ernsthaft?! C. guckt mich an: „Eh, der Draco kam hier grade einfach reingestürmt. Was zur…?!“
Ich, inzwischen überhaupt gar nicht mehr ruhig: „Draco, geht’s dir eigentlich zu gut? Was fällt dir ein, dich einfach so rauszuschleichen, obwohl ich schon 42894721 Mal ‚NEIN‘ gesagt habe, und dich dann einfach bei Frau C. im Saal zu verstecken?!“ 
Draco richtet sich auf, versucht verzweifelt, eine Krokodilsträne rauszudrücken. „Aber ich will ich will ich will doch… Ich will doch nur zu meinen Freundeeeen… Ey man ich will! *mit dem Fuß aufstampf* Bitteeeeee, eh was iss’n da jetz‘ das Probleeem dran, ey… Ich will jetzt hier im Saal bleiben!“ 
Wieder ich, fassungslos: „Überleg dir mal, wie du dich hier grade aufführst. Wie alt bist du denn, drei?!“ (Anm.: Wäre wohl sogar noch übertrieben. Nicht mal mein dreijähriger Neffe benimmt sich so.)
Draco: „Hahah jaaaa! Ich bin drei, genau! Und hab‘ gaaaanz viele Klassen übersprungen!“
[…]

Irgendwie schaffe ich es, Draco doch wieder mit zu mir in den Raum zu schleppen – nicht ohne, dass er sich vorher vor lauter Wut den Kopf gegen die Tür geknallt hat. Mit voller Absicht. Um hinterher zu jammern (Anm: Na, so fest war’s wohl auch nicht. Wird schon wehgetan haben, aber für ’ne Gehirnerschütterung hat’s auch nicht gereicht…) Ich verdrehe die Augen und denke mir: „Na, auch gut. Körperliche Züchtigung ist nicht drin, aber wenn die das von Zeit zu Zeit selbst übernehmen…“
Er erklärt mir allerdings permanent, dass Herr W., der die Klasse hauptverantwortlich in dieser Stunde beaufsichtigt (Anm: Das System läuft so, dass ein Fachlehrer die Hauptaufsicht führt, die Klasse aber geteilt und in Differenzierungsräume geschickt wird), den Kindern schließlich erlaubt habe, die Räume zu wechseln, wie es ihnen beliebt. Ja nee, is klar.

Als es ohnehin nur noch fünf Minuten bis Stundenende sind, hüpft Draco auf und ab: „Ey bitteeeee, kann ich zu Herrn W. gehen und den jetzt fragen, ob ich das und das machen kann, eh die Zeit ist doch eh voll knapp und so!“
Mir reicht’s endgültig. Ich antworte ihm, dass er gerne zu Herrn W. gehen könne – ich dann aber mitkäme. „Okay, ja, das können Sie machen!“ Hmz. Ob das Kerlchen ernsthaft dachte, Herr W. würde sich auf seine Seite schlagen? (Jedenfalls, da ich als Frau Studi nicht besonders viel Spielraum in der Schule habe, muss ich immer zum jeweiligen hauptverantwortlichen Kollegen, wenn’s Probleme gibt. Ist ’n bisschen doof, weil ich mir immer vorkomme wie so ein Depp, der die Sachen nicht selbst geregelt bekommt – ist aber leider so, Bürokratie-Bliblablubb usw.)

Was Draco darüber hinaus nicht weiß: Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein etwas schüchterneres kleines Siebtklässlerchen war, war Herr W. einer meiner Lehrer. Und zwar so einer mit Lieblingslehrerpotential. Wir kennen uns also schon sehr lange, der Herr W. und ich. Ein totaler Sympathieträger, charismatischer Familienvater-Typ, der relativ locker und gelassen ist, die Welt nicht zu ernst nimmt, seinen Beruf von Herzen liebt und eigentlich immer gut gelaunt zur Schule kommt. Was auch der Grund ist, wieso ich ihm letzten Endes doch verzeihen konnte, dass er mir ein Jahr vor’m Abi meine geniale Deutsch-LK-Lehrerin genommen hat („Sorry, dass die Familienplanung mit eurem Abi kollidiert!“); allen anderen Lehrern hätte ich das sicherlich ziemlich übel genommen ;).
Aber verärgern will man ihn auch nicht, den Herrn W. Ganz und gar nicht. Niemalsnicht.

Ich: „Herr W., der junge Herr hier war der Meinung, er müsse nicht darauf reagieren, wenn ich ihm sage, er solle den Raum nicht verlassen. Er zieht es vor…“ – Draco: „Neiiiin, das stimmt Ü-BER-HAUPT gaaaaaar net!“ – Herr W.: „Ruhig! Du hältst jetzt mal die Klappe! Lass die Frau Studi ausreden!“ –  „…einfach rauszustürmen. Und behauptet dann noch, Sie hätten das so erlaubt.“

Herr W. seufzt. „Was hab‘ ich erlaubt? Überhaupt gar nix hab‘ ich. Draco, hör mal auf, solche Lügen zu verbreiten! Und außerdem – was hast du mir gestern nochmal versprochen?!“
Draco, motzig: „Dass ich niemanden mehr schlage halt.“ [Ich: (!!)„Und ich hab‘ die Frau Studi ja auch nich‘ geschlagen.“ [Ich: (!!!) So weit kommt’s noch. Dann aber…]
Herr W., ungeduldig: „Davon geh‘ ich aus, das will ich dir auch geraten haben. Und was hast du mir noch versprochen?“
Draco: „Dass ich niemanden mehr ärgere.“
Herr W.: „…ja. Und…?“
Draco: „?“
„…Na, ist ’ne Lehrerin niemand?!“
„Achsooooooooo. Ja, stimmt. Lehrer sind auch jemand.“ (!)

Herr W. sieht Draco auffordernd an. „Und was machen wir da jetzt? Bzw. du, was machst du da jetzt?“
Draco trippelt von einem Fuß auf den anderen und sagt wiederholt: „Keine Ahnung/weiß nicht/was’n?“
Herr W. zeigt auf mich. „Mit der Frau Studi! Was machst du jetzt mit der Frau Studi?“
Ich denke: „Hoffentlich nicht doch noch eine reinhauen.“
Draco bleibt ratlos. Er hat keine Ahnung, er weiß nicht, was man da jetzt tun könnte.
Herr W., inzwischen ziemlich genervt: „Draco, verdammt nochmal! Was machen Menschen denn normalerweise, wenn sie einen Fehler gemacht haben!?“
Man hört den Groschen fallen. Ganz, ganz laut. Draco streckt mir verlegen die Hand hin. „Entschuldigung…“, murmelt er.

Ich nehme die Entschuldigung zwar an, betone aber nochmals, dass das so auf keinen Fall ginge und er sein Verhalten in Zukunft überdenken müsse. Und dass ich das nicht noch mal akzeptieren werde, sollte er sich erneut meinen Ansagen klar widersetzen. Ich erwähne auch, dass er sich deshalb nicht gleich den Kopf einschlagen müsse (Herr W., grinsend: „Hatter gemacht? So aus Wut? Mit Absicht? Na, hoffentlich hat’s ordentlich wehgetan, Junge! Gehört dir nämlich grade mal nicht anders!“) Draco nickt und schlurft in die Klasse.

Herr W. fragt mich, ob er nun die Eltern informieren solle. „Also, mir ist das egal, ich schreib‘ denen auch was, wenn du willst“, sagt er in seinem sympathischen Dialekt, in den er immer verfällt, wenn er mit Erwachsenen/Kollegen oder auch älteren Schülern spricht. Ich winke ab. „Nee, is‘ schon ok. Wenn ich das richtig sehe, hat der Junge eigentlich genug Probleme, sofern das nicht noch mal vorkommt, soll’s für mich gegessen sein.“ Mit einem leicht selbstironischen Grinsen füge ich hinzu: „Immerhin hat er mich ja nicht geschlagen, wie er vorhin extra betont hat.“

In genau diesem Moment bricht Tumult im Klassensaal aus.
„Herr W., Herr W.! Schlägereiiiiii!“, schreien einige Kids.
Ich schaue an Herrn W. vorbei in den Saal und sehe ein Menschenknäuel in der Mitte des Raums.
Herr W. verdreht die Augen, wirft mir einen kurzen entschuldigenden Blick zu, betritt den Klassensaal und lässt solch ein Donnerwetter los, dass sogar ich, die noch vor dem Saal steht, zusammenzucke. Nein, den Herrn W. möchte man wirklich nicht wütend machen.

So eine Aura brauch‘ ich auch. Ich will, ich will, ich will! *mit dem Fuß aufstampf* 😉

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9 Gedanken zu „Draco Malfoy und die Stunde des Schreckens…

  1. diewiderspenstige

    „dass er mir ein Jahr vor’m Abi meine geniale Deutsch-LK-Lehrerin genommen hat (“Sorry, dass die Familienplanung mit eurem Abi kollidiert!”)“ – waren die zusammen; so verheiratetes Lehrerpärchen an einer Schule?! 😉

    Und zu Draco; kein Kommentar. Ich wär da glaub ich so hilflos als Lehrer xD

    Antwort
    1. Tinalise

      Zu Draco: *seufz,seufz,doppelseufz* Ja, hilflos, das trifft’s wohl. Kerlchen wie Draco vermitteln mir immer ein wundervolles Gefühl der Inkompetenz und Überforderung, sag ich dir… Das macht auch keinen Spaß. :/

      Antwort
      1. diewiderspenstige

        hach ja, Lehrerpärchen… Ich hätte ja auch so eine geile Geschichte zu bieten, aber ich will die irgendwie nicht im lieben Internet erzählen xD
        Aber ich würde irgendwie nicht mit meinem Partner an einer Schule arbeiten wollen… o.O

      2. Tinalise

        Wie wär’s, wenn du mir die Geschichte mailst? 🙂 Das ist um einiges privater als auf ’nem Blog 😛

        Ja, das finden bei uns auch viele komisch. Aber naja, die haben sich da ja kennengelernt xD wollte sich wohl keiner versetzen lassen, nur weil die jetzt zusammen sind… ^^

  2. Pingback: Shorty: Tinalise und die Schule | tinatainmentia

  3. Pingback: Wieder selig… | tinatainmentia

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