Fäkalwörter klassenarbeitstauglich gemacht… Oder so.

Nachhilfeunterricht mit motivierten Schülern ist etwas ganz, ganz Tolles.

So frustrierend meine meisten Berührungen mit Nachhilfe in den letzten Jahren auch mitunter waren (ob der nicht vorhandenen Motivation, Mühen und Ansätzen jeglichen Verständnisses der Ex-Schüler), so sehr ziehen einen Schüler wie Gianni wieder nach oben.

Gianni ist Italiener und lebt, obwohl er ursprünglich in Deutschland geboren ist und ein paar Jahre hier gelebt hat, erst seit knapp drei Monaten wieder in der Republik. Die letzten zehn Jahre hat er in Italien bei seinen Großeltern verbracht. Er besucht nun die 11. Klasse eines Gymnasiums und hat größte Ambitionen, trotz etwaiger Sprachprobleme ein gutes Abitur abzulegen.

Seit ein paar Wochen gebe ich Gianni auf Nachfrage einer befreundeten Lehrerin hin Nachhilfe für seinen Grundkurs Deutsch. Das Thema der unlängst geschriebenen Kursarbeit lautete „Barocklyrik“ (Ich, innerlich: „Juhuuuu! Lyrik! *auf und ab hüpf* Wenigstens was G’scheits!“ [Wie sich wohl unschwer erahnen lässt, gehöre ich zu dieser selten vorkommenden Spezies unter den Germanisten, die Lyrik toll findet. Ansonsten haben das meine Mitschüler gehasst, die meisten Lehrer auch, die Kommilitonen sowieso und letztens ließ auch die Literaturwissenschaftsdozentin ein „Oh Leute, wir müssen da noch das Gedicht zu Beginn der Novelle besprechen. … Ich weiiiß ja, ich mag Gedichte ja auch nicht…“ verlauten. Tja, ich schon. Muhaha.]). Gianni hingegen war – Überraschung – weniger begeistert.

Man entschließt sich also dazu, zur Vorbereitung zunächst auf wichtige rhetorische Mittel und die äußere Form von Sonetten einzugehen, um im Anschluss einige sehr bekannte und wichtige Gedichte gemeinsam durchzugehen.

Ich also [in etwas begeisterterem Tonfall]: „Druck mal hier Dings, Menschliches Elende aus, und dann noch Tränen in schwerer Krankheit und für die folgenden Sitzungen noch x, y und z.“
Gianni [weitaus weniger begeistert]: „Mhmmmm. *grummel* Ich find’s ja gut, dass wir einige durchgehen wollen, aber wieso ausgerechnet die?“ Ich [optimistischst]: „Weil das so die bekanntesten sind und ich gaaaaaanz dolle sicher bin, dass eines davon in eurer Kursarbeit drankommt, sofern ihr es nicht im Unterricht noch behandelt. Also, ich kann’s nun nicht beschwören, aber ich hoffe es sehr. Und ’ne reelle Chance haben wir auch, das Kursarbeitssonett vorher zu erwischen.“ Gianni [nun etwas angetaner]: „Klingt gut. Los geht’s.“
Na also. Geht doch, mit der Begeisterung. 😉

Bei Besprechung des dritten Sonetts hat Gianni den Bogen, wie man so eine Gedichtinterpretation angeht, langsam raus. Begeistert erzählt er mir zunächst etwas von Alexandriner, Quartetten und Terzetten, Antithesen, Metaphern etc. Allerdings hat er im Wortschatz aufgrund seiner kurzen Aufenthaltszeit in Deutschland noch einige Lücken aufzuweisen, was besonders bei lyrischer Sprache (wie man sich ja denken kann), schwierig ist… Und eben generell bei Begriffen, die einem nicht alltäglich unterkommen.

Gianni stolpert wieder mal über ein Wort, das ihm nicht vertraut ist. Er schweigt. Ich: „Hm? Was ist, fehlt dir ein Wort?“ – „Ja. Ich weiß nicht… ich weiß nicht, was heißt.“ Er tippt auf das Blatt. Das Wort, das ihm fehlt, ist Kot. Hmz. Juhu. Gianni: „Was heißt?“
Ich überlege kurz, ob es irgendein nettes Wort dafür gibt, das er kennen könnte… komme dann kurzerhand zu dem Schluss, ihm einfach das zu nennen, was er mit Sicherheit versteht: „Nujoar. Also, hm… Eigentlich bedeutet es Scheiße.“ (Anmerkung: Gianni ist 17 Jahre alt. Da kann man sowas ja schon mal sagen, ohne sich selbst dafür tadeln zu müssen, jetzt sowas gesagt zu haben. :D) Gianni lacht. „Achsoooo. Wieso steht das da nicht gleich?“

In dem Moment schießt mir etwas durch den Kopf. „Gianni“, sage ich, „du kannst dann aber nicht ‚Scheiße‘ in die Kursarbeit schreiben, wenn du etwas über diesen Vers schreiben willst. Das würde man dir als Ausdrucksfehler anstreichen… nicht gut. Nicht kursarbeitstauglich.“ Gianni sieht mich an, überlegt. „Mh, okay. Dann nicht. Was soll ich denn sonst schreiben?“ – Ich: „Mh, naja. Am einfachsten ist es, du zitierst den Vers einfach. Oder du schreibst Fäkalien, oder Ausscheidungen oder so. Irgendwas möglichst Neutrales.“ Gianni nickt, schreibt sich die genannten Begriffe neben den Text.

Diese Nachhilfestunde spielte sich vor ca. einer Woche ab. Gestern wurde die Kursarbeit geschrieben. Tschakkalakka an dieser Stelle: Tränen in schwerer Krankheit kam tatsächlich dran.

Gianni berichtet mir begeistert, dass er ganz viel gewusst habe und sich an ganz vieles von dem, was wir zu dem Gedicht gesagt hatten, erinnert habe. Voller Enthusiasmus zählt er mir auf, welche Stilmittel er wie gedeutet hat und wie er versucht hat, das alles möglichst gut auszudrücken. Dann sagt er: „Ja, und dann war da doch dieses Kot-Wort [klingt ein bisschen wie Code-Wort :D], ne? Und Tina, ich wusste ja, du hast gesagt, ich muss da gucken, dass ich neutrales Wort finde. Hab‘ dann auch versucht, mich zu erinnern, was du gesagt hast dafür, ne? Naja. Wusst ich nicht mehr so ganz. Aber ich hab dann ein gutes Wort gefunden.“
Ich: „Oh, und, was hast du hingeschrieben?“

Gianni guckt mich stolz an und sagt: „‚Scheiße‘ soll man ja net schreiben, gell… Also hab‘ ich hingeschrieben: ‚Ausscheißungen‘.“

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7 Gedanken zu „Fäkalwörter klassenarbeitstauglich gemacht… Oder so.

  1. teacheridoo

    Gotcha!

    und

    First one to leave a comment. Yay!

    😉

    Ich dachte ganz lang, ich könne mit Lyrik nichts anfangen. Aber dann packte mein Fachdidaktik-Prof in einem Seminar einen Knaller nach dem anderen aus. Muss ich auch mal zu bloggen.

    Antwort
    1. Tina

      Lyrik ist supidupitollo. Ich weiß nicht, warum das alle so … empfinden, als wäre es mit Fäkalien behaftet. 😀 😉
      Und: Yay! Juhu! Kommentaaaaaare! 🙂 Vielen Dank 😛 also dafür und generell, weil wegen du ja vorhast, meine fleißige Leserin zu werden, nech? 😉 *no pressure* 😀

      Antwort
      1. teacheridoo

        Hatte ich natürlich vor. *duck*

        Wenn Du Lyrik magst, dann stöber mal auf der Gedichteseite vom Fontanefan –> in meiner Blogroll unter „apaged“.

  2. teacheridoo

    …und jetzt habe ich auch den Artikel gelesen (musste leider erst meiner Euphorie darüber, Dich stalken zu können, Ausdruck verleihen.)

    Herrlich. Ich finde, er hat es seinen Möglichkeiten entsprechend sehr elegant gelöst. 🙂

    Antwort
    1. Tina

      😀 das kann ich nachvollziehen, so geht es mir auch manchmal.
      Ja, ich fand’s auch sehr schön. 😀 Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert, weil man ja schon sieht, dass er nach einem anderen Wort gesucht hat… Ich würde gerne das Gesicht der Lehrerin bei der Korrektur sehen. 😀

      Antwort
  3. Pingback: Efrising is ‘bullshit’… | tinatainmentia

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