Lichtblicke und sowas

Vor ein paar Wochen habe ich im Förderunterricht das erlebt, was man im Allgemeinen als „Lichtblick“ bezeichnet. Vielleicht sollte ich eher sagen: Ich durfte so einen Moment bzw. solche Momente erleben. Ist nämlich was verdammt Kostbares, das. Hab‘ ich auch direkt ins Denkarium abgelegt und werd’s mir hoffentlich ganz doll lange als guten Moment in Erinnerung behalten.

Nämlich, das war so:
Im Förderunterricht für die 7.Klässler befinden sich normalerweise 12 hochpubertäre Kindlein (11 Jungs, 1 Mädel + 1 Mädel, das freiwillig teilnimmt, warum auch immer, aber stören tut’s mich natürlich nicht). Also eigentlich 13, offiziell aber eben 12.
Von diesen 12 (13) Kindlein tauchen meistens so an die 8 auf (so ist das nämlich, wenn die Kindlein von den Kollegen erzählt bekommen, dass sie nicht zum Förderunterricht müssen, wenn sie doch noch Hausaufgaben bis zum folgenden Tag aufhaben oder gaaaaaaanz doll dringend für die Arbeit in Fach xy lernen müssen, und überhaupt. Und dann ist das Geschrei natürlich immer groß: „Aber Frau Studi, ich muss noch sooooooooooo viel machen. Ich hab‘ noch Englisch, Erdkunde, Kunst, Bio, Mathe… ALLES einfach!“ [Anm.: Würde ich mit der Geschwindigkeit „30 Minuten -> 1 Satz“ arbeiten, würde ich auch niemalsnie fertig werden *Augenroll*. Aber gut.]).
Also, 8-9 Kindlein eben. Welch entzückende Zahl! Damit kann man ja hervorragend arbeiten!, denken jetzt alle. Ja, im Grunde schon. Blöd nur, wenn die Förderkids aber fast ausschließlich aus Klassenclowns, hochpubertären Machos („Eh Frau Studi, Sie sin‘ schon voll korrekt gell, aba… Sie sind halt ’ne Frau, wissen Se?!“) und „Alda, sind wir hier, weil wir die Ausländer sind, oda was?! Voll rassismusisch von den Deutschlehrern, Frau Studi, ’schwör. Aber hehehe, also, die Assis sin‘ wir halt schon.“ [Anm: Dies ist ein unverändertes Originalzitat von Mohammed, keine Formulierung oder Meinung von mir] bestehen *seufz*. Ehrlich, ich hab‘ schon mit Klassen mit so 27-28 Kindlein gearbeitet, die einfacher zu handlen (oder ist das irgendwie eingedeutscht? Händeln? hmpfz!) waren. Ich mag die Kids aber. Wirklich! Überwiegend. Meistens. Ok, ich bin auch nur ein Mensch und ich muss zugeben, dass mir eine (!) von denen wirklich megamäßig auf die Nerven geht. Megamäßigst. Superlativischst.

Vor ein paar Wochen, als nun besagter Lichtblick stattfand, hatten wir den absoluten Teilnahme-Tiefpunkt erreicht: 2 Kindlein (Jungs, versteht sich) erschienen. Neben den üblichen „Ahhh Frau Studi, ich hab‘ soooooo viel zu tun, und wir schreiben doch noch trölfzig Tests und die nächsten zwei Tage sind fünfedausend Klassenarbeiten, und Ü-BER-HAUPT, und die Frau M. hat doch gesagt, wir müssen dann net Förder gehen!“ waren die Kindlein aus der C-HordeKlasse nämlich im Schullandheim (oder Landschulheim?! Ich hab‘ mich schon immer gefragt, wie das jetzt eigentlich richtig heißt. Oder geht beides? Die essentiellen Fragen des Lebens! :D).

Also. Es erschienen Balint und Menowin. Ersterer ist eigentlich ein ganz fleißiges und engagiertes Kindlein, das aber eben so seine Problemchen hat; letzterer ein kleiner, ein wenig fauler, aber sehr gewitzter und liebenswerter Chaot.
Balint: „Ahhhh Frau Studi, eh, ich hab‘ gar nix zu tun, aber ich brauch‘ auch kein Förder,
ich bin doch eigentlich voll gut in Deutsch! Ich hatte doch sogar ’ne Vier im Halbjahreszeugnis!“
Menowin: „Booooah Frau Studi, ich hab‘ gaaaaar nix mehr auf! Mir is‘ voll langweilig!
Kann ich in meine Klasse zurück?“

„?!?! Äh, nee? Ist doch gut, wenn ihr gar nichts mehr auf habt.
Das ist doch die optimale Voraussetzung,
dann habt ihr ja Zeit für den Förderunterricht.
Deshalb seid ihr doch hier, und nicht,
um hier eure Hausaufgaben zu machen.
Und wenn euch langweilig ist – umso besser!“

Menowin: „Oah aber nee, Frau Studi, so war das jetzt ja auch
nicht gemeint. Mir is‘ langweilig, aber ’sch hab‘ auch kein Booooock!“

Nichtsdestotrotz werden Arbeitsblätter ausgeteilt und wir erarbeiten was zu den verschiedenen Tempusformen. Welche es gibt, wie die heißen, wie man die bildet und sowas. Anfangs widerwillig, lassen die zwei Kerlchen sich dann doch drauf ein. Ich male ein möglichst überschaubares Tafelbild mit Beispielen und kennzeichne die Morpheme lustig farblich (hab‘ ich nämlich von meiner Lateinlehrerin geklaut, die Idee), und die Kerlchen malen das ohne zu jammern brav ab, finden das „voll cool, so mit den Farben! Voll buuuunt, Frau Studi! Aber öhhh, sagen Sie das net den anderen, sonst denken die noch, wir sind Mädels!“. So schreitet die Stunde lustig voran. Übrigens die erste Förderstunde bei den 7ern, in denen nicht mindestens fünf Beleidigungen durch die Gegend fliegen, weder auf Deutsch, noch auf irgendeiner anderen Sprache. Die Kerlchen sind total produktiv bei der Arbeit, füllen die Arbeitsblättchen aus und fragen mich bei jeder Lücke, ob das denn jetzt richtig sei, und wenn nicht, wie das denn richtig lauten könnte.

Als alles ausgefüllt ist und ich eigentlich gar nichts mehr geplant habe, weil das Zeitmanagement mit zwei Kindlein eben anders aussieht als mit den sonst chaotischen 8-13, und wir im normalen Rahmen auch niemalsnie auch nur mit diesen Dingen durchgekommen wären, denke ich eigentlich, dass sich die Stunde damit erledigt hat. Und weil die Kindlein auch so lieb, brav und engagiert mitgearbeitet haben, muss man sie ja auch gar nicht weiter quälen.

Doch weit gefehlt, denn plötzlich sagt Balint:
„Frau Studi! Wir haben noch sieben Minuten. Noch sieben! Da schaffen wir mal locker noch ein paar Aufgaben!“
Ich bin für einen kurzen Moment sprachlos. Hat der 13-jährige Bub mich gerade darauf aufmerksam gemacht, dass wir noch Zeit für weitere Aufgaben haben!? … Träume ich?!
Wieder Balint: „Gucken Sie mal, die letzte Aufgabe da [Verben in vorgegebene Tempora konjugieren. Sowas wie „Plusquamperfekt, fliegen, du“], das fand ich nicht so einfach. Können Sie mir noch so Aufgaben machen, so wie die?“

*Kinnlade zuklapp*
„Äh, ja klar. Gib mir mal dein Blatt,
ich schreib‘ dir noch ein paar Formen drauf.“

Menowin: „Mir auuuuch! Mir auuuuch! Ich will auch noch Aufgaben!“

Ganz verblüfft gebe ich beiden noch ein paar Aufgaben dieser Art, die sie in den verbleibenden sieben Minuten tatsächlich noch konzentriert bearbeiten und dabei kaum Fehler machen. Ich bin immer noch ein bisschen irritiert, aber eben im positivsten Sinne.

Als es klingelt, strahlt Menowin mich an. „Ich hab‘ gut gearbeitet, oder? Können Sie das der Frau L. auch sagen, ja? Die glaubt das nie im Leben!“
Balint nickt bestätigend. „Ja, war voll gut so zu zweit, Frau Studi. Können wir nicht immer so wenig sein?“

Als die beiden den Raum verlassen, starre ich ihnen immer noch ein bisschen fassungslos hinterher.
Ich bin ganz geflashed von dieser tollen Stunde, die ich mit den beiden Jungs gerade erleben durfte, vor allem, weil ich so eine engagierte und konzentrierte Mitarbeit im Förderunterricht (inbesondere von Menowin) so gar nicht gewohnt bin. Und dann noch die freiwillige Mehrarbeit *kopfschüttel* …

Und als sei dies nicht schon „schöner, erinnernswerter Moment“ genug, ging es noch weiter:
Eine Woche später habe ich eine Hausaufgabenstunde in Balints Klasse. Als irgendwer aus der Klasse, der nicht für meinen Förderunterricht angemeldet ist, nachfragt, was Plusquamperfekt sei, springt Balint auf: „Iiiich! Ich weiiiiß es! Frau Studi, kann ich anschreiben, wie man das bildet?!“ Ganz stolz und mit einem breiten Grinsen erklärt Balint seinen Mitschülern das Plusquamperfekt, und welche Zeiten es sonst noch gibt und so.
Als er sich wieder an seinen Platz (Balint sitzt immer ganz vorne in Pultnähe) setzt, flüstert er mir zu: „Ich hab‘ das nämlich noch zuhause geübt letzte Woche, Frau Studi. Und gucken Sie mal, ich hab‘ das denen jetzt erklärt – und die sind doch net mal Förder.“

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3 Gedanken zu „Lichtblicke und sowas

  1. Pingback: Von überraschenden Wendepunkten | tinatainmentia

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